„Wer sich verschleiert, wendet sich von der Gesellschaft ab. Wer Burka trägt, verweigert Integration.”

So im O-Ton die Unterstellung des baden-württembergischen CDU-Politikers Guido Wolf (Quelle). Die erste Hälfte habe ich schon hier kommentiert, nehmen wir uns nun die zweite Hälfte vor.

Was ist eigentlich Integration?

Das Wort bedeutet in seinem ursprünglichen Sinn (von lat. „integrare”), etwas zu erneuern, zu ergänzen oder aufzufrischen. In diesem Sinne würden Frauen mit Niqāb in unserer Gesellschaft etwas ergänzen, das bisher nicht da war. Sie erneuern unsere Gesellschaft. Sie sind damit ein grundsätzlich wünschenswerter Faktor, weil sie uns auffrischen würden.

In der Soziologie meint Integration (Inklusion) im Allgemeinen den Einbezug von Menschen, die bis dahin aus den verschiedensten Gründen ausgeschlossen (exkludiert) waren. Integration kann auch bedeuten, aus zwei Dingen eine Einheit zu machen.

Integration bedeutet jedoch niemals, dass eine Person assimiliert wird. Dass sie also sich selbst aufgibt, um in etwas anderem aufzugehen, wovon sie nicht mehr unterscheidbar wäre.

Schätzungsweise jede dritte Frau, die hierzulande einen Niqāb trägt, ist eine zum Islam konvertierte Deutsche. Ein weiteres Drittel sind Schätzungen zufolge Muslimas, deren weibliche Verwandte keinen Niqāb tragen, sondern allenfalls Hidschāb. Nur das letzte Drittel, so schätzt man, sind Muslimas, deren weibliche Verwandte einschließlich der Mutter Niqāb tragen. Ich schätze außerdem, dass zwei Drittel der Muslimas, die Niqāb tragen, die deutsche Staatsangehörigkeit haben. Die meisten von ihnen beherrschen die deutsche Sprache. Viele haben einen Schulabschluss, etliche haben eine abgeschlossene Berufsausbildung oder ein Studium absolviert. Manche haben sogar promoviert.

Es stellt sich nun die Frage - sind sie integriert oder nicht? Bedarf eine deutsche Frau nur deswegen, weil sie nach ihrer Konversion zum Islam den Niqāb angelegt hat, einer Integration? Oder hat sie sich damit gar segregiert?

Ich halte es für eine Bringschuld derer, die den Niqābi mangelnde Integration unterstellen, dies mit Beweisen zu untermauern.

Ich nehme an, Wolf und andere sehen in den Frauen mit Niqāb in jeder Beziehung ungebildete Muslimas mit Migrationshintergrund, die die deutsche Sprache kaum beherrschen. Das Klischee ist:

  • Kommt aus dem Ausland
  • Spricht kaum deutsch
  • Hat kaum Schulbildung
  • Hat niemals einen Beruf erlernt
  • Wurde zwangsverheiratet
  • Muss ihren Mann vermutlich mit einer „Nebenfrau” teilen
  • Darf das Haus nur mit Erlaubnis des Ehemannes verlassen
  • Wenn sie voll verschleiert neben ihm mit seinen kurzen Hosen und kurzen Ärmeln und dem oben weit offenen Hemd geht, dann wurde sie natürlich gezwungen, so herumzulaufen
  • Wird seit jeher zur Verschleierung gezwungen
  • Leidet unter ihrer Verschleierung
  • Ist nicht emanzipiert, erlebt keine Gleichberechtigung
  • Wird dazu beitragen, dass ihre Töchter zum Verschleiern gezwungen werden
  • Wurde einer Gehirnwäsche unterzogen und gibt dies an ihre Töchter weiter
  • Sie hat nie gelernt, selbständig zu denken
  • Sie trifft keine Entscheidung ohne ihren Mann
  • Sie hat keine Ahnung vom Islam und weiß gar nicht, dass „Burka” nichts mit dem Islam zu tun hat
  • Unter der „Burka” verstecken sich Hämatome und andere Spuren familiärer Gewalt
  • Sie ist sehr wahrscheinlich auch noch an ihren Genitalien „verstümmelt”
  • So etwas wie Gleichberechtigung und Frauenwürde kennt sie gar nicht
  • Sie kennt nur Unterordnung und Unterdrückung
  • Braucht jemanden, der für sie spricht (und wird ihm hinterher dankbar sein)
  • Braucht jemanden, der ihr hilft (und wird ihm hinterher dankbar sein)
  • Wenn sie nur wüsste, wie gut es ihr damit gehen würde, würde sie gerne die „Burka” gegen westliche Kleidung tauschen, ja, gegen einen westlichen Lebensstil
  • Sie hat ja nie ein freies Leben ohne „Burka” führen können, sie weiß gar nicht, was ihr entgeht
  • Mit weniger Religion würde sie ein viel freieres Leben führen können
  • Braucht ein „Burkaverbot”, um zu ihrem Besten von der „Burka” befreit zu werden
  • Wenn der Mann es zulässt, wird sie ihre „Burka” ablegen und endlich die Chance haben, sich zu integrieren
  • Wenn wir dem Mann mit Strafe drohen, wird er es schon zulassen

