Julia Klöckner (CDU) auf die Frage, ob das von ihrer Partei geforderte „Verbot der Vollverschleierung in Behörden und vor Gericht” ausreiche: „Das ist ein richtiger Schritt. Ich halte es aber für noch zu unklar. Bei der Vollverschleierung geht es um drei Punkte: Die Rechte der Frau, das Thema Integration und um die Interaktion im Umfeld. Die Rechte der Frau können nicht nur auf dem Amt gelten. Sie muss ihre Identität überall frei zeigen können. Wenn ein Mann den Anblick einer Frau nicht ertragen kann, soll er sich eine Augenbinde nehmen und nicht sie zur Vollverschleierung zwingen.” (externer Link)

Klöckner hat natürlich Recht: Die Rechte der Frau müssen überall gelten. Zu diesen Rechten gehören auch das Recht auf Selbstbestimmung - auch im Hinblick darauf, wem sie ihr Gesicht wann und wo und unter welchen Umständen zeigt. Zu diesen Rechten gehört, dass eine Frau Minirock, High Heels, Make-up, Hidschāb oder Niqāb jederzeit tragen kann, wenn sie den öffentlichen Raum betritt und sich so jederzeit als Frau wohl fühlen kann. Zu diesen Rechten gehört, dass eine Frau sich ihre Religion selbst bilden und nach selbstgewählten Normen handeln kann, solange diese Dritte nicht in ihren Grundrechten verletzt oder gegen grundlegende Werte des Grundgesetzes verstößt.

Zu diesen Rechten gehört auch, dass sie darauf vertrauen kann, dass ein Mann, der sie beispielsweise zur Verschleierung ihres Körpers, ihres Kopfes, ihrer Haare oder ihres Gesichts zwingt und den sie zur Anzeige bringt, nach § 240 StGB Nötigung strafrechtlich belangt wird - ohne dass man sie bestraft, weil sie beispielsweise gegen ein „Burkaverbot” oder ein Kopftuchverbot verstoßen habe.

Das sind freilich nicht die Rechte, an die Julia Klöckner denkt.

Klöckner spricht von einem Recht, dass eine Frau ihre Identität überall frei zeigen darf - aber ein solches Recht schließt natürlich auch die Freiheit ein, die eigene Identität nicht überall zeigen zu müssen, sondern selbst zu bestimmen, wem man seine Identität zeigt. Freiheit gibt es nur da, wo Menschen die Freiheit haben zu wählen. Freiheit ohne Wahlfreiheit ist keine Freiheit, sondern Zwang.

Klöckner setzt offenbar Gesicht und Identität gleich - sie vergisst dabei aber, dass auch der Niqāb Ausdruck der eigenen Identität sein kann, Identität nach außen ausdrücken kann. Wer das unbedeckte Gesicht erzwingt, nimmt den Frauen, die ihr Gesicht nicht zeigen, sondern ihre Religiosität ausdrücken wollen, ihre Identität, ihre Individualität, ihre Würde.

Klöckner scheint vorauszusetzen, dass Frauen, die ihr Gesicht verschleiern, dies nur gezwungenermaßen tun - weil bestimmte Männer angeblich den Anblick einer Frau nicht ertragen können. Diese Männer sollten, so Klöckner, besser eine Augenbinde tragen.

Warum eigentlich beschwert sich Klöckner nur über den Niqāb? Nach ihrer Logik müsste sie doch voraussetzen, dass Frauen den Hidschāb tragen, weil Männer den Anblick des Haares nicht tragen können, dass Frauen weite Gewänder tragen, weil Männer den Anblick der Rundungen ertragen? Warum beschränkt sich Klöckner auf den Niqāb, wenn ihre Begründung doch im Prinzip jede Verhüllung des weiblichen Körpers betrifft? Warum fordert sie nicht ein Bekleidungsverbot für Frauen, wenn Frauen sich nur bekleiden, weil Männer den Anblick unbekleideter Frauen nicht ertragen können? Warum verordnet sie nicht allen Männern, deren Frauen bekleidet sind, eine Augenbinde? Man könnte ja bei bestimmten Witterungsverhältnissen eine Ausnahme machen, wo Frauen dann zumindest einen hautengen Catsuit tragen dürfen.

Nein - Klöckner ist höchst inkonsequent, wenn sie sich zwar daran stört, dass muslimische Frauen Niqāb tragen, weil Männer angeblich den Anblick einer Frau nicht ertragen können, sich dann aber nicht auch gleichermaßen an anderen Verhüllungen der Frau stört, sei es der muslimischen Frau mit Hidschāb, der jüdischen Frau mit Tichel, Scheitel oder dem sogenannten Frumka oder der christlichen Frau mit Kopftuch oder „Pietistenzwiebel” oder womit Frauen sonst ihre, wie es so schön heißt, Reize verhüllen.

Und warum dürfen eigentlich wir Männer nicht nackt herumlaufen? Nur weil der Anblick von nackten Männern die Frauen stört? Dann sollen sie doch eine Augenbinde tragen! - So jedenfalls nach der Logik von Klöckner.

Es bleibt die Frage, warum Klöckner manchen Frauen unterstellt, sie seien willenlose Marionetten, die sich nur wegen der Männer verhüllen - und nicht, weil sie sich in der Kleidung, die sie tragen, als Frauen wohl fühlen. Sie hat offenbar ein sehr schlechtes Frauenbild, ein sehr schiefes Menschenbild. Sie kann es womöglich nicht ertragen, wenn Frauen sich für ein anderes Auftreten entscheiden, weil sie selbst bestimmen wollen, wem sie ihre Schönheit zeigen, die sagen „mein Gesicht gehört mir”.