Wann ist ein Schleier eigentlich eine „Burka”?

Nein, damit meine ich dieses Mal nicht den Unterschied zwischen Burqa, Niqāb, Çarşaf & Co., die alle immer wieder unter dem irreführenden Schlagwort „Burka” geführt werden.

Sondern: Wie viel vom Gesicht muss bedeckt sein, damit ein etwaiges „Burkaverbot” greift?

Und greift ein „Burkaverbot” eigentlich immer - oder gibt es Zeiten, zu denen eine muslimische Frau einen Niqāb tragen darf?

Der Terminus „öffentlicher Raum” wird in der Niqāb- und Burqa-Debatte zwar regelmäßig verwendet, ist aber eigentlich nicht genau definiert.

Für die einen ist es der Raum, der sich im Besitz der öffentlichen Hand befindet und von dieser verwaltet, gepflegt und kontrolliert wird - unabhängig davon, wer diesen Raum nutzen darf.

Für die anderen ist es der Raum, der für die Öffentlichkeit frei zugänglich ist und von ihr genutzt wird - unabhängig davon, in wessen Besitz sich dieser Raum befindet. Auch in Privatbesitz befindlicher, aber von der Öffentlichkeit genutzter Raum kann demnach öffentlicher Raum sein.

Daneben gibt es noch den halböffentlichen Raum, zu dem die Öffentlichkeit zumindest zeitweise beschränkten Zugang hat.

Früher galt für den öffentlichen Raum, dass die Benutzung jedermann möglich sein sollte und eigentlich nur zwei Regeln erforderte: „Sei rücksichtsvoll - verhalte dich im öffentlichen Raum so, dass du andere nicht belästigst und hinterlasse den öffentlichen Raum so, wie du ihn vorfinden möchtest.”

Es ging grundsätzlich darum, die Voraussetzungen für ein geordnetes Miteinander zu garantieren, jedoch eher nicht um eine Förderung des Miteinanders im öffentlichen Raum.

Innerhalb des öffentlichen Raumes waren die einzelnen Bereiche entweder mehr für die Fortbewegung gedacht, um von einem Ort zu einem anderen zu gelangen, oder mehr für den Aufenthalt, für eine Freizeitaktivität usw. Je nachdem galten in den Bereichen, in denen man sich aufhielt, vielleicht etwas strengere Regeln, wenn die Rücksicht das erforderte (so kennt meine Generation noch die Badekappenpflicht in Schwimmbädern).

Eine häufig vertretene These ist, dass es die Identifizierbarkeit einer Person ist, die im öffentlichen Raum ein Kennenlernen der anderen und eine Wertschätzung ihnen gegenüber ermöglicht. Eine ständige Verschleierung im öffentlichen Raum mache dies unmöglich, darum sei ein Verbot von Niqāb und Burqa in der Öffentlichkeit sinnvoll.

Ein erstes Problem der aus dieser These folgenden Forderung nach einem Verbot besteht darin, dass nicht jede Niqābi ihren Niqāb in der Öffentlichkeit ständig trägt. Man kann aus dieser These eigentlich nur ein Verbot der ständigen Verschleierung im öffentlichen Raum begründen, nicht aber der gelegentlichen. 

In der Debatte um das Tragen des Niqāb in der Öffentlichkeit und die damit häufig einhergehende Verbotsforderung werden die Termini „identifizieren” und „erkennen” häufig synonym verwendet. Aber die Begriffe sind nicht beliebig austauschbar, wie man an folgendem Satz erkennen kann:

„Man kann eine Niqābi nur ohne ihren Niqāb identifizieren - und man kann eine Niqābi nur mit ihrem Niqāb erkennen.”

In unserer Gesellschaft verstehen wir den Niqāb leicht als ein Hindernis, eine Barriere zwischen den Frauen, die ihn tragen - also „ihnen” - und „uns”, die wir nur den Niqāb vor uns sehen, nicht aber das Gesicht der Frau.

