Unter der Überschrift „Der Wahrheit ins Gesicht schauen” möchte Kommentatorin Anna Reimann Frauen, die selbstbestimmt Niqāb tragen, durch ein „Burkaverbot” signalisieren: „Deutschland ist dann vielleicht nicht das Land, in dem ihr leben solltet. Auch dann nicht, wenn ihr Deutsche seid.”

Sie bringt für Ihre, wie ich das verstanden habe, versteckte Aufforderung, sie möchten Deutschland doch bitte verlassen, drei Argumente vor.

Ausdruck von Religiosität?

Erstens behauptet sie, Chadri oder Niqāb seien „kein Ausdruck von Religiosität”. Vielmehr seien sie „ein Herrschaftsinstrument, um Frauen zu unterdrücken und ihnen in der Öffentlichkeit Gesicht und Freiheit zu nehmen”. Warum dann nicht auch der Hidschāb Herrschaftsinstrument ist, um Frauen zu unterdrücken und ihnen in der Öffentlichkeit Kopf und Freiheit zu nehmen, erklärt sie uns leider nicht, obgleich hier deutlich wird, dass der Unterschied zwischen Hidschāb und Niqāb eben doch grundsätzlich gradueller und nicht prinzipieller Art ist. Auch wird nicht klar, warum sie nicht auch ein Verbot des Brautschleiers fordert. Und was ist eigentlich mit der Beschneidung von Jungen? Ist sie nicht womöglich ein Herrschaftsinstrument, das die Sexualität unterdrückt? Das Männern einen Teil ihres Körpers nimmt und die Freiheit, selbst zu entscheiden, ob sie diesen Weg gehen wollen?

Und natürlich ist der Niqāb Ausdruck von Religiosität. Niemand hat das Recht, Frauen vorzuschreiben, wie sie ihren Glauben leben dürfen, was für sie der richtige Weg ist, ihren persönlichen Glauben auszudrücken.

Die Grundlage für den Niqāb steht im Koran, und alle vier maßgeblichen Rechtsschulen des sunnitischen Islam verbieten den Niqāb nicht, sondern betrachten ihn als empfehlenswert bzw. wünschenswert, unter bestimmten Bedingungen sogar als Pflicht. Der frühe Islam hat die Verschleierung auch des Gesichts wahrscheinlich von Juden und Christen übernommen. Im Grunde sind also „wir” schuld daran, dass es die Verschleierung im Islam gibt. Da sind wir in einer schlechten Ausgangsposition, jetzt ein Verbot zu fordern. Das hätten wir uns 1400 Jahre früher überlegen müssen. Aber noch vor 500 Jahren trugen auch christliche Frauen im damaligen Byzanz (Konstantinopel) Gesichtsschleier - übrigens in schwarz.

Aber wie auch immer: Die Inhalte des Glaubens dürfen niemandem aufgezwungen werden - oder abgesprochen. Wir haben in Deutschland Bekenntnisfreiheit, nicht Staatsreligion, so dass jeder nur glauben dürfe, was dem Staat oder der Gesellschaft genehm ist. Der Staat darf nicht bewerten, ob das, was Menschen aus guten Gründen glauben, richtig ist oder falsch - nur die Frage der Sicherheit geht den Staat etwas an. Und selbst da muss der Staat gute Argumente vorlegen, will er etwas verbieten.

Wenn Reimann weiter behauptet, „Burka und Nikab sind allein Merkmale eines radikalen Islam”, so ist das schlicht unzutreffend. Der Niqāb ist weit über einen „radikalen Islam”, was auch immer man darunter verstehen mag, hinaus verbreitet. Ebenso könnte man behaupten, die Mündigentaufe sei allein Merkmal eines radikalen Christentums - unter Christen in Deutschland ist sie übrigens ähnlich weit verbreitet wie der Niqāb unter sunnitischen Muslimas in diesem Land. Jedenfalls folgert Reimann, dies stünde in Zusammenhang mit einer Ablehnung von so ziemlich allem, „was das Grundgesetz als Wert definiert, übrigens wohl auch die Religionsfreiheit”. Abgesehen davon, dass dies so nicht auf die Mehrzahl der Niqābi im Land zutrifft - es wäre schlicht und einfach nicht verboten, eine solche Haltung einzunehmen. Es ist allerdings fraglich, ob man eine solche Haltung Menschen nur aufgrund ihrer Einstellung zur Religion und ihrer sichtbaren Art, ihrem Glauben gemäß zu leben, unterstellen darf.

