„Kälte macht krank, man bekommt eine Erkältung. Darum ist es gerechtfertigt, wenn Gesichtsverhüllungsverbote Ausnahmen aus Witterungsgründen machen.“

Diesen Einwand hört man ab und an, wenn es darum geht, ob ein Gesichtsverhüllungsverbot auch für Menschen gelten muss, die bei Kälte Mund und Nase mit einem Schal o.ä. vermummen.

Dass eine Erkältung (oder, wie man in Österreich sagt, eine Verkühlung) von Kälte verursacht wird, ist allerdings ein Mythos.

Eine Erkältung bzw. Verkühlung ist eine Infektionskrankheit, meist von Viren, seltener von Bakterien verursacht. Das Kältegefühl bei einer Erkältung ist eine Reaktion nicht auf Kälte, sondern auf die Infektion. Und vor einer Infektion schützt kein Schal.

Wir werden auch eher nicht an der frischen Luft an einer Erkältung erkranken, sondern eher in schlecht belüfteten Räumen, vor allem dann, wenn die Luftfeuchtigkeit niedrig ist.

Halten wir also fest: Auch ohne Schal vor Mund und Nase werde ich mich durch die Kälte nicht erkälten oder verkühlen.

Etwas anderes ist eine Unterkühlung. Eine Unterkühlung tritt ein, wenn der Körper nicht so viel Wärme produzieren kann, wie er abgibt. Bei weniger als 36 Grad Celsius Körpertemperatur spricht man von einer Unterkühlung, bei 34 Grad Celsius oder weniger ist es gesundheitsgefährlich, bei unter 30 Grad Celsius lebensbedrohlich, bei 27 Grad Celsius tritt der Kältetod ein. Eine Unterkühlung wird durch eine Alkoholvergiftung begünstigt und verstärkt.

Aber man muss schon einen größeren Bereich des Körpers sehr lange einer sehr tiefen Temperatur aussetzen, um eine Unterkühlung zu riskieren oder gar Erfrierungen. In der Regel geschieht dies nur bei Bergunfällen oder im Wasser, also in Extremsituationen. Auch Wohnsitzlose sind in besonderen Maße gefährdet.

Setze ich jedoch nur mein Gesicht - Mund und Nase - der Kälte aus, werde ich nur in Extremsituationen unterkühlen. Eine Möglichkeit wäre, dass mein Kopf wiederholt in Eiswasser getaucht werden würde, also bei einer Folterung. Hier betrifft das Problem aber weniger Nase und Mund, sondern zum einen der Kopf als Ganzes, über den sehr viel Körperwärme abgegeben wird, und zum anderen die Atemwege, wenn Eiswasser eingeatmet bzw. verschluckt wird.

Schließlich gibt es noch die Erfrierung. Sie stellt tatsächlich eine ernstzunehmende Gefahr bei Kälte dar und betrifft auch das Gesicht, genau genommen die Nase. Ein Schal kann die Nase vor einer Erfrierung schützen.

Eine Erfrierung tritt ein, wenn ein Körperteil - gefährdet sind insbesondere Finger, Zehen, Ohrmuscheln und zuletzt Nasenspitze, unter Extrembedingungen auch Wangen und Kinn - außergewöhnlich lange einer Temperatur deutlich unter dem Gefrierpunkt ausgesetzt wird. In diesem Fall stellt der Körper die Blutgefäße eng, um einen Wärmeverlust zu verhindern, was zu einer schlechteren Durchblutung und damit einer Abkühlung des Gewebes führt.

Die Nase ist dabei noch am wenigsten gefährdet. Da sie dem Körper auch dazu dient, die eingeatmete Luft anzuwärmen, stellt der Körper hier die Blutgefäße erst relativ spät eng, um einen Wärmeverlust zu verhindern. Zudem wärmt die ausgeatmete Luft die Nase von innen her.

Die Nase kann man meist schon damit vor einer Erfrierung schützen, dass man die Handfläche für eine Weile auf die Nase legt (jedoch nicht reibt).

Erfrierungen treten nicht so sehr durch die kalte Temperatur selbst auf, sondern eher durch Berührungen der Haut mit kaltem Metall. Auch nasse Kälte (Schneeregen, Eisregen) kann zu Erfrierungen führen. Hierdurch wird in kurzer Zeit weit mehr Temperatur abgegeben als der Körper über die Blutgefäße und die Muskulatur nachliefern kann. Der Körper stellt die Blutgefäße noch enger, um weitere Wärmeverluste zu verhindern. Dies wird verstärkt, wenn der Körper zugleich unterkühlt ist.