Sie und wir, Muslime und Nichtmuslime, muslimische Frauen und eine - aus welchen Gründen eigentlich? -  abgelehnte Gesellschaft, muslimische Frauen, die sich von uns abgrenzen, absondern, muslimische Frauen, die sich nicht mit uns integrieren wollen.

Dieses Verständnis trifft jedoch in keiner Weise den Grund, warum muslimische Frauen in der Öffentlichkeit einen Niqāb tragen. Den Grund, den wir nur so schwer verstehen.

Im Folgenden versuche ich den Grund aus Sicht gläubiger (konservativer) Muslime zu erklären.

Die Antisemitismus-Forschung kennt den von Natan Sharansky entwickelten 3-D-Test, um Israelkritik daraufhin zu untersuchen, ob sie antisemitisch ist oder nicht: Israelkritik sei immer dann antisemitisch, wenn sie Dämonisierung, Doppelstandards und Delegitimierung aufweist.

Grundsätzlich eignet sich der 3-D-Test immer, um bestimmte Formen der Kritik, die auf eine Gruppe von Menschen abzielt, als eine gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit - oder Rassismus - zu entlarven. Und manchmal gibt es sogar mehr als nur drei D's, die den menschenfeindlichen Charakter der Haltung einer Gruppe gegenüber ans Licht holen.

So nimmt es nicht Wunder, dass auch die Kritik an den Frauen, die Niqāb tragen, mit dem einen oder anderen „D” treffend beschrieben und damit einer gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit zugeordnet werden kann. Ich habe sogar sechs D-Test-Fragen gefunden, neben Dämonisierung, Delegitimierung, Doppelstandards auch noch Depersonifizierung, Desintegration und Desinformation.

Wer „Burka” liest, hört, sagt oder schreibt, denkt natürlich zuerst und zuletzt an die Verschleierung muslimischer Frauen, an Niqāb oder Burqa.

Aber nicht nur „ex oriente burka” - nein, auch der Westen hat so seine „Burkas”, die natürlich geschickt verschleiert sind.

Viele Befürworter eines fälschlich so genannten „Burkaverbotes” begründen ihre Verbotsforderung damit, dass sie die betreffenden Frauen durch ein Verbot des Niqāb integrieren wollen. Integrieren - oder doch eher assimilieren?

Immer wieder höre die Äußerung, man habe ja nichts gegen den Hidschāb, aber der Niqāb sei einfach zu extrem. Hierzu wollte ich eigentlich nur eine eher knappe Antwort verfassen, von wegen: So groß, wie man annimmt, ist der Unterschied zwischen Hidschāb oder Çarşaf einerseits und Niqāb andererseits ja gar nicht, aber die Antwort wurde dann doch länger und länger.

Zuerst wurde mir klar, dass die Größe der einzelnen Partien des Gesichts ihre Bedeutung für das Erkennen einer Person und ihrer zur Ausdruck gebrachten Mimik nicht widerspiegelt. Wir haben große Bereiche im Gesicht, die zum Erkennen einer Person und vor allem zum Deuten der Mimik weniger beitragen als manche kleinere Bereiche. Und dann wurde mir noch klar, dass es eigentlich beim Gesicht meist weniger um das Erkennen der Person und der Deutung ihrer Mimik geht, sondern um etwas ganz anderes: Um die Attraktivität des Gesichts. Die ist uns extrem wichtig. 

Der folgende Beitrag versucht diese Punkte ausführlich darzustellen. Die einzelnen Abschnitte bauen aufeinander auf - welcher Natur ist der Unterschied zwischen Hidschāb und Niqāb? Wie nehmen wir das Gesicht eines Menschen eigentlich wahr? Welche Bedeutung haben die einzelnen Bereiche des Gesichts? Welche Bedeutung hat das Gesicht eines Menschen für uns?