„Musliminnen, die für Kopftuch argumentieren, sagen sie tun's um sexueller Objektifizierung zu entgehen. Das heisst, sie legen die Verantwortung für die weibliche Objektifizierung, in die Bekleidung der Frau. Anstatt von Männern angemessenes Verhalten zu fordern. Das sagt alles.“ (Von einem Twitter-Benutzer, Rechtschreibung im Original.)

Der Twitter-Benutzer verlinkt einen Beitrag einer Muslima, die das wohl gesagt hat - ich habe mir den Beitrag nicht weiter angesehen. Weil es eben der Beitrag einer Muslima war. Welche Aussagekraft hat die Aussage einer Frau, wenn es um die Frage geht, warum Muslima sich verschleiern?

Der Mythos liegt hier in der Annahme, es gäbe nur einen Grund, aus dem Muslimas Hidschāb tragen und dieser Grund wäre, „sexueller Objektifizierung“ zu entgehen. Das mag für einige Muslimas sogar ein Grund sein, Hidschāb oder auch Niqāb zu tragen, aber dann ein eher untergeordneter Grund neben vielen anderen.

Ich persönlich kenne keine Muslima, die sagt, das sei ihr vorrangiger oder gar einziger Grund, Hidschāb oder Niqāb zu tragen. Viele der Muslima aus meinem Bekanntenkreis sagen, sie tun es aus Liebe zu Gott, um ihn zu ehren.

Allerdings gibt es tatsächlich viele Frauen, die sagen, sie wollen nicht als sexualisiertes Objekt wahrgenommen werden. Und sie erachten den Schleier in dieser Hinsicht oftmals auch als nützlich - aber das ist nicht der eine oder auch nur ein vorrangiger Grund, warum sie ihn tragen.

Und sie fordern selbstverständlich von den Männern, die Frauen - übrigens auch die, die sich nicht verschleiern - anständig zu behandeln. Keine von denen, die ich kenne, sagt, eine Frau müsse durch ihre Kleidung und durch ihr Verhalten dafür sorgen, dass die Männer sich anständig benehmen. Oder Frauen seien selbst Schuld, wenn sie sich nicht verschleiern und dann belästigt oder „objektifiziert“ werden.

Es gibt natürlich auch nichtmuslimische Frauen, die ihre Kleidung unter anderem mit dem Ziel auswählen, nicht als sexualisiertes Objekt wahrgenommen zu werden, als ständig verfügbar. Allerdings fallen Hidschāb oder Niqāb mehr auf, fallen muslimische Frauen als Women of Color mehr auf.

Wir Männer scheinen der Annahme zuzuneigen, die muslimischen Frauen trügen ihre Schleier um ihretwillen, um der Männer willen, wollten den Männern damit etwas sagen (das kennen wir ja schon vom Minirock, den Frauen angeblich nur der Männer wegen tragen und damit Verfügbarkeit signalisieren). Vergesst es, liebe Männer: Der Schleier meint nicht euch. Mit dem, wie Frauen sich kleiden, egal ob sexy oder verschleiert, meinen sie nicht euch. Weder der knallrote Lippenstift, der kurze Rock, das knappe Oberteil noch der Hidschāb oder der Niqāb meinen in erster Linie euch.

Frauen kleiden sich, wie sie sich kleiden, weil sie sich so je und je als Frauen wohl fühlen. Das ist Emanzipation. Und wenn sie das ungehindert tun können, dann ist das Gleichberechtigung.