„Die Vollverschleierung in Deutschland ist eine Projektionsfläche des fundamentalen Islams und eine Erklärung, sich nicht partizipativ an der Gesellschaft beteiligen zu wollen. Sie widerspricht damit dem Willen zu einer integrativen Gesellschaft und einem Miteinander der Religionen.”

So die CDU-Politikerin Simone Stein-Lücke aus Bonn, die ein Burkaverbot fordert, weil sie sich vom Anblick verschleierter Frauen „bedrückt” fühlt (Quelle).

Unter dem falschen Begriff „Vollverschleierung” versteht Stein-Lücke offenbar den Niqāb-Halbschleier, da eigentlich nur dieser in Bonn (oder überhaupt in Deutschland) zu sehen ist, nicht aber der Chadri, den man in Deutschland häufig als „Burka” bezeichnet und möglicherweise als „Vollschleier” (nicht aber, weil das im Deutschen keinen Sinn ergibt, als „Vollverschleierung”) bezeichnen könnte.

Stein-Lücke legt freilich keine Zahlen vor, wie viele Niqāb-Trägerinnen sich zum „fundamentalen Islam” halten - und wie viele muslimische Frauen, die sich einem „fundamentalen Islam” zugehörig fühlen, Niqāb tragen. Sie übt damit fleißig eine Politik des Postfaktischen, die mit Fakten nicht viel anfangen kann - an die Stelle von Fakten treten etwa Gefühle, etwa, dass man sich wegen etwas „bedrückt” fühle.

Ich gebe zu: Ich habe auch keine Zahlen. Aber wenn ich keine Zahlen habe, behaupte ich auch nichts, sondern es gilt eine Unschuldsvermutung. Frauen, die einen Niqāb tragen, haben das Recht, nicht unter Generalverdacht gestellt, nicht vorverurteilt zu werden.

Dies um so mehr, weil der Niqāb seit jeher zum Islam gehört, von allen vier traditionellen Rechtsschulen des Islam als Sunna (emfehlenswert), als Mustaḥabb (wünschenswert) oder - unter gewissen Bedingungen - als Farḍ (Pflicht) betrachtet werden. 

Wollte man den Niqāb verbieten, weil er von vielen sogenannten Islamisten und Salafisten befürwortet wird, müsste man auch den Koran, das Gebet, die Almosen, den Verzicht auf Alkohol und Schweinefleisch, bestimmte Männerkleidung, Bärte nach dem Vorbild Muhammads usw. verbieten, eigentlich alles, was dazu gedacht, das Vorbild des Propheten Muhammad und der ersten Muslime nachzuahmen, weil auch diese Dinge von ihnen befürwortet werden. Das fällt halt nur nicht so sehr auf wie der Niqāb, den die ersten Muslime wohl von Jüdinnen und Christinnen übernommen haben.

Es ist schon merkwürdig, wenn man sich ausgerechnet den Niqāb heraus greift - als „Projektionsfläche des fundamentalen Islam” müsste man ebenso die typischen Bekleidungs- und Barttrachten, die man bei angeblich islamistischen oder salafistischen Männern beobachten kann, benennen und ein Verbot fordern.

Es gibt aber wohl einen Grund, warum das nicht geschieht - wir sehen die Frau im Niqāb viel häufiger in Gegenwart leger gekleideter Männer, oft mit T-Shirts und normalen Hosen, die so ganz und gar nicht wie „Islamisten” oder „Salafisten” aussehen. Das bedeutet aber im Umkehrschluss, dass der Niqāb eben doch nicht nur einem „fundamentalen Islam” zugeordnet werden kann. Sonst würden wir die Frauen nur in Gegenwart szenetypisch gekleideter Männer sehen. So aber erscheint die Frau mit ihrem Niqāb als sehr religiöse Muslima und mehr nicht.

Ist der Niqāb nun, wie Stein-Lücke behauptet, „eine Erklärung, sich nicht partizipativ an der Gesellschaft beteiligen zu wollen. Sie widerspricht damit dem Willen zu einer integrativen Gesellschaft und einem Miteinander der Religionen”?

Wiederum kann Stein-Lücke diese angebliche Erklärung nicht mit Fakten belegen, sie bleibt im Postfaktischen. An die Stelle von Fakten tritt, überspitzt formuliert, ein Hören von Stimmen, einer „Erklärung" des Schleiers, die sie allein hört, die ihr angeblich sagt, die Frauen würden sich nicht „partizipativ an der Gesellschaft beteiligen” wollen.

Nach meiner persönlichen Erfahrung wollen die Frauen an der Gesellschaft teilhaben. Sie wollen Teil dieser Gesellschaft sein. Und ich wüsste wiederum nicht, was dagegen spricht. Eine Schülerin im niedersächsischen Belm bei Osnabrück beweist seit drei Jahren, dass ein Mädchen mit Niqāb erfolgreich am Schulunterricht teilnehmen kann - was freilich die Akteure postfaktischer Politik aufscheucht. Was nicht sein kann, das darf nicht sein! Darum fordern vor allem Unionspolitiker und Neurechte, dass das Mädchen entweder den Niqāb abzunehmen oder die Schule zu verlassen habe.

Das Mädchen aus Belm ist freilich nicht der einzige Beleg, dass auch ein Mädchen, eine Frau mit Niqāb Teil der Gesellschaft sein kann - nicht nur als Putzfrau, die weithin unsichtbar ist. Solche Mädchen und Frauen zeigen aber immer wieder auf, wie schwer sich die Mehrheitsgesellschaft damit tut, sie auch teilhaben zu lassen - wobei man die Schuld freilich bei den anderen sieht. Ich habe die Vermutung, dass wir Angst davor haben, dass solche Mädchen und Frauen erfolgreich sein könnten. Dass sie nicht nur nicht ewig Putzfrauen bleiben werden (einem Status, bei dem uns der Niqāb nicht wirklich stört), sondern dass sie aufsteigen. Und wir wiederum haben Angst, dass dies für uns einen Abstieg bedeuten könnte. Wer soll denn putzen, wenn die Niqāb-Frauen studieren? Wir etwa? Wenn die das große Geld verdienen, was bleibt dann für uns? Denken nicht viele von uns so? Wir fürchten uns vor einem sozialen Abstieg - und treten darum auf die Köpfe derer, die auf der Leiter unter uns sind.

Eine „integrative Gesellschaft” integriert auch diejenigen Muslimas, die Niqāb tragen. Sie begegnet ihnen in Offenheit - nicht mit Misstrauen und Ausgrenzung.