Reimann weiter: „Die Menschenwürde hat in unserem Grundgesetz durch Artikel eins den höchsten Verfassungswert. Die Vollverschleierung aber nimmt Frauen die Würde, weil sie durch sie letztlich nicht mehr als Mensch erkennbar sind und kaum mehr in den Lage sind, grundlegende, menschliche Aktivitäten auszuführen - zu essen, zu trinken oder auch Gefühle zu zeigen.”

Allerdings sind Frauen auch dann, wenn sie den Niqāb in einer seiner zahllosen Erscheinungsformen tragen (was sie ja mitunter nicht einmal zu jeder Gelegenheit tun, sondern manchmal nur an Feiertagen oder beim Besuch der Moschee), immer noch unzweifelhaft als Menschen zu erkennen - und zumindest von hinten häufig nicht von Nonnen zu unterscheiden. Sind denn auch Nonnen in ihrer Würde eingeschränkt? Ist denn nur das Gesicht des Menschen Träger seiner Würde? Wären es dann nicht vor allem die Augen, die ja beim Niqāb meist noch sichtbar sind?

Zur Würde eines Menschen gehört aber auch, dass er selbst über seine Sichtbarkeit und Verfügbarkeit in der Öffentlichkeit bestimmen darf. Auch das Gesicht eines Menschen gehört ihm selbst, nicht der Gemeinschaft, nicht dem Staat.

Freiheit in Würde setzt die Möglichkeit einer Wahl voraus, ohne eine Wahlmöglichkeit gibt es keine positive Freiheit und damit wird die Würde des freien Menschen eingeschränkt.

Zur Würde des Menschen gehört eben auch, dass er seine Meinung frei ausdrücken darf. Dies geschieht auch durch seine Kleidung. Schränke ich durch Bekleidungsvorschriften seine Möglichkeiten ein, sich auszudrücken, über die Wahl der Kleidung nonverbal zu kommunizieren, dann ist das gegen die Würde des Menschen und im Fall eines staatlichen Verbots Zensur. Ein Burkaverbot führt dazu, dass Menschen nicht mehr frei kommunizieren können. Durch die Sichtbarkeit des Gesichts gewinne ich wohl ein wenig Mimik (wobei die der Augen meist ohnehin gegeben war und maßgeblich ist), verliere aber die nonverbale Mitteilung des religiösen Bekenntnisses.

Und natürlich sind Frauen auch mit Niqāb in der Lage, zu essen, zu trinken oder Gefühle zu zeigen. Zum einen tragen sie ihn ja nicht 24 Stunden am Tag, sieben Tage in der Woche, rund um die Uhr. Manch eine Frau trägt den Niqāb nur zwei, drei Stunden in der Woche (etwa beim Besuch der Moschee), eine andere vielleicht sieben, acht Stunden am Tag (wenn sie ihren Beruf in der Gegenwart fremder Männer ausübt).

Zum Essen und Trinken nehmen sie den Niqāb häufig ab, und Gefühle zeigen kann eine Frau selbstverständlich auch mit dem Niqāb. Eine Niqābi kann so gut wie jede menschliche Aktivität ausführen, und die meiste Zeit tut sie dies ohne Niqāb. Verbietet man ihr den Niqāb, schränkt man allerdings ihre Möglichkeiten ein, an menschlichen Aktivitäten teilzunehmen. Was bringt es, zu menschlichen Aktivitäten fähig zu sein, wenn man aufgrund eines Verbotes nicht daran teilnehmen kann?

