Kleidung kommuniziert - damit, wie wir uns kleiden, sagen wir etwas aus. Da gilt dann auch der Satz: „man kann nicht nicht kommunizieren“.

Auch der Nikab einer muslimischen Frau kommuniziert. Durch ihn teilt sie uns etwas mit. Er ist nonverbale Kommunikation - und wie immer, wenn es um Kommunikation geht, muss man die „Sprache“ lernen, ehe man sie verstehen kann. Das gilt selbst für die Mimik - wir erlernen, was welche Mimik ausdrückt. Mimik zu deuten ist keine angeborene Fähigkeit. Und dabei gibt es kulturelle Unterschiede, etwa zwischen Westeuropäern, Ostasiaten oder Subsahara-Afrikanern. Mimik erlernen wir schon von Kindheit an, zuerst von unseren Eltern.

In islamischen Ländern, in denen der Nikab verbreitet ist, lernen die Menschen ebenfalls früh, was der Nikab ausdrückt. Sie können auch feine Nuancen unterscheiden. So lernt etwa eine Tochter von ihrer Nikab tragenden Mutter, die Geheimnisse der nonverbalen Kommunikation durch den Nikab.

In Westeuropa haben Nikab-Trägerinnen es schwerer; denn meist stammen sie aus Familien, in denen die Mütter keinen Nikab tragen. Rund ein Drittel sind zum Islam konvertiert, und selbst von denen, die in eine muslimische Familie hinein geboren worden sind, haben viele Frauen keine Mutter und keine Tanten, die Nikab tragen. Sie verstehen darum nicht die kleinen, feinen Nuancen in der nonverbalen Kommunikation des Nikab. Und sie entwickeln eigene Ausdrucksformen.

Wir haben als Deutsche kaum eine Chance, die Feinheiten der nonverbalen Kommunikation des Nikab zu erlernen.

Aber nicht nur das - meist verstehen wir nicht, was der Nikab sagt bzw. was seine Trägerin ausdrücken will. Und wir haben unsere eigenen Vorstellungen, was der Nikab sagt, Klischees, Vorurteile. Wir meinen etwa, er bringe „Unterdrückung“ zum Ausdruck oder auch „ich halte jeden Mann für ein triebgesteuertes Monster, das sich nur beherrschen kann, wenn ich mein Gesicht verschleiere“.

Aber mit solchen Übersetzungen liegen wir verkehrt.

Was aber sagt der Nikab nun aus?

Ich habe ein wenig die Sprache des Nikab gelernt und möchte Sie an diesem Wissen teilhaben lassen.

„Ich übe meine Religion aus.“

Vergessen Sie erst einmal jede andere Deutung.

Eine Muslimin, die Nikab trägt, tut dies zuerst einmal, um ihre Religion auszuüben.

Es ist, anders als das Kreuz der Christen oder deren Fisch-Symbol (Ichthys), nicht zuerst ein religiöses Symbol, sondern schlicht Religionsausübung.

Es ist auch nicht Symbol der Zugehörigkeit zu irgendeiner Religionsgemeinschaft oder einer bestimmten Strömung (etwa der Salafiyya), sondern Religionsausübung.

Es ist auch nicht Symbol dafür, „besser“ oder „reiner“ als unverschleierte Frauen zu sein, sondern Religionsausübung.

Es ist auch nicht Zeichen dafür, „unterdrückt“ zu sein (am Nikab kann man nicht ablesen, ob eine Frau unterdrückt wird oder nicht), sondern Religionsausübung.

Dem nachgeordnet sind aber andere Aussagen:

„Ich bin eine Frau, die Gott liebt und ihm darum nahe sein will. Darum halte ich mich an seine Gebote. Also trage ich Nikab.“

Wenn ich eine Nikab-Trägerin, der ich begegne, frage, ob ich mit dieser Übersetzung richtig liege, so hat sie bisher immer „Ja“ gesagt. Offenbar liegt man mit dieser Übersetzung niemals verkehrt. Oder nur ganz selten.

„Ich bin eine Frau, die von Gott reich beschenkt worden ist. Ich möchte ihm meine Dankbarkeit zeigen, darum möchte ich mich noch mehr an seine Gebote halten und habe mich darum entschieden, Nikab zu tragen.“

Viele Nikab-Trägerinnen haben sich für den Nikab entschieden, wenn sie etwas erlebt haben, worin sie Gottes Nähe (oder Schutz) gespürt haben.

