Bin heute über Julia Klöckner gestolpert, die den Niqāb und die Burqa verbieten möchte, denn diese, so unterstellt sie, seien „Symbol weiblicher Unfreiheit und Ausdruck der Ablehnung westlicher Werte”.

Symbol weiblicher Unfreiheit?

Es wäre natürlich schön, Klöckner würde diese Unterstellung begründen - mir ist allerdings keine Begründung bekannt, mit der sie ihre Behauptung stützt.

Für eine gläubige Muslima jedenfalls hat der Niqāb nichts mit Unfreiheit zu tun.

Während das Christentum den Schleier eher mit der Unterordnung der Frau unter den Mann in Verbindung bringt (dank einer vermutlich irrigen, aber dennoch verbreiteten Auslegung einiger Verse aus dem ersten Brief des Apostels Paulus an die Korinther), wurde der Schleier im Islam eingeführt, damit die Frau als eine freie Frau erkannt würde, die in ehrbaren Verhältnissen lebt - und nicht als eine Sklavin.

Für viele muslimische Frauen heute symbolisiert der Niqāb die Befreiung vom Körperkult unserer westlichen Gesellschaft mit ihren patriarchal geprägten Strukturen, eine Befreiung, die sie für sich selbst dank des Islam und dank des Niqāb gefunden haben, eine Freiheit, sich nicht mehr ständig präsentieren zu müssen, sondern sich so zeigen (oder auch verhüllen) zu können, wie es ihnen selbst gefällt, eine Freiheit, sich nicht mehr von der Werbung, der Modewelt und den Medien sowie zahllosen kritischen Stimmen vorschreiben lassen zu müssen, was denn nun „attraktiv” oder gar „sexy” ist und was nicht. Eine Freiheit, nicht länger „Living Dolls” sein zu müssen, wie Natasha Walter in ihrem gleichnamigen Buch junge Frauen beschreibt, die „lieber schön als schlau sein wollen”. Die Frauen im Niqāb erleben ihre Freiheit darin, dass ihre inneren Werte zur Geltung kommen sollen - und nicht ein glamouröses Äußeres mit knalligem Make-up, Silikonbrüsten, rasierte Beine in dünnen Strumpfhosen und High Heels unter knappen Miniröcken, mit denen sie sich an Poledance-Stangen räkeln.

Solange diese Frauen ihr Verständnis von Freiheit anderen Frauen nicht aufdrängen, ist doch alles in Ordnung?

Natürlich gibt es muslimische Frauen, die unterdrückt werden, die unfrei sind. Aber das liegt nicht am Niqāb, noch würde dieser die Ungleichheit begründen (es sind auch viele muslimische Frauen unfrei, die keinen Niqāb tragen). Ein Verbot des Niqāb ändert an einer solchen Unfreiheit genau gar nichts. Eine solche Frau würde nach einem Verbot schlimmstenfalls das Haus nicht mehr verlassen dürfen. So erlaubt ihr der Niqāb immer noch eine gewisse Freiheit.

Ablehnung westlicher Werte?

Auch hier fehlt, soweit mir bekannt, eine Begründung.

So wie gläubige Muslime weder Alkohol noch Schweinefleisch konsumieren, so leben sie auch eine gewisse Geschlechtertrennung. Da geht es nicht um eine Ablehnung westlicher Werte, sondern darum, dass es nach religiöser Überzeugung nicht gut ist, wenn sich Männer und Frauen unkontrolliert vermischen (man könnte auch sagen: „assimilieren”). Das bewegt sich, wie gesagt, etwa auf einer Ebene damit, dass es nach religiöser Überzeugung nicht gut ist, wenn Menschen Alkohol oder Schweinefleisch genießen.

Die islamische Geschlechtertrennung trennt nicht die westliche Gesellschaft mit ihren Werten von den Muslimen, sondern Männer und Frauen voneinander. Auch dann, wenn Muslime unter sich sind.

Und an dieser Stelle kommt der Niqāb als eine Art „Leitplanke” ins Spiel, der eine Integration zwischen den Geschlechtern unter geschützten Bedingungen erlaubt.

Wer damit ein Problem hat, sollte so ehrlich sein, dass ihn nicht der Niqāb stört - sondern das zugrundeliegende islamische Konzept der Geschlechtertrennung. Und da auch der Hidschāb auf diesem Konzept beruht, müsste auch dieser abgelehnt werden und nicht erst der Niqāb.

Allerdings wäre das recht verlogen, solange auch wir in unserer Gesellschaft noch Reste einer Geschlechtertrennung haben: Getrennte Toiletten- und Waschräume, getrennte Umkleidekabinen, besondere Bade- und Sportzeiten für Frauen und vieles mehr. Das islamische Konzept der Geschlechtertrennung unterscheidet sich nur graduell von unserer Geschlechtertrennung, nicht prinzipiell.

Und auch nur graduell ist der Unterschied zwischen dem Hidschāb und dem Niqāb, wenn es darum geht, dass sich Männer und Frauen miteinander integrieren. Grundsätzlich unterscheidet sich der Niqāb nur graduell von der Trennwand zwischen den Toiletten oder den Umkleideräumen für Frauen und Männer. Es ist das gleiche Prinzip, dass Frauen und Männer in mancherlei Beziehung eben doch lieber getrennt sind - nur graduell unterschieden.

Wenn also Klöckner ein Problem mit dem Niqāb hat, dann muss sie bitte auch Unisex-Toiletten durchsetzen.

Übrigens ist es durchaus ein Zeichen des Respekts, wenn Muslime den Nichtmuslimen ebenso begegnen wie sie es untereinander tun. Würden sie sich Nichtmuslimen gegenüber so verhalten, wie sie es Muslimen gegenüber niemals tun würden, so wäre das eine Herabwürdigung der Nichtmuslime, denen keine Begegnung auf Augenhöhe zuteil wird, sondern eine, die nach muslimischem Verständnis an Respekt vermissen lässt.

Werte kann eben auch bedeuten: „Ich behandle den anderen so, wie ich auch meine eigene Familie behandeln würde, mit Ehrerbietung und Respekt”.