In einem Leserbrief an die „Nürtinger Zeitung”  vom 27. November 2015 schreibt Hertha Schölzel aus Oberboihingen: „Die Ausführungen von Herrn Hummel kann ich nur unterstreichen. Auch wenn es, wie Herr Kretschmann sagt, nur wenige sind, die in Deutschland eine Burka oder Ähnliches tragen und man deshalb kein Burka-Verbot brauche. Ich bin der Meinung, dass man das Tragen einer Burka in Deutschland verbieten muss. Des Weiteren möchte ich gerade den Sicherheitsaspekt nochmals ansprechen. So wie ich weiß, gibt es in Deutschland ein Vermummungsverbot. Eine Burka ist für mich eine Vermummung. Weiß man, wer sich unter der Burka verbirgt? Ich will jetzt wirklich nicht Angst schüren, aber ich denke, die Terroranschläge in Frankreich zeigen, dass wir in Deutschland für unsere Sicherheit ein Burka-Verbot brauchen. Leider wird man sehr schnell in die ‚rechte Ecke’ gestellt, wenn man solche Äußerungen macht.

„Man wird ja wohl noch sagen dürfen...” Das ist eine beliebte Phrase von Leuten aus einer ganz bestimmten Ecke. Aus der gleichen Ecke stammt auch die Phrase, „für bestimmte Äußerungen wird man ganz schnell in die ‚rechte Ecke’ gestellt”.

Die Moderatoren Joko und Klaas richten folgende Worte an solche Leute: „Sehr geehrte Ich-bin-zwar-kein-Nazi-aber-Idioten, deprimierte Wahrheitskenner, Hobbyprovokateure und Intelligenzflüchtlinge! Ihr scheut euch nicht, wie all die anderen Waschlappen, die Wahrheit auszusprechen. [...] Ihr faselt von Wirtschaftsflüchtlingen, Sozialschmarotzern, Überfremdung. [...] Ihr lasst euch nichts diktieren, schon gar nicht von der Lügenpresse, selbsternannten Gutmenschen [...] Nennt euch, wie ihr wollt, ihr bleibt erbärmliche Trottel, die sich auf Kosten der Ärmsten der Armen profilieren wollen.”

Manchmal wird von „Wirtschaftsflüchtlingen, Sozialschmarotzern, Überfremdung” gefaselt, manchmal eben von „Sicherheit”, es wird beispielsweise an die Terroranschläge in Paris erinnert, die allerdings in Wahrheit aufzeigen, dass ein „Burkaverbot” (wie es in Frankreich und Belgien seit Jahren in Kraft ist) nicht nur keine Sicherheit bringt (und zwar gar keine Sicherheit bringt), sondern muslimische Frauen stigmatisiert und dazu geführt hat, dass auch Frauen mit Hidschāb, die ihr Gesicht nicht bedecken, vermehrt Opfer von Anfeindungen, verbaler und auch tätlicher Gewalt werden.

Hier wird mit dem einschränkenden „so wie ich weiß”, das möglicherweise auf eine Unwahrheit hindeutet (wer die Unwahrheit sagt, schränkt seine Aussagen häufig ein), auf das Vermummungsverbot hingewiesen - eine beliebte Taktik von Rechten.

Sie wissen zwar, dass das Vermummungsverbot nur für Versammlungen gilt, aber es geht beim Vermummungsverbot doch darum, dass niemand unerkannt Straftaten begehen soll, nicht wahr? Wer sich „vermummt”, hat etwas zu verbergen, führt Böses im Schilde. Möglicherweise so wie die Terroristen, die in Paris zugeschlagen haben.

Mit dem Hinweis auf das Vermummungsverbot werden die Frauen, die Niqāb oder Burqa tragen, de facto unter einen Generalverdacht gestellt, kriminalisiert, dämonisiert, delegitimiert. Es ist ein Doppelstandard: Niemand wirft denjenigen, die sich zum Fasching oder zu Halloween oder zu Brauchtumsveranstaltungen oder bei kalter Witterung oder mit einem Brautschleier „vermummen”, einen Verstoß gegen das Vermummungsverbot vor, wohl aber den sich verschleiernden muslimischen Frauen (und so haben wir mit der Dämonisierung, der Delegitimierung und den Doppelstandards jene Elemente, die stets mit gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit einhergehen). 

