„Wer sich verschleiert, wendet sich von der Gesellschaft ab. Wer Burka trägt, verweigert Integration.”

So im O-Ton die Unterstellung des baden-württembergischen CDU-Politikers Guido Wolf (Quelle).

Da sich die Niqābi allenfalls von den Männern „abwenden” - und zwar von muslimischen Männern ebenso wie von den nichtmuslimischen Männern -, scheint die Gesellschaft für Wolf nur aus Männern zu bestehen (wobei ich mich ernsthaft frage, ob muslimische Männer für ihn eigentlich zur Gesellschaft gehören oder nur Angehörige des „christlich-jüdischen Abendlandes”).

Im Übrigen verschleiern sich die Niqābi nicht vor der Gesellschaft, sondern in der Öffentlichkeit vor fremden Männern. Öffentlichkeit und Gesellschaft sind keine identischen Räume. Man kann diese beiden Bezeichnungen nicht synonym verwenden.

Selbst diejenigen Niqābi, die Niqāb als Farḍ (Pflicht) betrachten, weil sie Fitna fürchten und sich darum in der Öffentlichkeit ständig verschleiern und ihren Niqāb vor Männern allenfalls anheben, um sich identifizieren zu lassen (und auch hier Frauen vorziehen), haben kein Problem damit, ihren Niqāb vor Frauen abzulegen. Vor muslimischen Frauen ebenso wie vor nichtmuslimischen Frauen. Das mag nicht öffentlich sein, aber Gesellschaft ist es dennoch. Immerhin reden wir hier von der Hälfte der deutschen Bevölkerung.

Aber auch da, wo die Niqābi in der Öffentlichkeit fremden Männern begegnen, wenden sie sich von ihnen nicht ab. Sonst würden sie ja - was freilich die Konsequenz eines von Wolf und anderen befürworteten fälschlich so genannten „Burkaverbotes” wäre - das Haus gar nicht mehr verlassen (Purdah). Statt dessen dienen ihnen Hidschāb und Niqāb (zwischen denen hier ein gradueller, keinesfalls ein prinzipieller Unterschied besteht) ja gerade dazu, sich auch denen zuwenden zu können, die ihren Körper, ihr Gesicht und ihre Hände nicht sehen dürfen, denjenigen Männern, die nicht Mahram sind. Der Niqāb ermöglicht ihnen, sich der Gesellschaft zuzuwenden, sich zu integrieren, ohne dabei eine für sie zwingende Pflicht zu verletzen.

Sie bewegen sich in der Öffentlichkeit, sie nehmen an Elternabenden in den Schulen teil, die ihre Kinder besuchen, sie nehmen an kulturellen Veranstaltungen teil, sie nehmen an politischen Veranstaltungen teil und ihr Wahlrecht wahr, sie treffen sich mit Frauen in offener Runde (wie gesagt, auch mit nichtmuslimischen Frauen), sie besuchen religiöse Veranstaltungen, sie laden andere Menschen zu ihrem Glauben ein, sie nehmen an interreligiösen Gesprächen teil und vieles mehr. Die Frage ist nicht, ob sie das wollen - sondern ob man sie lässt. Viel zu häufig grenzt man sie aus, erteilt ihnen Hausverbote, ignoriert sie, wendet sich von ihnen ab,

Dabei sollten wir nicht vergessen: Der Niqāb ist nicht das, was wie eine Schranke zwischen ihnen und den ihnen fremden Männern steht - es ist ihre religiöse Pflicht, Körper, Gesicht und Hände vor fremden Männern zu verbergen, wenn sie Fitna fürchten. Diese Pflicht und ihr damit verbundenes Verhalten hören nicht auf, wenn sie den Niqāb nicht mehr tragen dürfen. 