Habe ich noch etwas vergessen? Oder habe ich damit das westliche Stereotyp von der „Burka-Frau” zutreffend und umfassend beschrieben? Gut - manche sehen sie mehr als „Opfer”, andere mehr als Täterin. Oder je nachdem, was uns gerade passend erscheint.

Dumm nur, dass dieses Klischee für die Mehrheit der Niqābi nicht zutrifft.

Und wenn sie nicht ausreichend integriert sind, dann liegt es in der Regel an der Gesellschaft, die sie ausgrenzt, die ihr Teilhabe und Inklusion verweigert.

Das Problem ist, dass viele von uns über die Niqābi sprechen. Viele sprechen sogar für sie, fordern vermeintlich in ihrem Interesse ein „Burkaverbot”, damit diese Frauen endlich aus ihrem Leid befreit werden. Aber nur wenige sprechen mit ihnen. Und davon sind es noch einmal nur wenige, die sie nicht auf ihre „Burka” reduzieren, sondern als Person ernst nehmen, die also nicht mit der „Burka-Frau” sprechen, sondern mit der Person, die aus individuellen Gründen Niqāb trägt.

Ich kenne Frauen mit Niqāb, die mir erklärt haben, sie seien noch nie von Angehörigen der Mehrheitsgesellschaft als Personen, die aus individuellen Gründen Niqāb tragen, betrachtet worden. Immer werden sie zuerst auf ihren Niqāb und zweitens auf ihr Dasein als Muslima reduziert. Zwei Etiketten, die für die Mehrheitsgesellschaft scheinbar alles wunderbar beschrieben - und doch nur Klischees beinhalten.

Wo also hinkt die Integration? Bei den „Burka-Frauen” oder doch eher bei der Mehrheitsgesellschaft, die es nicht schafft, diese Frauen jenseits von bequemen, liebgewordenen Klischees zu sehen? Die glaubt, ein „Burkaverbot” würde alle Probleme lösen? Wer das glaubt, hat die betreffenden Frauen wirklich nicht verstanden. Sie werden sich auch dann nicht „integrieren”, wenn wir ihnen die „Burka” vom Kopf reißen, weil da eine ganz andere Burka ist, die „Burka der Klischees, die Weiße in einer Gesellschaft mit patriarchal geprägten Strukturen haben”. Das ist unsere Burka. Der ganze Wust von Stereotypen, Vorurteilen, Mutmaßungen und dem Wunsch, diesen armen Frauen zu helfen - nötigenfalls auch mit Zwang.

Integration verweigert, wer die Frauen nicht als Personen wahrnimmt, die aus individuellen Gründen religiöse Überzeugungen gebildet haben und denen gemäß leben - unter anderem auch mit einem Niqāb.

Wer diesen Frauen eine Begegnung auf Augenhöhe verweigert, der verweigert die Integration.

Wir verweigern die Integration. Weil wir es nicht schaffen, unsere Klischees loszulassen (und weil viele von uns zudem zumindest latent fremdenfeindlich sind, aber das ist ein anderes Thema).

Es gibt eine Burka, die Integration verweigert, und sie ist genäht aus Vorurteilen, Stereotypen, Verdächtigungen, Neokolonialismus, diffuser Religionsfeindlichkeit und vielen anderen Fäden.

Dabei gilt, dass wir die Frauen auch dann nicht integrieren werden, wenn sie ihren Niqāb abgelegt haben. Wir werden dann nämlich nur die „Ex-Burka-Trägerin” integrieren. Wir werden ihre ganze Existenz dann darauf reduzieren, dass sie ja einmal Niqāb getragen hat. Aber wenn man jemanden auf das reduziert, was er früher einmal hatte, dann bleibt nichts übrig, was man noch integrieren könnte.