Diese Übersetzung ist oft mit der ersten Übersetzung verbunden.

„Ich fürchte eine jenseitige Bestrafung.“

Manche Frauen betrachten Nikab als eine religiöse Pflicht (Fard), und sie fürchten eine jenseitige Bestrafung, wenn sie Nikab nicht tragen. Viele von ihnen betrachten dies aber nicht als den wichtigsten Grund, warum sie Nikab tragen - es ist meist ein eher nachgeordneter Grund. Andere Gründe (etwa Gebote halten, weil sie Gott liebt oder ihm dankbar ist) sind wichtiger als dieser Grund.

Wenn eine Frau Nikab nicht als Pflicht, sondern als empfehlenswert (Sunna) oder als wünschenswert (Mustahabb) betrachtet, fürchtet sie übrigens keine jenseitige Bestrafung, falls sie Nikab nicht trägt. In diesem Fall würde sie nur keine jenseitige Belohnung erhalten, aber nicht bestraft werden.

„Ich werde dafür eine jenseitige Belohnung erhalten.“

Auch dies ist für viele Musliminnen ein eher nachgeordneter Grund, Nikab zu tragen. Sie werden im Jenseits belohnt werden, weil sie eine empfehlenswerte oder wünschenswerte Handlung vollzogen haben.

„Ich bin eine Muslimin.“

Obwohl nicht nur Musliminnen den Nikab tragen „dürfen“, wollen doch viele Trägerinnen ausdrücken, dass sie Musliminnen sind, denen ihr Glaube wichtig ist, die gottesfürchtig sind.

Dies ist aber nicht der wichtigste Grund, warum diese Frauen Nikab tragen - es ist ein nachgeordneter Grund.

Ich kenne keine Frau, die sagt, „ich trage Nikab vor allem, damit jeder, der mich sieht, weiß, dass ich eine Muslimin bin“. Frauen, die zeigen wollen, dass sie Musliminnen sind, wollen dies vor allem durch ihr ganzes Verhalten anderen Menschen gegenüber tun, und da tragen sie nicht immer Nikab (etwa, wenn Frauen unter sich sind). Nikab gehört für sie zum guten Verhalten als muslimische Frau dazu, aber eben nur, weil er Teil ihrer Religionsausübung ist und weil es für sie zum „guten Verhalten“ zählt. Wer aber Nikab trägt, deren Verhalten aber sonst zu wünschen lässt, bräuchte gar nicht erst Nikab tragen. Der Nikab ersetzt nicht eine gute Lebensweise, nicht ein vorbildliches Verhalten.

„Ich möchte ein Vorbild für andere Frauen sein.“

Vielen Nikab-Trägerinnen ist es wichtig, ein Vorbild für andere Frauen zu sein. Sie wollen ihnen Mut machen, ebenfalls Nikab zu tragen und dessen Vorzüge - von denen sie überzeugt sind - zu genießen.

„Ich fühle mich mit dem Nikab als Frau wohl.“

Viele Nikab-Trägerinnen fühlen sich durch den Nikab geschützt - nicht unbedingt vor sexualisierter Gewalt, aber auf jeden Fall davor, auf ihre äußeren Reize, ihre Schönheit reduziert zu werden. Sie erleben, dass sie auf diese Weise respektiert werden, indem sie nicht auf ihr Aussehen reduziert werden. Sie können unter dem Schleier sogar Make-up und Schmuck tragen, ohne dass dies bestimmen würde, wie sie wahrgenommen werden.

„Ich bin nicht an Flirts interessiert.“

Ich kenne keine Frau, die Nikab trägt und an Flirts interessiert wäre. Viele sagen, sie tragen auch Nikab, eben weil sie nicht an Flirts interessiert sind und das zum Ausdruck bringen möchten.

„Ich trage Nikab, damit Männer mein Gesicht nicht reizvoll oder verführerisch finden können.“

Ich kenne keine Muslimin, die Nikab trägt, nur weil sie Männer für „triebgesteuerte Monster“ hält, die über jede Frau herfallen würden, die keinen Nikab trägt.