Witzigerweise weist auch die Frage „weiß man, wer sich unter der Burka verbirgt?” ein Element auf, das man bei Unwahrheiten häufig findet: Wer Unwahres sagt, der vermeidet Pronomen, sagt, „man weiß nicht...” statt „ich weiß nicht...”. Sicherlich weiß die Verfasserin des Leserbriefes, dass sie eigentlich in den allermeisten Fällen nicht wissen kann, wen sie vor sich hat, wenn sie diese Person nicht zweifelsfrei identifizieren kann (was wiederum kein Jedermannsrecht ist). Wie viele der Menschen, denen sie begegnet, kennt sie schon? In Deutschland kennen viele ja nicht einmal ihre Nachbarn. Und viele Deutsche wollen die Frauen, die Niqāb tragen, gar nicht kennenlernen. Es ist ja nicht nur der Niqāb. Da ist viel mehr. Und darum machen sie sich auch keine Gedanken darüber, dass ein Niqāb-Verbot auf jeden Fall dazu führt, dass die Frauen ihre Wohnung nicht mehr verlassen können, ihnen nicht mehr über den Weg laufen können.

Niemand braucht allerdings einen Niqāb oder eine Burqa, um sich der Feststellung der Identität, des Geschlechts, der mitgeführten Gegenstände, der Absichten, der Gedanken entziehen zu können. Es reichen eine Perücke, ein falscher Bart, eine Sonnenbrille, Schminke usw., ein freundliches Lächeln, ein zuvorkommendes, höfliches Wesen.  Ein so verkleideter Mensch kann nicht nur nicht identifiziert werden - die Verkleidung als solche fällt nicht einmal auf, weil aus dem jungen Mann mit kurzen eben eine attraktive Frau mit Lockenpracht und Sonnenbrille geworden ist, die uns anlächelt, während sie hinter ihrem Rücken den Knopf drückt, der die Bombe in ihrem Kinderwagen explodieren lässt. Klar ist auch, dass beispielsweise ein Terrorist eher auf die hierzulande überaus auffällige Kleidung verzichten würde. Der Vorwurf, unter dem Niqāb könne sich etwa ein Terrorist verbergen, stellt die Frauen wiederum unter einen Generalverdacht. Oder werfen sie Frauen mit Kinderwagen auch vor, darin könnte sich eine Bombe verbergen - oder im Geigenkasten eine Waffe? Warum dann unter dem Niqāb? Genau: Doppelstandard. Dämonisierung. Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit.

Joko und Klaas werfen den „Ich-bin-zwar-kein-Nazi-aber-Idioten” vor, sich profilieren zu wollen - aber vielleicht geht es diesen Leuten ja auch darum, Rache nehmen zu wollen. Rache an denen, die aufgrund ihres Erscheinungsbildes scheinbar mit den Terroristen im Bunde sind, denen man eine Mitschuld am Terrorismus gibt?

Personen in der rechten Ecke werden häufig von Rachegelüsten getrieben, von Rachegefühlen gesteuert.

Vermutlich ist es so, dass viele, die ein Verbot von Niqāb oder Burqa fordern, viele auch von denen, die Scheinargumente wie Sicherheitsaspekte anführen, in Wahrheit Rache nehmen wollen. Rache für die vermeintliche Überfremdung, Islamisierung, Zerstörung unserer „abendländischen jüdisch-christlichen” Kultur, Rache für die Angst, in der wie angeblich leben müssen, für die Einschränkungen. Rache für eine diffuse Angst vor der Zukunft, an der sie eben gerne den Muslimen die Schuld geben. Sie wollen Rache nehmen und greifen sich gerade die heraus, die einerseits leicht zu identifizieren sind, andererseits mutmaßlich zu den Schwächsten gehören, gerade weil es nur so wenige sind, weil sie auf der sozialen Leiter noch weiter unten stehen.

Wie Joko und Klaas sagen: „Erbärmliche Trottel.”

Natürlich will ich nicht sagen, dass Frau Schölzel einer der erbärmlichen Trottel aus der rechten Ecke ist - aber an ihrem Leserbrief fallen doch Elemente auf, die man aus dieser Ecke immer wieder zu hören bekommt, die sie vielleicht - ohne es zu zu merken - verinnerlicht hat.

Rechtspopulisten etwa weisen häufig auf Sicherheitsaspekte hin - und fordern dann auch gerne eine „Law & Order”-Politik. Gerne unterstellt man den Regierenden, die Situation zu unterschätzen, nichts gegen eine angebliche Bedrohung zu unternehmen, nicht für den Schutz der Bevölkerung zu sorgen.

Achten wir also darauf, ob wir ohne es zu wollen auf die Argumente der Rechten hereinfallen.