„Wenn eine Frau Niqāb oder Burka trägt, ist sie nicht mehr als Individuum erkennbar. Das ist ein für uns wichtiger Wert, darum ist ein Verbot der richtige Weg.”

Es ist reichlich kurzsichtig, Individualität auf die Sichtbarkeit des Gesichts zu reduzieren.

In der Soziologie ist Individualität grundsätzlich zum einen das, was zur Vereinzelung des Menschen führt, zum anderen das, was eine Loslösung von einer Gruppe bewirkt.

Individualität bedeutet: „Ich gehöre nicht zu der Gruppe”.

Demgegenüber bindet eine gewisse Uniformität Menschen in eine Gruppe ein. Sie zeigen damit an, dass sie als Personen einer bestimmten Gruppe angehören. Sowohl der Hidschāb als auch der Niqāb muslimischer Frauen zeigen an, dass sie sich der Gruppe der Muslime verbunden wissen. 

Innerhalb einer Gruppe ist eine Person immer noch Individuum und hat eine bestimmte Rolle inne. Für die meisten Menschen ist die Inklusion (nicht aber die Assimilation) in eine Gruppe ein erstrebenswertes Ziel. Sie wissen, dass die Gruppe mehr ist als die Summe ihrer Individuen und damit auch jedes Individuum gewinnt.

Dieses Ziel streben auch die meisten Niqābi an. Ihr Niqāb ist Ausdruck und Ausweis ihrer Gruppenzugehörigkeit.

Ein Verbot des Niqāb bedeutet für diese Frauen nicht mehr Individualität, sondern einen individuellen Verlust an geteilter Stärke, an Gruppenzugehörigkeit. Für den Menschen ist dies selbstverständlich alles andere als erstrebenswert - die Angst vor Segregation kann sogar eine traumatische Belastung herbeiführen.

Dies gilt um so mehr, wenn eine solche Frau möglicherweise befürchtet, von ihrer Gruppe wegen einer vermeintlichen Schwäche abgelehnt zu werden, wenn sie dem Verbot Folge leisten würde. Es würde innerhalb der Gruppe einen sozialen Abstieg bedeuten oder sogar den Ausschluss aus der Gruppe.

Ohne Niqāb mögen wir die Frau besser identifizieren können, doch was wir sehen, hat im Inneren dadurch an Individualität verloren. Sie ist also nach der Entschleierung de facto weniger Individuum als vorher mit ihrem Niqāb.

Die Niqābi bedeckt ihr Gesicht nur in der Öffentlichkeit - nicht gegenüber anderen Frauen und nicht gegenüber Männern, die für sie Mahram sind. Innerhalb dieser Kreise ist sie also nach wie vor identifizierbar. Das ist im Übrigen sie grundsätzlich auch mit Niqāb; denn Körperhaltung, Bewegungsmuster, Gestik und Stimme sind nach wie vor erkennbar - im Prinzip sieht man von einer Niqābi ebenso viel wie ein Prosopagnostiker („Gesichtsblinder”) von einer beliebigen Person, deren Gesicht sie zwar als solches erkennen, aber nicht einer bestimmten Person zuordnen kann (dennoch nehmen Prosopagnostiker selbstverständlich jede Person als Individuum wahr und nicht als eine „gesichtslose Masse”).

Frauen mit Niqāb sind Individuen. Nur weil ihre Identifizierung nun in der Öffentlichkeit nicht mehr durch das Erkennen ihres Gesichtes erfolgen kann (halt wie bei Prosopagnostikern), büßen sie ihre Individualität nicht ein.

Wenn wir in unserer Gesellschaft Individualität so wertschätzen, wie wir das behaupten, dann akzeptieren wir auch die individuelle Entscheidung einer muslimischen Frau, die sich für den Niqāb entscheidet, um sich in eine Gruppe ihrer Wahl zu inkludieren.

Stören kann uns dann nur die Assimilierung in eine Gruppe, die aus Zwang heraus erfolgt.

Dann muss uns aber auch die erzwungene De-Assimilierung einer Frau aus ihrer Gruppe stören, die durch ein Niqāb-Verbot erfolgt, weil hier eben ihre Individualität und damit ihre Menschenwürde verletzt wird.

Ein Niqāb-Verbot ist somit gegen die Individualität gerichtet, eine Frau verliert durch das Verbot einen wichtigen Aspekt ihrer Individualität.