Und halten wir dabei fest, dass sich der Niqāb wie schon erwähnt nicht prinzipiell, sondern graduell vom Hidschāb unterscheidet. Die Bedeckung des Kopfes bleibt als Zeichen des Abstands zu den ihnen fremden Männern. Wem dieser Abstand, diese Trennung der Geschlechter nicht gefällt, wer es für fehlende Gleichberechtigung hält, der muss so konsequent sein, auch den Hidschāb als Zeichen der Geschlechtertrennung zu verbieten.

Und selbst dann verlangt echte Konsequenz immer noch, dass nun auch von den Frauen verlangt wird, sich nicht nur nicht mit Hidschāb und Niqāb von den Männern zu trennen, sondern auch das Haus zu verlassen. Denn eine gläubige Frau, die Hidschāb und Niqāb nicht öffentlich tragen darf, wird, um die Geschlechtertrennung aufrechtzuerhalten, ihr Haus nicht mehr verlassen. Damit wird das Haus zum Symbol der von Wolf und anderen fälschlich unterstellten „Abwendung von der Gesellschaft”. Wer diese wirklich in letzter Konsequenz unterbinden will, muss die Frauen aus dem Haus und in die Öffentlichkeit zerren. Und weil sie nun wenigstens ihre normale Kleidung als eine allerletzte Grenze zwischen sich und den fremden Männern sehen wird, muss man ihr auch diese vom Körper reißen, bis sie nackt da steht, allen Schutzes beraubt. Dann ist sie endlich nicht mehr „von der Gesellschaft abgewandt”.

Denn wir reden hier nicht vom Niqāb. Das „Problem” ist das muslimische Konzept der Geschlechtertrennung, das, damit die Frau ihr Haus verlassen kann, Einschränkungen erfährt: Mit Hidschāb und Niqāb darf sie das Haus verlassen und den gleichen öffentlichen Raum betreten, an dem sich auch fremde Männer aufhalten.

Wer im Niqāb ein Verletzung der Frauenwürde, eine fehlende Gleichberechtigung, eine Unterordnung der Frauen sieht, dem muss klar sein, dass diese Verletzung, diese Ungleichheit, diese Unterdrückung, sollte es sie wirklich geben, nicht beim Niqāb beginnt, nicht beim Hidschāb, nicht einmal bei der Purdah, sondern beim muslimischen Konzept der Geschlechtertrennung. Und wer nun meint, er müsse die Frauen „befreien”, der muss das vermeintliche Problem bei der Wurzel packen.

Am Beispiel oben haben wir hoffentlich gemerkt, dass auch unsere Gesellschaft eine Geschlechtertrennung kennt. Sie unterscheidet sich zwar graduell von der gläubiger Muslime, aber auch wir haben Grenzen zwischen Männern und Frauen. Wir haben sie im Laufe von Jahrhunderten auf großer Länge eingerissen, aber de facto gibt es immer noch diese Grenzen zwischen Männern und Frauen (und gerade jene, die sich nicht klar einem der beiden klassischen Geschlechter zuordnen können, spüren diese Grenzen am deutlichsten).

Wenn Sie einmal wieder darüber nachdenken, wie sehr doch der Niqāb die Geschlechter trennt - vom Prinzip her tun unsere getrennten Toilettenräume, Umkleideräume, Waschräume genau dasselbe. Der Unterschied zur Geschlechtertrennung gläubiger Muslimas ist gradueller, nicht prinzipieller Natur.

Der Niqāb ist eine Schranke zwischen den Geschlechtern, die sich nun einmal vor dem Gesicht einer Frau befindet. Aber sie ermöglicht ihr immer noch die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben, erlaubt ihr die Integration (die freilich bei vielen Frauen mit Niqāb viel weiter fortgeschritten ist als wir meist annehmen). Und ja, man kann mit einer Frau, die Niqāb trägt, kommunizieren. Wir beweisen das ja alle Tag für Tag, wenn wir miteinander telefonieren. Wenn wir an Web-Konferenzen teilnehmen. Es ist für uns ungewohnt, aber es nicht unmöglich. Es ist nicht die Frage, ob man so kommunizieren kann, sondern ob man es will. Und wer es nicht will, der sollte das genau so sagen und nicht die Verantwortung von sich weg schieben.

