„Wenn Muslime sagen, Hidschab, Nikab, Burka gehören zu ihrer Religion, dann lügen sie dich an, das sind Islamisten! In Iran, Afghanistan der 1960er Jahre haben Frauen das nicht getragen!”

So in einem Beitrag auf Twitter, dazu ein Bild, das angeblich ”Iran, Afghanistan der 1960er Jahre” zeigt (grauenhafte Rechtschreibung in den Zitaten korrigiert).

Es wird oft behauptet, der Schleier sei in den islamischen Ländern wie Afghanistan oder Iran eine relativ moderne Erscheinung und vorher unüblich gewesen - erst 1979 mit der Revolution im Iran bzw. 1996 mit der Machtergreifung der Taliban in Afghanistan sei der Schleier den Frauen aufgezwungen worden. Er sei darum auch ein Symbol des Islamismus und habe mit dem Islam eigentlich nichts zu tun.

Tatsache ist, dass zeitweise in beiden Ländern (und auch in der kemalistischen Türkei sowie in mehreren der europäischen Kolonien) die bis dahin übliche Verschleierung der Frauen verpönt war - aus politischen Gründen.

Nehmen wir Afghanistan als Beispiel:

Der Chadri (so wird der meist blaue Schleier, der im Westen irrtümlich als „Burka” bezeichnet wird, tatsächlich genannt) ist ein traditionelles, sehr altes Kleidungsstück (das auch nicht erst von den Taliban erfunden oder nach Afghanistan eingeführt wurde, wie manchmal behauptet wird).

In früheren Zeiten wurde der Chadri vor allem in den Städten getragen, weniger in den Dörfern und auf dem Land. Zudem wurde früher häufig die Vorderseite über den Kopf nach hinten geworfen, wenn keine fremden Männer in Sichtweite waren.

Ab Ende der 1950er Jahre und vor allem ab 1964 unter Mohammed Zahir Schah (der eine in der Bevölkerung umstrittene Politik der Annäherung an den Westen vorantrieb) wurde der Chadri zunehmend zurückgedrängt, schließlich war es regelrecht verpönt, den Chadri zu tragen. 1973 wurde der Schah gestürzt, und unter Mohammed Daoud Khan näherte sich das Land der Sowjetunion an. In der Folge blieb der Chadri politisch verpönt.

1996 haben die Taliban dann die vollständige Verschleierung des Körpers vorgeschrieben, und dazu griffen die Frauen meist zum traditionellen Chadri.

Auch nach dem Sturz der Taliban 2001 tragen viele der Frauen weiterhin freiwillig den traditionellen Chadri, häufig aber auch andere Formen der Verschleierung.

Im Iran wurde der Schleier bereits 1936 von Schah Reza Pahlevi, einem Anhänger der kemalistischen Reformen in der Türkei, verboten. Der Schah wollte sein Land um jeden Preis moderner machen, wollte es an Europa annähern. Dabei ging er kompromisslos vor: Frauen, die sich trotz des Verbotes verschleierten, wurde häufig von Polizisten auf der Straße das Tuch vom Kopf gerissen. Viele Frauen verließen das Haus daraufhin gar nicht mehr oder nur noch heimlich im Schutz der Nacht - mit Schleier.

Fünf Jahre später musste Reza Pahlevi zugunsten seines Sohnes Mohammad Reza Pahlavi abdanken -  und demonstrativ legten immer mehr Frauen vor allem aus der Unterschicht ihre Schleier, häufig den traditionellen schwarzen Čádor, wieder an. Die islamischen Geistlichen unterstützten die Frauen darin, und das Verbot war immer weniger zu halten.

Mohammad Reza Pahlavi hob das Verbot schließlich auf, und während die Frauen der kleinen europäisch orientierten Oberschicht meist auf den Schleier verzichteten, kehrten die übrigen Frauen größtenteils zum traditionellen Schleier zurück.

1979 unterstütze die breite Masse der häufig ärmeren Menschen die Revolution - auch viele der verschleierten Frauen. Nach Jahren des schwelenden Konfliktes zwischen der kleinen Oberschicht mit den demonstrativ unverschleierten Frauen und der breiten Masse mit den traditionell verschleierten Frauen wurde der Čádor in gewisser Weise zu einem Symbol der Revolution.

Nach dem Sturz des Schahs machte Ayatollah Khomeini den Čádor 1979 zur Pflicht für Frauen.

Fazit

In Afghanistan, im Iran, in der Türkei wurde die Entschleierung von den jeweiligen Machthabern durchgesetzt - ohne dass die Frauen, insbesondere die breiten Massen der ärmeren Frauen, dabei gefragt wurden. Es war keine „Selbstbefreiung” oder emanzipatorische Selbstermächtigung der Frauen, auch wenn manche Frauen, zumeist europäisch orientierte Frauen, den Schleier freiwillig abgelegt und westliche Kleidung angelegt haben. Die meisten Frauen haben den Schleier nur unter Zwang abgenommen, nicht aus eigener Überzeugung. Manche haben lieber darauf verzichtet, das Haus zu verlassen - oder haben es nur noch im Schutz der Dunkelheit verlassen.

Auffällig ist, dass heutzutage in keinem anderen islamischen Land der Anteil an Studentinnen, Akademikerinnen und Frauen in öffentlichen Ämtern so hoch ist wie im Iran. 2012 machten die Frauen sogar 65 % der Studierenden im Land aus, die Männer nur 35 % (danach hat die Regierung allerdings begonnen, gegenzusteuern, um den Anteil der Studentinnen zu reduzieren).