Die bisher genannten Argumente von Reimann sind Behauptungen, mehr nicht. Sie unterstellt den Niqābi per pluralisierender Ferndiagnose, unterdrückt, unfrei, entwürdigt zu sein. Belege für ihre Behauptungen legt sie keine vor - wie so oft ist es der Verteidiger, der die Anklage widerlegen soll. Sollte aber nicht der Ankläger seine Behauptungen belegen, beweisen? Sollte er nicht Zeugen aufrufen?

Die geringe Zahl der Niqābi

Zweitens kommt ein zutreffendes Argument von Reimann. Die geringe Anzahl von Niqābi ist dann kein Argument gegen ein Verbot, wenn dieses erwiesenermaßen gegen für alle geltendes Recht verstößt. Allerdings ist es auch kein Argument für ein Verbot, dass dieses eben nur wenige Frauen betrifft, also keine großen Auswirkungen für die Gesellschaft hat. Wenn der Niqāb nicht gegen geltendes Recht verstößt, dann haben auch nur zwei oder drei Frauen das Recht, ihn aufgrund ihres Glaubens zu tragen.

Reimann meint, dass ein Verbot auch dann gerechtfertigt ist, wenn es nur wenige Frauen betrifft, die dadurch in ihrer „Menschenwürde oder Freiheit und Gleichheit” verletzt werden. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hat dies übrigens nicht als Argument für ein Burkaverbot akzeptiert (ebenso wenig das Argument der Sicherheit). Für ihn zählt nur das Argument, dass ein Verbot nach Ansicht des französischen Staates das Zusammenleben der Menschen fördere und damit ein französisches Verfassungsziel (Fraternité) höhere Geltung erlangt als die Religionsfreiheit - ein Argument, das Reimann in diesem Zusammenhang nicht nennt.

Nehmen wir nun einmal an, die Frauen hätten sich mit ihrer Entscheidung für den Niqāb bewusst entschieden, auf Menschenwürde, Freiheit und Gleichheit zu verzichten - so ist das erst einmal erlaubt. Natürlich gibt es Schranken - niemand kann sich etwa dafür entscheiden, fortan als Sklave zu leben. Dennoch gibt es Menschen, die eine sexuelle Präferenz für Submission haben. Die sich Schmerzen zufügen lassen. Die sich demütigen, erniedrigen lassen. Aus guten Gründen verbieten wir diese extremen Formen eines sklavenähnlichen Daseins nicht, solange sie nicht die öffentliche Ordnung stören (etwa indem man eine Frau in der Öffentlichkeit nackt an einer Hundeleine führt). Und beim Niqāb geht es nun nicht um Submission, Sklaverei, Ungleichheit. Das ist kein religiöser Masochismus (obwohl sich sexueller Masochismus manchmal in religiösen Formen ausdrückt).

Die Folgen eines Verbotes

Drittens weist Reimann die Annahme zurück, Frauen würden das Haus nicht mehr verlassen, wenn der Niqāb verboten wäre. Sie bezeichnet dies als eine Behauptung, allerdings erklären Muslimas immer wieder: Im Falle eines Burkaverbotes werde ich entweder das Haus nicht mehr verlassen oder ich nehme eine Bestrafung in Kauf. So ist es ja auch in Frankreich - die Zahl der Niqāb tragenden Muslima hat eher zugenommen, viele nehmen das Risiko auf sich, eine Strafe bezahlen zu müssen.

Andere Frauen verlassen das Haus nicht mehr oder nur noch sehr selten, viel seltener als vorher. Nur wenige haben ihren Niqāb abgenommen. Wieder andere haben das Land verlassen.

