Niqāb und Burqa unterdrücken bewusst die Mimik als eine der wesentlichen Ausdrucksformen, die auch unbewusst den Wahrheitsgehalt einer Aussage unterstreicht.

Unsere Mimik ist kein zuverlässiger „Lügendetektor” (auch wenn wir selbst gerne etwas anderes glauben und uns häufig viel zu gut darin einschätzen, die Mimik zu deuten).

Überhaupt erkennen wir nur in gut 50 % der Fälle, wenn ein Mensch nicht die Wahrheit sagt. Man könnte also ebenso gut eine Münze werfen.

Geübte Menschen können anhand folgender Merkmale möglicherweise erkennen, wenn jemand nicht die Wahrheit sagt:

  1. Verbale Kommunikation
    1. Fragen werden wortwörtlich wiederholt
    2. Chronologische Erzählweise
    3. Lange Einleitung mit vielen Details - kurze Haupthandlung mit wenigen Details - hastiger Schluss
    4. Geschehnisse herunterspielen
    5. Antworten werden verzögert gegeben, werden herausgezögert
    6. Pronomen werden vermieden (statt „ich lüge doch nicht” heißt es dann „man lügt doch nicht”)
    7. Sich durch Einschränkungen häufig absichern („soweit ich mich erinnere”)
    8. Der Bericht nennt kaum Details, die für das Erlebte keine Rolle spielen
    9. Der Bericht nennt kaum Details dazu, dass etwas nicht wie geplant funktioniert hat
    10. Es fällt schwer, Teile oder Details der Aussage zu wiederholen
    11. Es fällt schwer, die Aussage in chronologisch umgekehrter Reihenfolge zu tätigen
    12. Es ist erfahrungsgemäß möglich, sich eine solche Geschichte auszudenken, auch wenn man sie nicht erlebt hat
  2. Nonverbale Kommunikation - Körperhaltung, Gestik usw.
    1. Die Hände berühren sich häufig gegenseitig
    2. Die Hände berühren häufig das Gesicht
    3. Die Arme werden verschränkt
    4. Die Person lehnt sich zurück
    5. Der Körper wirkt schief - eine Schulter wird beispielsweise immer wieder angehoben
    6. Zwischen Personen wird eine Barriere aufgebaut (z.B. mit Gegenständen auf dem Tisch)
  3. Nonverbale Kommunikation - Gesicht, Mimik, usw.
    1. Es wird mehr in die Augen des Gegenübers gesehen (und ggf. mehr und länger gelächelt) als sonst
    2. Gesicht zeigt bei unbequemen Fragen Verachtung - und Freude bei der Hoffnung, dass einem geglaubt wird (vor allem in den Augen)
    3. Starke Bewegungen des Kinns (vor allem bei vorgetäuschter Wut oder Trauer)

Bei alledem gilt: Mehrere Merkmale müssen zusammen und häufiger als sonst auftreten.

Die wichtigsten Merkmale sind unter Punkt 1. zu finden, im Bereich der verbalen Kommunikation.

Von den Merkmalen unter Punkt 2. müssen mehrere zutreffen - von den Punkten 2.1 bis 2.4 (sie werden auch als „Cluster” bezeichnet) sollten wenigstens drei Merkmale zutreffen.

Für uns interessant sind die Punkte 3.1 bis 3.3 - und Punkt 3.1 nur dann, wenn die Augen völlig blickdicht bedeckt sind, die Blickrichtung also nicht festgestellt werden kann. Das unter 3.2 Beschriebene äußert sich vor allem über die Augen und betrifft uns damit wiederum nur dann, wenn die Augen bedeckt sind. Lediglich das 3.3 Beschriebene, das bei vorgetäuschter Wut oder Trauer zu beobachten sein könnte, wird durch den Niqāb verborgen.

Am Rande bemerkt: Was der Niqāb verbirgt, ist ein falsches Lächeln. Wir können nur relativ wenige unserer Muskeln kontrollieren - jene Muskeln, die unsere Augen zum Lächeln bringen, gehören nicht dazu. Wir können nur die Muskeln kontrollieren, die unsere Mundwinkel nach oben ziehen. Wer falsch lächelt, lächelt mit dem Mund, aber das Lächeln erreicht seine Augen nicht. Trägt eine Frau einen Niqāb, kann sie uns also nicht verlogen anlächeln. Wenn ihre Augen uns anlächeln, ist das Lächeln dagegen immer echt.

Wenn wir schon beim Lächeln sind: Echtes Lächeln dauert selten kürzer als fünf oder länger als zehn Sekunden. Und es bricht weder abrupt ab noch verschwindet es stufenweise vom Gesicht.

Ob eine Person die Unwahrheit sagt, können wir vor allem im Bereich der verbalen Kommunikation erkennen - also hören. Ein Niqāb verbirgt dies nicht. Der Niqāb verbirgt auch nicht eine schiefe Körperhaltung oder wenn eine Person zwischen sich und uns eine Barriere errichtet, wenn sie häufig ihre Hände oder ihr Gesicht berührt, wenn sie ihre Arme verschränkt oder wenn sie sich zurück lehnt.

Wenn man also überhaupt erkennen kann, ob eine Person die Unwahrheit sagt - der Niqāb hat darauf kaum Einfluss.

Vor Gericht treten manchmal Rechtspsychologen auf, die sich vor allem für die verbale Kommunikation der Zeugen interessieren und eher am Rande für ihre Mimik oder Gestik.

Sie lassen die Zeugen möglichst lange reden, ohne dabei Rückfragen zu stellen (Rückfragen gelten sogar als schädlich für die Feststellung der Glaubwürdigkeit, weil ein Zeuge, der die Unwahrheit sagt, daran erkennt, wo er seine Aussage korrigieren muss). Ihr Ziel ist eine möglichst komplexe Aussage.

Danach bitten sie die Zeugen beispielsweise, die Schilderung eines bestimmten Details zu wiederholen oder das Geschehen in chronologisch umgekehrter Reihenfolge zu schildern.

Schließlich untersuchen sie das Gesagte unter anderem auf fehlende Details, Widersprüche und mangelnde Plausibilität.

Das alles wie gesagt vor allem anhand des Gesagten, des gesprochenen Wortes. Ein Rechtspsychologe kann also auch Prosopagnostiker („gesichtsblind”) oder blind sein, ohne dass ihn dies in seinen Fähigkeiten einschränkt.