Erfrierungen können nicht nur bei großer Kälte auftreten, sondern auch bei Temperaturen knapp unter dem Gefrierpunkt (oder tiefer), wenn zugleich sehr hohe Windgeschwindigkeiten herrschen („Windchill-Effekt“, durch den die Temperatur auf der Haut um ca. 2 - 5 Grad Celsius niedriger ausfällt als in der Luft) oder wenn die betreffende Person ins Wasser gefallen ist.

Erfrierungen treten meistens in Extremsituationen auf - insbesondere in Kriegszeiten oder infolge von Naturkatastrophen, außerdem bei Unfällen auf dem Berg oder im Wintersport. Im Alltag sind Erfrierungen jedoch eher selten - gerade in Ländern wie Deutschland, Österreich und der Schweiz.

Als Risikogruppen gelten Bergsteiger (insbesondere bei Bergwinden oder bei Bergunfällen), Wintersportler (insbesondere bei Unfällen) und Motorschlittenfahrer (aufgrund des hohen Fahrtwindes). Raucher und Menschen mit niedrigem Blutdruck, Untergewicht oder Diabetes sind deutlich stärker gefährdet als andere. Auch zu enge Schuhe stellen ein Risiko (für Erfrierungen an den Zehen) dar.

Gesunde Radfahrer andererseits müssten sich außergewöhnlich lange den Auswirkungen außergewöhnlicher Kälte aussetzen, ehe einer ungeschützten Nase eine Erfrierung droht. Zudem kann man mit einer wasserarmen, stark fetthaltigen Creme ziemlich gut Erfrierungen an Nase und Ohren vorbeugen. Sie verhindert zudem, dass die Haut austrocknet.

Zuletzt sind noch Menschen mit Vorerkrankungen zu nennen, bei denen Kälte einen negativen Einfluss auf die Atemwege hat - beispielsweise Mukoviszidose.

Fazit

Kälte kann keine Erkältung oder Verkühlung verursachen, wohl aber Unterkühlungen und Erfrierungen, dies jedoch eher in Extremsituationen.

Vor einer Unterkühlung schützt auch ein Schal, den man sich vor Mund und Nase bindet, nicht.

Vor einer Erfrierung an der Nase könnte ein Schal allerdings schützen - allerdings droht diese Gefahr im Alltag eher nicht, solange nicht extrem tiefe Temperaturen herrschen, bei Temperaturen unter dem Gefrierpunkt sehr starke Winde herrschen oder man ins Wasser gefallen ist. Außer im letzten Fall, wenn man also durchnässt ist, treten Erfrierungen auch nicht sofort auf, sondern erst nach längerem Aufenthalt in der Kälte - am ehesten nach einem außergewöhnlich langen Aufenthalt.

Im Alltag erleben wir Kälte meist als unangenehm (und das ist bei jedem Menschen eine sehr subjektive Wahrnehmung), doch macht sie uns in der Regel nicht krank.

Ist Kälte nun ein ausreichender Grund, um als Ausnahme bei einem Gesichtsverhüllungsverbot zu gelten, so dass man sich etwa einen Schal vor das Gesicht, vor Mund und Nase, binden darf? Die Antwort ist nicht einfach. Ob Kälte uns krank macht, hängt im Alltag vor allem von vier Faktoren und ihrem Zusammenwirken ab: Temperatur, Windgeschwindigkeit, Nässe, Dauer des Aufenthalts in der Kälte. Im winterlichen Alltag droht gesunden Menschen keine Krankheit aufgrund von Kälte. Die Gefahr nimmt zu, je kälter und je windiger es ist, je nasser es ist und je länger wir uns in der Kälte aufhalten. Außerdem können Vorerkrankungen die Gefahr erhöhen.

Doch wer sagt nun im Falle eines Gesetzes, das die Verhüllung des Gesichts verbietet, wann es wirklich kalt genug ist für eine Ausnahme vom Verhüllungsverbot in Gestalt etwa eines Schals, den man sich vor Mund und Nase bindet? Und benötigen Menschen mit Vorerkrankungen ein Attest? Haben Raucher, da sie im Hinblick auf Erfrierungen stärker gefährdet sind als Nichtraucher, ein Recht, sich früher als andere zu vermummen?