Schleier

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Schleier

Im Deutschen bezeichnet der Begriff „Schleier” gemäß gängiger Lexika eine traditionell vor allem von Frauen getragene Verhüllung oder Umhüllung des Körpers, des Kopfes, des Gesichtes oder des Haares.

  • Das Haupthaar ist immer verhüllt
  • Die Verschleierung reicht fast immer zumindest bis zum Nacken
  • Manchmal ist das Haupthaar vollständig verhüllt, manchmal ist es nur teilweise verhüllt und beispielsweise der Haaransatz ist sichtbar
  • Das Haupthaar auf der Rückseite des Kopfes ist hingegen fast immer vollständig verhüllt
  • Manchmal ist der Hals umhüllt, manchmal nicht
  • Manchmal ist das Gesicht ganz oder teilweise bedeckt, manchmal nicht
  • Manchmal ist der Körper vollständig eingehüllt, manchmal teilweise, manchmal nicht

Die einfachste Form eines vollständig ausgeführten Schleiers ist also ein Kopftuch.

Mehr als bei jedem anderen Kleidungsstück sind aber Steigerungen denkbar, bis schließlich der ganze Körper, einschließlich des Gesichts, der Hände und der Füße verhüllt ist.

Die Lexika kennen aber für diese gesteigerten Formen keine eigenständigen Bezeichnungen - lediglich für eine nur teilweise Verschleierung des Gesichts gibt es mit „Halbschleier” eine eigene Bezeichnung.

Die Umgangssprache hat darum neue Bezeichnungen erfunden, die häufig irreführend sind und Verwirrung stiften.

2001 - Neue Bezeichnungen ziehen in die Umgangssprache ein

Bis etwa 2001 wurde der Begriff „Schleier” umgangssprachlich vor allem für Gesichtsschleier jeglicher Art verwendet - sei es der Schleier der Bauchtänzerin oder der Schleier der orientalischen oder auch biblischen Frau. Um andere Formen davon abzugrenzen, sprach man ausdrücklich vom „Schleier der Nonne”, vom „Brautschleier”, vom „Halbschleier” usw.

Erst ab 2001 zogen für den Gesichtsschleier muslimischer Frauen andere Begriffe in die Umgangssprache ein: Zuerst „Burka” (womit in den Lexika eigentlich entweder (und das schon lange vor 2001) ein kaukasischer Mantelumhang aus rauem Fell oder aber der Chadri paschtunischer Frauen bezeichnet wird), drei Jahre später dann „Vollverschleierung”, „Vollschleier”, zwei Jahre darauf „Nikab”. Zugleich wurde der Begriff „Schleier” immer weniger verwendet.

Schleier und Halbschleier

Nach den gängigen Lexika muss man zwischen einem Schleier und einem Halbschleier unterscheiden - wobei sich der Begriff Halbschleier lediglich auf eine Verhüllung des Gesichts bezieht. Der Halbschleier bedeckt das Gesicht lediglich teilweise (so einige Definitionen einschließlich meiner eigenen) bzw. zur Hälfte (so andere Definitionen).

So ist der von einem Hut herabhängende und die Augen bedeckende Schleier ein Halbschleier.

Umstritten ist, ob auch der Niqāb ein Halbschleier ist, da er das Gesicht zwar nur teilweise, aber doch mehr als zur Hälfte bedeckt. Vergleicht man mit anderen „Halb”-Sachen (vgl. Halbschuhe, Halbzüge, Halbglatze, Halbautomatik) kommt es gar nicht auf eine genaue Halbierung an, sondern auf eine gegenüber der Vollausführung reduzierte Ausführung.

Vollverschleierung und Vollschleier

Umgangssprachlich häufig verwendete Begriffe wie „Vollverschleierung” oder „Vollschleier” finden sich in Lexika nicht, sie ergeben auch im Deutschen nicht wirklich Sinn.

Das ab 2004 vermutlich aus dem Französischen („voile intégral”) ins Deutsche übertragene „Vollverschleierung” bezieht sich nach den Regeln der deutschen Sprache auf einen Füllzustand: vollständig gefüllt.

Das im gleichen Zusammenhang, aber etwas später entstandene „Vollschleier” meint nach den Regeln der deutschen Sprache die vollständige - und nicht nur teilweise - Ausführung eines Schleiers (vgl. Volljährigkeit, Vollschiffe, Vollzüge, Vollkost, Vollpflege, Vollpension, Vollakademiker, Vollglatze, Vollkaskoversicherung). Ein Vollschleier ist demnach ein Schleier, der das Haupthaar bedeckt und bis zum Nacken reicht. Eine solche Bezeichnung findet sich aber nicht in den Lexika.

