Man weiß ja nie, ob unter dem Niqāb eine Frau oder ein Mann steckt... Oder sogar ein Terrorist. 

Vielleicht liegt es daran, dass ich ein Prosopagnostiker bin und darum Menschen nicht an ihrem Gesicht, sondern an ihrer Stimme, ihrer Figur, ihren Bewegungen und ihrer Körperhaltung erkenne, aber ich vermag daran auch sehr zuverlässig das Geschlecht einer Person erkennen. Das funktioniert auch dann, wenn die Person keine hautenge oder freizügige Kleidung trägt.

Schon auf Fotos erkenne ich sehr schnell, wenn unter einem Niqāb wieder einmal ein männlicher Niqāb-Fetischist steckt (extrem häufig). Obwohl ich sonst Augen nicht gut zuordnen kann - ist der Rest des Gesichts verdeckt und sind nur die Augen zu sehen, kann ich die Augen recht eindeutig einem Geschlecht zuordnen.

Ansonsten verraten sich Männer, die Niqāb tragen, immer wieder durch ihre Schuhe. Gerade Frauen fällt das auf (und auch mir, weil ich wegen meiner Prosopagnosie Schuhe oder Stiefel gerne als zusätzliches Identitätsmerkmal verwende, wenn ich gerade mit mehreren Personen im Gespräch bin).

Ansonsten gibt es erstaunlich viele Menschen, die recht androgyn aussehen, die man allein anhand ihres Gesichts nicht eindeutig einem Geschlecht zuordnen kann. Und manchmal haben Frauen sogar ausgesprochen maskulin wirkende Gesichter und umgekehrt. Oftmals braucht es zusätzliche Marker wie Frisur, Make-up, Kleidung usw., um eine Person einem Geschlecht zuzuordnen, wenn die Gesichtsform keinem der beiden Durchschnittswerte entspricht, die man Männern oder Frauen zuordnen kann. Maskulin und feminin sind eben Durchschnittswerte, von denen der individuelle Mensch zum Teil erheblich abweichen kann.

Und dann gibt es natürlich das weite Feld der Fetischisten, Cross-Dresser, (fetischistischen) Transvestiten, Transsexuellen usw., der Hermaphroditen (Androgynen) und der Intersexuellen.

Aus gutem Grund weist der deutsche Personalausweis (anders als der Reisepass) das Geschlecht des Inhabers nicht aus. Von daher würde auch ein Blick in den Personalausweis einer Person, die Niqāb trägt, uns keinen ausdrücklichen Aufschluss geben.

Es bleibt die Frage - was macht es für einen Unterschied, ob die Person, der wir begegnen, eine Frau oder ein Mann ist? Warum legen wir so viel Wert darauf, eine Person einem Geschlecht zuordnen zu können? Gerade wenn wir für die Gleichberechtigung der Geschlechter sind und auch für Gender Mainstreaming, dann sollte es uns doch egal sein, ob wir es nun mit einer Frau oder einem Mann zu tun haben.

Und auch ohne Niqāb würde niemand erkennen können, ob diese Person nun ein Räuber oder ein Terrorist ist (der sich ja auch mit Schminke, einem falschen Bart, Kleidung, einer Sonnenbrille usw. so maskiert haben könnte, dass er nicht zu identifizieren ist).

Zuletzt noch ein rechtlicher Hinweis: Unser biologisches und soziales Geschlecht (Sex bzw. Gender) gehören zu unserer Person und sind durch das allgemeine Persönlichkeitsrecht geschützt. Das bedeutet auch, dass es kein Jedermannsrecht auf Feststellung unseres Geschlechts gibt. Wenn eine Person, die offiziell männlichen Geschlechtes ist, als Frau identifiziert und erkannt werden möchte (oder umgekehrt), dann ist das ihr gutes Recht.

Dennoch bitte ich um Respekt für Muslime und deswegen darum, dass Männer keinen Niqāb tragen und sich auch nicht als Muslimas ausgeben, um beispielsweise sexuelle Kontakte zu muslimischen Frauen (oder homoerotische Kontakte zu muslimischen Männern) herzustellen. Der Niqāb möge bitte Transvestiten, Transsexuellen, Cross-Dressern usw. tabu sein, er möge auch nicht als Fetisch-Objekt Verwendung finden. Das ist gegenüber Muslimen in höchstem Maße respektlos.