Und auch hier gilt: Jede Frau mit Niqāb kennt beide Seiten des Niqāb, wenn sie kommuniziert. Es kommt ja immer wieder vor, dass sie in der Öffentlichkeit mit anderen Niqābi kommuniziert - beide Frauen mit Niqāb. Mit dem gleichen Blick auf den Niqāb, den wir für so problematisch halten. Sie mutet uns nicht etwas zu, dass sie selbst niemals tut. Sie ist selbst immer wieder in genau der Lage, die wir für eine „Abwendung von der Gesellschaft” halten.

Und noch etwas: Wenn sie mit einem ihr fremden Mann spricht, dann entzieht sie nicht nur ihm ihr Gesicht, sondern sie wird ebenso ihren Blick senken und ihm nicht ins Gesicht sehen, weil ihr das ebenso verboten ist wie der Blick eines fremden Mannes in ihr Gesicht. Auch hier mutet sie uns nichts anderes zu als das, was sie selbst auf sich nimmt, weil diese Regeln für beide Geschlechter gelten.

Und auch sei daran erinnert, dass sie ja niemandem, weder Mann noch Frau, verbietet, ebenfalls das Gesicht zu bedecken, sei es ebenfalls mit einem Niqāb, sei es mit einer Skimaske oder Sturmhaube oder was sonst. Sie spricht uns das gleiche Recht zu, das Gesicht zu bedecken. Dass wir es nicht tun, ist unsere Entscheidung, nicht ihre. Wir könnten uns ungerecht behandelt fühlen, wenn sie uns verbieten würde, unser Gesicht zu bedecken, aber genau das tut sie nicht. Wenn Sie also beim Gespräch mit einer Niqābi ihr Gesicht bedecken möchten - nur zu. Sie wird sich wundern, aber sie wird es Ihnen nicht verbieten.

Und das ist doch eigentlich der Punkt, um den es geht: Sie nimmt sich kein Recht heraus, dass sie uns vorenthält. Sie ist absolut fair.

Und wenn sie sich vor den ihr fremden Männern verschleiert (oder vor Frauen den Niqāb abnimmt), dann unterscheidet sie auch nicht zwischen Muslimen und Nichtmuslimen. Ihre Regeln dienen nicht dazu, sich von einer nichtmuslimischen Gesellschaft abzuwenden, von „uns”. Sie tut es nicht, weil sie Nichtmuslime für unrein oder sündig oder was sonst hält, sondern behandelt hier alle Männer gleich, Muslime wie Nichtmuslime. Sie tut es übrigens auch nicht, weil sie glaubt, alle nichtmuslimischen Männer würden über sie herfallen und sie vergewaltigen, wenn sie mehr von sich her zeigen würde als nur ihre Augen (wobei ich manchmal glaube, dass jene, die ihr das unterstellen, sich einen Schuh anziehen, der ihnen passt).

Kommen wir noch für eine letzte Bemerkung zur Unterstellung Wolfs und anderer zurück, wer sich verschleiere, wende sich von der Gesellschaft ab. Ich bin Teil dieser Gesellschaft - und ich weise die Behauptung zurück, eine Frau, die sich verschleiere, wende sich von mir ab. Ich fühle mich von dieser Behauptung über „die Gesellschaft” in eine Ecke gedrängt, in der ich nicht stehen will. Ich als Teil dieser Gesellschaft erlebe die Frauen, die sich verschleiern, als mir gesellschaftlich zugewandt.

Wenn Herr Wolf das anders sieht, dann ist das sein Problem, aber als Teil dieser Gesellschaft sage ich: In meinem Namen kann, in meinem Namen darf er nicht sprechen.