Natürlich trifft das Argument mit dem Verlassen des Hauses da nicht, wo Muslima den Niqāb zwar wegen der Sunna als geboten (erwünscht, empfehlenswert) betrachten, aber nicht als Pflicht. Für sie ist das Verbot „nur” eine Einschränkung ihrer Religionsfreiheit, Bekenntnisfreiheit und Meinungsfreiheit, ihrer Freiheit, als Frau selbst entscheiden zu dürfen, wem sie ihr Gesicht zeigen und wem nicht. Manche von ihnen entwickeln infolge des Verbots aber auch eine „jetzt erst recht”-Haltung.

Aber es gibt eben auch die Frauen, die für sich den Niqāb als Pflicht sehen und entweder das Haus nicht mehr verlassen oder eine Strafe riskieren.

Die mutmaßlich wenigen Frauen, die von ihren Männern daran gehindert würden, das Haus ohne Niqāb zu verlassen, haben freilich in der Regel ganz andere Probleme als ihren Niqāb oder ein Burkaverbot. Ein Burkaverbot hilft ihnen in ihrer schwierigen Lebenssituation so wenig wie ein Nichtverbot. Eine von ihrem Mann aus welchen Gründen auch immer - Religion oder Tradition oder Kultur oder sexualisierte Gewalt - unterdrückte Frau, die in diesem Rahmen auch Niqāb tragen muss, braucht alles andere als eine Burkadebatte, die sich allerdings immer wieder um unterdrückte Frauen dreht. Unterdrückte Frauen (von denen die allerwenigsten Niqāb tragen) haben nichts von einem Burkaverbot. Aber dieses zu fordern ist halt billig und verspricht viel Applaus (und Auflage bzw. Klicks) - zumal wir so von wirklichen Problemen ablenken können, die Frauen in unserer Gesellschaft haben.

Wie dem auch sei - ein Verbot hat Folgen für diejenigen Frauen, die selbstbestimmt Niqāb tragen - ohne dass es irgendwem irgend einen noch so kleinen Nutzen bringt außer dem Gefühl, gewonnen zu haben und nun hoffentlich keine Niqābs mehr sehen zu müssen (und falls doch, werden wir eben aggressiv und nehmen, den „Spiegel” mit dem Artikel von Anna Reimann in der Hand,  das Recht in unsere eigenen Hände, häufig auch gegen Frauen, die Hidschāb tragen). Das Burkaverbot stigmatisiert Muslimas und führt - siehe Frankreich - zur zunehmenden Ausgrenzung von Muslimas, die Hidschāb tragen oder auch den Burkini. Auch Reimanns Artikel stigmatisiert Muslimas und fördert Ferndiagnosen über Muslimas und den Wunsch, das Leben dieser Frauen fremdzubestimmen, ihnen zu erklären, wie sie ihren Glauben leben dürfen, was Religion ist und was nicht.

Weiter meint Reimann, der von ihr fälschlich „Vollschleier” genannte Niqāb sei ein „Gefängnis. Gesellschaftliche und soziale Teilhabe, Interaktion - ja Integration - sind unter dem Stoff kaum vorstellbar.” Was Reimann sich vorstellen kann ist freilich unerheblich. Erheblich ist hingegen die Weigerung eines großen Teils der Deutschen, der fremdartig erscheinenden Frau Teilhabe und Integration zu erlauben, mit ihr zu interagieren, mit ihr zusammen zu leben: Einander helfen, voneinander lernen, miteinander feiern. Die Ausgrenzung verschleierter Frauen aufgrund der Ablehnung des Niqāb wirkt für diese Frauen wie ein Gefängnis. Nicht der Niqāb ist das Gefängnis, sondern die Ausgrenzung, die erfahrungsgemäß um so größer ist, je weniger Niqābi (und Muslime bzw. Migranten) an dem jeweiligen Ort anzutreffen sind.