Die meisten Musliminnen tragen Nikab, weil sie nicht möchten, dass ein Mann ihr Gesicht sieht und es für reizvoll oder verführerisch hält (und sich womöglich in sie verliebt).

Die Mimik gilt manchen dieser Frauen nicht nur als Mittel zur nonverbalen Kommunikation, sondern mehr noch als reizvoll, als verführerisch. Darum wird sie dort, wo auch fremde Männer zugegen sein können, mit dem Nikab verborgen. Die Mimik bleibt dem (zukünftigen) Ehemann vorbehalten und darf auch in einer reinen Frauenrunde gezeigt werden, aber eben nicht da, wo auch fremde Männer zugegen sind.

„Ich möchte, dass nur mein (zukünftiger) Mann meine Schönheit sehen kann.“

Auch dies ist eine Übersetzung, die ich häufiger gehört habe: Eine Frau möchte ihre Reize, ihre Schönheit exklusiv ihrem (zukünftigen) Mann zugänglich machen.

Auch hier geht es nicht darum, dass sie fürchten, ein Mann könne angesichts der Schönheit einer Frau die Kontrolle über sich verlieren. Aber sie möchten nicht, dass sich ein Mann in sie verliebt.


Das ist also, was eigentlich jede Nikab-Trägerin uns sagen will. Es gibt noch mehr Aussagen, aber dies soll erst einmal reichen.

Versuchen wir noch, ein paar der Feinheiten zu übersetzen.

Schwarze Schleier

Trägt eine Nikabi nur schwarze Schleier, so gehe ich erst einmal davon aus, dass ihr die Farbe schwarz einfach gefällt. Solche Frauen gibt es überall, auch unter Musliminnen, auch unter Nikab-Trägerinnen (manche tragen dennoch helle oder farbige Schleier, aber eigentlich gegen ihren eigenen Geschmack - aber sie wollen eben nicht in eine bestimmte Schublade gesteckt werden).

Natürlich gibt es auch Nikab-Trägerinnen, für die Schwarz mehr ist: eine Farbe, die religiös empfehlenswert (Sunna) ist. Dies, weil die ersten Musliminnen schwarze Schleier getragen haben sollen. Sie folgen also einer religiösen Tradition.

Helle bzw. farbige Schleier

Diese Frauen wollen meist am gesellschaftlichen Leben teilhaben. Sie werden meist auch mehr tun:

Augen nicht bedecken

Keine Handschuhe tragen

Stimme, Gestik, Körpersprache, Blickkontakt (unter Frauen) einsetzen, um fehlende Mimik auszugleichen

Auf diese Weise zeigen Frauen: Ich will mich nicht abgrenzen, ich will am gesellschaftlichen Leben teilhaben.

Die Augen sichtbarer machen

Indem die Frauen in einer Unterhaltung (vor allem mit anderen Frauen) ihre Augen sichtbarer machen, etwa in dem sie den Nikab ein wenig hinab ziehen, eine Stofflage zurück klappen o.ä., wollen sie zeigen, dass sie an dem Gespräch sehr interessiert sind. Manchmal wird dies auch nur mit Gesten angedeutet.

Leise, gedämpfte Stimme

Eigentlich keine nonverbale Mitteilung - manche Nikab-Trägerinnen senken die Stimme, wenn Männer in der Nähe sind. Es ist meist nicht der Nikab, der die Stimme dämpft, sondern sie sprechen bewusst leise. Es ist eine Art „Nikab für die Stimme“ und damit selbst eine nonverbale Kommunikation.

Dies hat, wie der Nikab selbst, religiöse Gründe. Viele Frauen achten aber nur darauf, dass ihre Stimme nicht „verführerisch“ klingt, wenn fremde Männer zugegen sind.

Make-up unter dem Nikab

Viele Nikab-Trägerinnen verwenden Make-up. Manche tragen Nikab sogar nur, wenn sie geschminkt sind.

Es ist einer Nikab-Trägerin nicht verboten, sich schön zu machen - aber sie beschränkt sich für gewöhnlich darauf, sich für sich selbst oder ihren Mann schön zu machen. Oder sie zeigt sich so in einer reinen Frauenrunde. Sie wird aber ihre Schönheit (sowie Make-up, Schmuck usw.) im öffentlichen Raum bzw. dort, wo auch Männer zugegen sind, verhüllen.