„In Ländern, in denen die Burka normal ist, werden Mädchen ohne Burka angefeindet, bis hin zu körperlicher Gewalt. Dieses Kleidungsstück ist nämlich eben kein modisches Accessoire, sondern eine ultimative moralische Aussage. Und vor diesem Hintergrund wird der Anblick einer vollverschleierten Frau auf unseren Straßen zu einer Herausforderung.”

So ein gewisser Jan Melzer im „Hamburger Abendblatt” (Quelle). Freilich denken viele Menschen so. Und viele leiten aus Behauptungen wie dieser ab, dass ein „Burkaverbot” geboten sei.

Wobei Melzer freilich nicht die „Burka” meint, sondern den Niqāb.

Und wobei das, wovon Melzer schreibt - Anfeindungen bis hin zu körperlicher Gewalt -, ja auch in Ländern gilt, in denen nicht Niqāb oder auch Burqa normal sind, sondern beispielsweise Hidschāb, Çarşaf, Khimar, Čádor usw.

Warum also spricht Melzer hier nur von der „Burka”? Zählen Anfeindungen bis hin zu körperlicher Gewalt nicht, wenn es nicht um den Niqāb, sondern um die fehlende Bedeckung des übrigen Körpers geht? Ist eine Anfeindung dann nicht so schlimm, Gewalt dann hinnehmbar?

Und warum übersieht er eigentlich, dass die Mädchen und Frauen in diesen Ländern in der Regel nicht in erster Linie wegen einer fehlenden Bedeckung des Körpers oder des Gesichts angefeindet werden, sondern grundsätzlich aus ganz anderen Gründen? Eigentlich vor allem aus dem Grund, weil sie Mädchen sind oder Frauen. In Ägypten etwa wird eine Frau, die Niqāb trägt, ebenso häufig angefeindet oder auch Opfer sexualisierter Belästigung oder Gewalt, wie eine Frau, die keinen Niqāb trägt. Es geht hier nicht wirklich um den Niqāb. Hier wird ein großes Problem, das Problem der sexualisierten Gewalt gegen Mädchen und Frauen, stark vereinfacht und völlig verzerrt dargestellt, in unzulässiger Weise auf den Niqāb reduziert, der aber je und je nur ein vorgeschobenes Argument ist. 

Dabei ist es außerdem so, dass längst nicht jede muslimische Frau, die Niqāb trägt und Opfer sexualisierter Gewalt wird, den Niqāb ablehnt. Niqāb und sexualisierte Gewalt gegen Frauen werden allzu oft miteinander vermischt, weil wir gerne glauben wollen, dass die Frauen ihren Niqāb niemals freiwillig tragen, sondern nur, weil sie dazu gezwungen werden - nötigenfalls mit Gewalt. Gerne nehmen wir an, die Gewalt gegen Frauen diene nur dem Zweck, sie zur Verschleierung und zu „keuschem Verhalten” zu zwingen. Aber nein - bei Gewalt geht es immer nur um Macht. Mit Sexualität oder auch Keuschheit hat Gewalt, auch sexualisierte Gewalt, niemals zu tun.

Man wird Melzer auch noch darauf hinweisen müssen, dass Mädchen und Frauen nicht nur in diesen Ländern, also in islamischen Ländern, bis hin zu körperlicher Gewalt angefeindet werden. Das ist ein weltweites Problem - und auch ein ernstes Problem, das Mädchen und Frauen in Deutschland haben. Auch christliche, blonde, blauäugige Mädchen, um die Bedeutung des Themas durch Überzeichnung herauszustellen.

Der Westen freilich zeigt lieber mit dem Finger auf die Muslime. Für uns sagt die „Burka” immer: „Die Muslime sind gewaltbereit und frauenfeindlich.” Wir sehen die vermeintlich unterdrückte, unfreie Frau in ihrer „Burka” - und übersehen die Frau in ihrem Minirock, die von einem Freier vergewaltigt worden ist. Wir übersehen das deutsche Mädchen, das zum Islam konvertiert ist und von ihrem Vater eine kräftige Ohrfeige kassiert hat, weil sie gerne Hidschāb tragen möchte - „so gehst du mir nicht auf die Straße!” Wir übersehen die Frau, die ihr blaues Auge hinter einer Sonnenbrille verbirgt oder schenken ihrer Aussage ohne Weiteres Glauben, dass sie gegen einen Schrank gelaufen sei. Wir sehen weg, wenn ein Arbeitskollege Frauen gegenüber anzügliche Bemerkungen macht, wenn am Arbeitsplatz Kalender mit halbnackten Frauen hängen, wenn die hübsche Sekretärin mit taxierenden Blicken bedacht wird, wenn die Kollegin mit den langen schlanken Beinen eher befördert wird als die Kollegin, die mehr wie eine graue Maus daher kommt.