Reimann vergisst offenbar, dass viele der Niqābi bestens integriert sind. Schätzungsweise ein Drittel sind zum Islam konvertierte Deutsche. Ein weiteres Drittel sind Muslimas, deren Herkunftsfamilie den Niqāb nicht kennt, bestenfalls den Hidschāb, oftmals nicht einmal den. Es sind innerislamische Konvertiten. Nur ein Drittel kommen aus einer Familie, die den Niqāb kennt.

Die meisten Frauen legen den Niqāb erst an, wenn sie Mitte 20 oder älter sind - nach der Hochzeit, nach der Geburt des ersten Kindes, nach der Ḥaǧǧ. Das Mädchen, das schon mit 14 oder 20 den Niqāb dauerhaft trägt, ist die Ausnahme, nicht die Regel (wobei ihre Zahl zunimmt, weil der Niqāb vielen jungen, verunsicherten, haltlosen Mädchen in einer fremdenfeindlichen und islamfeindlichen Umgebung Halt gibt, was die älteren Niqābi wiederum mit Sorge betrachten, weil der Niqāb hierfür nicht taugt). Sie müssen nicht erst integriert werden, sie sind bereits integriert - und werden nun wegen ihrer Entscheidung, Niqāb zu tragen, von der Mehrheitsgesellschaft ausgegrenzt.

Die oben genannten jungen Mädchen, für die der Niqāb zum Halt wird in einer Gesellschaft, die sie wegen ihrer Herkunft, ihrer Religion ausgrenzt, werden durch ein Verbot nur wieder in diesen haltlosen Zustand zurückgeworfen. Was sollen sie nun als neuen Halt wählen? Diese Gesellschaft will sie ja nicht, lehnt sie wegen ihrer Herkunft, ihrer Religion, nun auch wegen ihres Niqāb ab. Sie werden so auf gefährliche Wege getrieben, laufen Gefahr sich zu radikalisieren.

Soziale Teilhabe ist freilich auch mit Niqāb möglich - wo Frauen unter sich sind, legen die Frauen ihren Schleier ja meist ohnehin ab. Und ohnehin tragen nicht alle von ihnen den Niqāb dauerhaft. Wer mit einem Menschen telefonieren kann, der kann auch mit einer Niqābi sprechen - zumal er ja in der Regel ihre Gestik sieht, die Mimik ihrer Augen. Was der Niqāb vor allem verbirgt ist ein falsches Lächeln - ansonsten verbirgt er gar nicht so viel nonverbale Kommunikation. Wer mit einer Niqābi spricht, konzentriert sich eher auf das, was sie sagt - Untersuchungen zufolge können wir bei einer Frau, die Niqāb trägt, besser erkennen, ob sie die Wahrheit sagt oder lügt, weil wir uns mehr auf das gesprochene Wort konzentrieren (wollen wir erkennen, ob jemand die Wahrheit sagt oder nicht, liegen wir ohne Niqāb nur in rund 50 % der Fälle richtig - ebenso gut könnte man eine Münze werfen).

Wir zweifeln an dir - also gehörst du nicht nach Deutschland

Schließlich meint Reimann, es heiße immer wieder: „Viele Frauen tragen den Gesichtsschleier freiwillig. Weil aber kaum jemand Zweifel daran hat, dass die meisten Frauen Burka oder Nikab eben nicht aus eigener Entscheidung tragen, und der Gegenbeweis nicht verlässlich angetreten werden kann, könnte man mit einem Verbot eben jenen Frauen, die die Vollverschleierung als Ausdruck der Selbstbestimmung postulieren, signalisieren: Deutschland ist dann vielleicht nicht das Land, in dem ihr leben solltet. Auch dann nicht, wenn ihr Deutsche seid.”