Der Gesichtsschleier der muslimischen Frau

Den typischen Gesichtsschleier der muslimischen Frau, arabisch نقاب, nach der DIN-Norm 31635 als „Niqāb” aus der arabischen in die deutsche Schrift transliteriert, kann man im Deutschen als „Nikab”, „Niqab”, „Schleier”, „Gesichtsschleier” oder „Halbschleier” bezeichnen. Umstritten ist, ob man ihn als „Vollschleier” bezeichnen kann (nach meiner Auffassung nicht). Eindeutig falsch sind jedoch die Bezeichnungen „Burka” oder „Vollverschleierung” (oder auch falsche Schreibweisen wie z.B. „Niquab”).

Der Schleier in Geschichte und Gegenwart

Der Schleier ist sicherlich eines der ältesten Kleidungsstücke der Menschheit - weit älter als der Islam, weit älter als das Christentum, weit älter als selbst das Judentum. 

Für die Frauen der Bibel war der Schleier ebenso unverzichtbar wie für die Frauen der ersten Muslime, die ihn vermutlich von Juden und Christen übernommen haben.

Im Deutschen kennen wir heute...

  • ... den Schleier biblischer Frauen (z.B. Rebekka, Tamar, die Braut im Hohelied, Susanna, die Frauen in Korinth),
  • den Brautschleier, der im Christentum allerdings erst im vierten Jahrhundert entstanden ist,
  • den Schleier der Nonnen, der zur Zeit seines Entstehens den Schleier ehrbarer verheirateter Frauen nachahmte, ebenso
  • das Häubchen der Diakonissen,
  • den Trauerschleier,
  • den Halbschleier (zum Verdecken der Augen) als modisches Accessoire der gehobenen Damenmode bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts,
  • das westliche Kopftuch, das die Haare meist nicht vollständig verdeckt und als modisches Accessoire oder dem Schutz des Haupthaars dient (dies vor allem zu einer Zeit, als die Haarpflege noch aufwendig war),
  • das zum Kirchgang oder zu gottesdienstlichen Anlässen getragene Kopftuch, das die Haare meist nicht vollständig bedeckt,
  • das „Kopftuch” muslimischer Frauen (arab. Tarha, türk. Başörtüsü oder Esarp),
  • den „Tschador” muslimischer Frauen (eigentlich den Čádor schiitischer bzw. iranischer Frauen),
  • den „Burka” muslimischer, meist paschtunischer Frauen (eigentlich Chadri, ein meist blauer Schleier mit integriertem Gesichtsschleier, der aus Afghanistan stammt) und
  • den „Nikab” muslimischer Frauen (eigentlich Niqāb, wörtlich übersetzt (Gesichts-) Schleier oder Maske)

Die in 1. Korinther 11,3-16 erwähnte Kopfbedeckung betender oder prophetisch redender Frauen ist ein der römischen Kultur entlehnter Schleier, der freien römischen Frauen für die Teilnahme an Kulthandlungen wie hier in der römischen Kolonie Korinth vorgeschrieben war. Es handelt sich dabei nicht um einen Schleier für den Gebrauch im Alltag, den die Frauen der ersten christlichen Gemeinden aber überwiegend getragen haben, da es für freie Frauen als unschicklich galt, in der Öffentlichkeit unverschleiert zu sein.

Im Westen unterscheiden wir heute oft zwischen einem „Kopftuch”, wenn das Tuch nicht bis weit über die Schultern reicht bzw. die Haare nicht vollständig verdeckt sind, und „Burka”, wenn das Tuch sehr groß ist und zumindest Stirn, Wangen und Kinn, möglicherweise auch das Gesicht, bedeckt sind. Die nicht ganz scharf gezogene Trennlinie ist vor allem die Frage, ob Haare und Schultern von einem großen Tuch vollständig bedeckt sind (Schleier) oder nicht (Kopftuch).


In der obigen Liste fehlen eigentlich noch einige Formen des hierzulande üblichen Schleiers bzw. vergleichbarer Formen, die ich dem Leser nicht vorenthalten möchte, weil sie eigentlich schön manche Doppelstandards aufzeigen, wenn es um geforderte „Burkaverbote” geht:

  • die verspiegelte Sonnenbrille, die natürlich nichts mit der „Burka” zu tun hat,
  • die Maske beim Karneval oder bei Brauchtumsveranstaltungen,
  • die Vermummung im kalten Winter,
  • die Atemmaske als Schutz vor Infektionen, Staub usw.,
  • der Gesichtsschleier von Bauchtänzerinnen, den kein Befürworter eines „Burkaverbotes” jemals verbieten würde, und
  • die „Burka” als von vorgeblichen Befürwortern des „Burkaverbotes” mit schöner Regelmäßigkeit geforderte Zwangskleidung für vermeintlich dickere Frauen oder solche ab 40, die in der Öffentlichkeit Miniröcke oder Leggings tragen mögen
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