Es ist so viel einfacher, all das zu verschleiern, indem wir anklagend auf die Muslime zeigen. Es ist so viel einfacher, den Niqāb anzufeinden, während hierzulande Minirock, High Heels und dünne Strumpfhosen viel zu häufig keine Kleidung, kein modisches Accessoire sind, sondern Frauen in einem viel zu häufig gewaltbereiten Kontext sexualisieren.

Aber wer will schon bei jedem Minirock, bei jedem hohen Absatz, bei jeder offensichtlich falschen Oberweite an sexualisierte Gewalt gegen Frauen erinnert werden, eine Gewalt, der hierzulande alltäglich ist? Nein, da ist es doch einfacher, wir machen aus den höchstens 6.500 Frauen, die hierzulande Niqāb tragen, ein Drama, einen Skandal. Es ist viel einfacher, wir weisen auf Frauen in Saudi-Arabien oder Afghanistan oder im Machtbereich des IS hin. Wir finden ja auch den Niqāb viel weniger ansprechend als einen Minirock.

Aber bleiben wir einmal bei der Tatsache, dass nicht nur im „jüdisch-christlichen Abendland” mit seiner Aufklärung und seiner Emanzipation Frauen sexualisierte Gewalt erfahren, sondern auch im Orient sexualisierte Gewalt geschieht. Auch im Zusammenhang mit dem Niqāb oder der Burqa oder dem Çarşaf oder dem Čádor oder was sonst.

Aber was hat das nun eigentlich damit zu tun, wenn hierzulande Frauen sich dafür entscheiden, den Niqāb tragen zu wollen? Sind sie etwa verantwortlich für das, was anderswo geschieht? Für das, worunter anderswo ihre Schwestern durch die Hand von Männern leiden müssen? Für ein Verständnis des Islam, das nicht ihr eigenes ist? Müssen sie wie Täter behandelt werden, denen man etwas verbieten muss? Will man allen Ernstes Frauen, die Niqāb tragen wollen, eine Mitschuld geben an der sexualisierten Gewalt, die Frauen erfahren, die Niqāb mehr oder weniger freiwillig tragen? Da werden dann zwei völlig getrennte Ebenen zusammengebracht.

Frauen, die hierzulande Niqāb tragen wollen, können nicht dafür verantwortlich gemacht werden, wenn anderswo Frauen zum Tragen des Niqāb gezwungen werden.

Natürlich glauben viele Menschen nicht, dass die Frauen das freiwillig machen wollen. So betrachtet auch Melzer in seinem verlinkten Artikel einen Mann, der seine Frau mutmaßlich komplett einhüllt und selber im armfreien (sic!) Muskelshirt (sic!) herumläuft. Dass die Frau dies aus eigenem Antrieb tut und dass der Mann möglicherweise einfach weniger religiös ist als seine Frau - diese Vorstellung etwa scheint Melzer fremd zu sein. Er sieht die Frau als willenlose Puppe, als Marionette ihres Mannes.

Es ist angeblich immer der Mann, der seine Frau wie eine willenlose Puppe einhüllt (während es freilich in unserer Gesellschaft niemals der Mann ist, der seine Frau in Minirock und High Heels zwingt). Im Grunde setzt sich mit unserer Deutung sexualisierte Gewalt gegen Frauen fort, weil wir sie für normal halten und gar nicht auf die Idee kommen, es könnte auch einmal anders sein.

Zugleich betrachten wir die fehlende Bedeckung einer muslimischen Frau so gut wie immer als ihre eigene Entscheidung - und kommen niemals auf die Idee, ihr Mann oder ihr Vater könne sie mit Drohungen oder Gewalt von der Bedeckung abhalten.

Egal was manche Männer ihren Frauen vermeintlich oder tatsächlich antun, egal wie die Situation der Frauen in Ländern, in denen die „Burka” normal ist, vermeintlich oder tatsächlich ist - hierzulande zählt nur, was eine Frau selbst will.

Es ist schon bizarr, dass wir uns darüber aufregen, dass Frauen mutmaßlich nicht frei sind, eigene Entscheidungen zu treffen und dann deswegen Frauen nicht die Freiheit zugestehen, eigene Entscheidungen zu treffen.

Wir nennen es „Schutz”, aber es ist Entmündigung und darum Herabwürdigung. Und damit ist es nichts anderes als sexualisierte Gewalt gegen Frauen.