Wer sich mit Frauen unterhält, die Niqāb tragen, erfährt immer wieder, dass sie dies freiwillig tun. Die Gründe sind vielfältig - die Widerstände kommen oft vom Ehemann, von der Familie. Natürlich gibt es die Frauen, die dazu gezwungen werden - wie viele es sind, weiß niemand. Vermutlich bilden sie aber hierzulande die Minderheit und dürfen ohnehin kaum das Haus verlassen, ob nun mit Niqāb oder ohne. Sie haben ohnehin ganz andere Probleme, weil der Niqāb in ihrer Lebenssituation nur die Spitze des Eisbergs ist. Ein Burkaverbot als Hilfe für sie ist nichts anderes als ein Placebo, das den Arzt beruhigen soll, nichts anderes als Homöopathie in Anbetracht der vielen wirklichen Probleme dieser Frauen.

Reimann erwartet unausgesprochen einen Beweis, dass die meisten Frauen den Niqāb freiwillig tragen - dabei müsste sie ihre Behauptung belegen. Sie ist ja die Anklägerin, die will ein Verbot erreichen. Sie muss die Belege vorstellen, die Beweise anführen, die Zeuginnen aufrufen. Sie kann die Beweislast nicht auf andere abwälzen und fordern, sich mit ihrer Behauptung zufrieden zu geben.

Ebenso gut könnte man behaupten, dass Menschen, die sich auf das Bekenntnis ihres Glaubens taufen lassen, dies nicht aus eigener Entscheidung tun (die meisten Christen lassen sich schließlich als Säuglinge taufen), die Mündigentaufe also verboten werden müsste. Sie betrifft ja ohnehin nur 0,5 % der Christen in Deutschland, die darüber hinaus im Ruf stehen, evangelikale, freikirchliche Christen zu sein, radikale Christen, die Taliban der Christenheit.

Weil Reimann nun Zweifel an der Freiwilligkeit der Verschleierung hat, möchte sie mit einem Burkaverbot den Frauen, die sich freiwillig verschleiern, sagen: Dies hier ist nicht euer Land.

Sollte sie nicht eher den Männern sagen, sie gehören nicht nach Deutschland? Braucht es nicht statt eines Burkaverbotes ein Verbot, Frauen zur Verschleierung zu zwingen? Allerdings haben wir mit dem Straftatbestand der Nötigung ein solches Verbot. Es erscheint Reimann und anderen aber wohl als nicht ausreichend - man möchte die Frauen, die sich freiwillig verschleiern, aus dem Land haben.

Dabei ist die Frage, ob nicht eher der Ruf nach Bekleidungsvorschriften dazu führen sollte, sich eine andere Heimat zu suchen - in dieser Hinsicht sollen der Iran und Saudi-Arabien sehr schön sein. Auch dort behauptet man, die Bekleidungsvorschriften dienten allein dem Schutz der Frauen. Die Reimanns dieses Landes sind die Zwillinge der Hüter der Bekleidungsvorschriften im Iran, in Saudi-Arabien. Sie wollen Frauen zu deren eigenem Schutz vorschreiben, wie sie sich kleiden, wie sie sich verhalten sollen. Was den einen das sichtbare Haar der Frau ist, das ist den anderen die Verschleierung. Beides ist Paternalismus. Beides wird aus patriarchalen Strukturen geboren, die auch Frauen oft verinnerlichen. Paternalistischer Feminismus freilich nützt am wenigsten den Frauen.

Bekleidungsvorschriften gehören jedenfalls nicht nach Deutschland.

Der Niqāb und vor allem seine Trägerin schon. Herzlich willkommen in diesem Land, und lasst Euch von den Reimanns dieses Landes nicht vorschreiben, wie ihr euch zu kleiden habt.

In diesem Land dürfen Frauen sich kleiden, wie es ihnen gefällt - Minirock, High Heels, Make-up ebenso wie Hidschāb oder eben auch Niqāb.

Und wenn Euch jemand vorschreiben will, wie Ihr Euch anziehen sollt, streckt ihnen fröhlich die Zunge raus. Das sieht man schließlich auch dann, wenn Ihr Niqāb tragt. Ihr wisst das, ich weiß das - und dann merken auch die, wie wenig der Niqāb doch an Mimik verbirgt, wenn es darauf ankommt.