Wenn Emanzipation, Gleichberechtigung, Frauenrechte und Feminismus bedeuten, dass Frauen genau die sexy Kleidung tragen dürfen, die sie wollen; dass sie genau das glamouröse Make-up auflegen dürfen, das ihnen in den Sinn kommt; dass ein Rock, egal wie kurz oder eng, niemals Dich oder Mich meint und ebenso wenig „Ja!”; dass man einer Frau nicht unterstellen darf, sie wolle mit ihrer freizügigen Kleidung Männer „heiß machen”; dass auch vermeintlich nicht so gut aussehende Frauen, über 40-Jährige Frauen oder solche mit Übergewicht Minirock oder Leggings tragen dürfen, ohne dass man ihnen eine „Burka” empfiehlt; dass Frauen, die Miniröcke tragen, keine Mitschuld tragen, wenn sie sexuell belästigt oder vergewaltigt werden; dass Frauen sich für Geld ausziehen dürfen; dass Frauen als Sexarbeiterinnen tätig sein dürfen; dass Frauen selbst darüber bestimmen, mit wem sie eine Beziehung führen und vom wem sie ein Kind bekommen, wenn also Emanzipation all das bedeutet, warum gilt das eigentlich immer um so mehr, je mehr eine Frau ausziehen will, je mehr eine Frau sich auf viele Partner einlassen will - aber sobald sie Hidschāb oder gar Niqāb tragen will, sobald sie nur noch für einen Mann da sein will, da gilt sie plötzlich als nicht mehr emanzipiert, sondern als unterdrückt, nicht gleichberechtigt, rechtlos und patriarchalen Strukturen unterworfen?

Ich weiß nicht, ob sich Befürworter eines Niqāb-Verbotes für den gesamten öffentlichen Raum darüber Gedanken machen, was eigentlich geschieht, wenn ein solches Verbot in Kraft tritt. Ich denke, sie tun es eher nicht.

Sie können freilich nicht annehmen, die Frauen würden dann plötzlich alle miteinander ihren Niqāb ablegen, Männer, die ihre Frauen zur Verschleierung zwingen, würden ihnen plötzlich erlauben, sich ohne Niqāb in der Öffentlichkeit zu bewegen.

Eines der häufigsten Argumente gegen den Niqāb und für ein Verbot ist die vermeintliche Verletzung eines Grundprinzips unserer Gesellschaft, der Gleichberechtigung.

Verstößt es denn nicht gegen die Gleichberechtigung, wenn Frauen gezwungen werden, sich zu verschleiern - vor allem, wenn ihre Männer in eher legerer Kleidung, oft mit kurzen Ärmeln, herumlaufen, die völlig verhüllte Frau als „schwarzes bewegliches Objekt” im Schlepptau?

Befürworter eines Niqāb-Verbotes meinen häufig, der Niqāb verstoße, da das Gesicht bedeckt wird, gegen die Regeln für ein gesellschaftliches Miteinander.

Selbstverständlich gibt es Regeln für das gesellschaftliche Miteinander:

Derzeit wird eine Kleidung als besonders schlimm dargestellt - der Niqāb muslimischer Frauen.

Obwohl kein Mensch weiß, ob hierzulande Mädchen oder Frauen gezwungen werden, Niqāb zu tragen und falls ja, wie viele; obwohl kein Mensch weiß, wie und vom wem ein Verbot des Niqāb eigentlich umgesetzt werden soll und obwohl sich kaum jemand fragt, welche Folgen das dann für die muslimischen Frauen hätte - mit Schlagworten wie „Gleichberechtigung”, „Frauenrechte”, „Integration” überbieten sich gerade auch Politiker in Verbotsforderungen.

Ich habe mich, als ich diesen Artikel verfaßt habe, gefragt, wie Gott - also der Gott und Vater Jesu Christi, an den wir Christen glauben - über jene von uns Christen denkt, die Muslimas zwingen, den Niqāb abzulegen.

Ich denke, es ist ebenso, als würden wir Muslime zwingen, Alkohol oder Schweinefleisch zu konsumieren - Gott würde uns zur Rechenschaft ziehen.

Im Deutschen hat sich der irreführende Begriff „Burka” für den Körper- und Gesichtsschleier muslimischer Frauen eingebürgert.

Der korrekte arabische Begriff Niqāb bedeutet im Deutschen nur „Schleier” (und steht so auch in arabischen Bibelausgaben), doch denken wir dabei hierzulande eher an den Brautschleier, an den Trauerschleier, an ein modisches Accessoire aus den 1920er Jahren oder auch an den Habit katholischer oder orthodoxer Nonnen, wobei dieser nicht das Gesicht der Trägerin bedeckt. Offenbar gilt der Begriff „Schleier” vielen als verharmlosend, wenn es um die Verschleierung muslimischer Frauen mit der „Burka” geht (offen bleibt, warum sich in den letzten Jahren „Burka” durchsetzen konnte und nicht etwa „Nikab”).

Der Niqāb muslimischer Frauen ist freilich keine Erfindung der Muslime - die Grundform hat Muhammad so in Arabien vorgefunden, gerade auch bei jüdischen und christlichen Frauen in seiner Umgebung, und er hat sie für seine eigenen Frauen und für die Frauen und Töchter der Muslime übernommen - unter der Bezeichnung Ǧilbāb, unter dem die Muslimas den Schleier bis heute kennen. Von damals her zieht sich eine gerade Linie zum heutigen Niqāb, der darum in allen Rechtsschulen des sunnitischen Islam als Sunna gilt, als den Traditionen des Propheten gemäß.

Rabenschwarz scheint die vorherrschende Farbe zu sein, in der sich Niqābi in der Öffentlichkeit kleiden. Schwarzer Mantel, schwarzer Hidschāb, schwarzer Niqāb, möglicherweise auch schwarze Handschuhe. Selbst Schuhe und Handtasche sind manchmal schwarz. Fast schon gewagt wirkt da ein dunkelblauer Farbtupfer.

Grundsätzlich ist es aber nicht so, dass Schwarz die einzig verfügbare Farbe für Niqāb & Co. wäre - Online-Shops bieten etwa auch Farben mit so schönen Bezeichnungen wie Türkis, Lavendel, Burgunder, Flieder, Marineblau, Königsblau, Aubergine, Magenta und natürlich auch Farben wie Grün, Braun, Grau, Weiß, Rosa, Violett, Weinrot, Kirschrot...

Eines der häufigeren Argumente gegen die Verschleierung mit dem Niqāb bzw. für ein Verbot liegt darin, dass es ja auch nicht erlaubt sei, nackt herumzulaufen.