„Zum ‚Schutz der Individual-Freiheitsrechte der muslimischen Frau’ ist ein Verbot der Vollverschleierung im öffentlichen Raum erforderlich. Eine erlaubte Vollverschleierung übt auf diese Frauen einen ‚sozialen Gruppendruck’ aus” (Aufassung der rechtspopulistischen AfD in Berlin, wiedergegeben nach einem Artikel im Tagesspiegel (externer Link)).

Tatsächlich dürfte innerhalb der muslimischen Gemeinschaften im deutschsprachigen Raum insgesamt ein wesentlich höherer „Gruppendruck” gegen die Verschleierung mit dem Niqāb stehen, weil von den schätzungsweise 2.000.000 muslimischen Frauen in Deutschland gerade einmal 4-6.500 das Tragen des Niqāb befürworten bzw. ihn regelmäßig oder täglich tragen, das sind gerade einmal 0,2 - 0,33 %, also höchstens eine Frau von 300.

Eine so geringe Zahl kann insgesamt keinen nennenswerten oder gar besorgniserregenden „sozialen Gruppendruck” erzeugen, allenfalls in einer kleineren Gemeinschaft, in der ein deutlich höherer Anteil an Frauen Niqāb trägt.

Mit dem oben genannten Argument müsste man freilich auch das Tragen des Hidschāb verbieten, wenn die Erlaubnis des Tragens denn auf Frauen tatsächlich einen „sozialen Gruppendruck” ausübt. Immerhin tragen schätzungsweise zwischen einem Viertel und einem Drittel der muslimischen Frauen hierzulande einen Hidschāb. Aber auch über die christliche Kindertaufe sollte man nachdenken, weil doch, so lange diese erlaubt ist, dies auf Eltern von Säuglingen einen „sozialen Gruppendruck” ausübt, ihre Kinder taufen zu lassen, statt dass die Eltern ihre Kinder später selbst entscheiden zu lassen. Selbiges würde dann auch für die Beschneidung jüdischer Jungen gelten.

Aber was ist Gruppendruck (eigentlich Gruppenzwang oder vielleicht besser Konformitätsdruck) überhaupt?

Die Soziologie bezeichnet so Auslöser für das Verhalten oder die Einstellung von Personen innerhalb einer Gruppe. Für gewöhnlich beeinflusst der Konformitätsdruck nur Verhaltensweisen innerhalb einer begrenzten Gruppe und führt dazu, dass Individuen ihr Verhalten an die Normen der Gruppe anpassen. Dies geschieht insbesondere dann, wenn das normierte Verhalten als Bedingung für den Erwerb und die Aufrechterhaltung der Mitgliedschaft gilt. Darüber hinaus wirkt sich ein Konformitätsdruck dadurch aus, dass Individuen ihr Verhalten an die herrschende Sexualmoral und an die öffentliche Meinung anpassen.

Jeder Mensch neigt, wenn auch individuell unterschiedlich, dazu, einem Konformitätsdruck nachzugeben und sich zu beugen.

Menschen beugen sich einem Konformitätsdruck aus verschiedenen Gründen:

  • Konformes Verhalten, um von anderen Mitgliedern der Gruppe als sympathisch beurteilt zu werden
  • Konformes Verhalten, um persönliche Unsicherheit bezüglich des angebrachten bzw. richtigen Verhaltens zu beseitigen
  • Konformes Verhalten, wenn man ein geringes Selbstwertgefühl hat und sich nach Bestätigung und Sicherheit sehnt
  • Konformes Verhalten, wenn die Gruppe oder ihre Überzeugungen und Werte vermeintlich oder tatsächlich Ablehnung oder Ausgrenzung erfährt
  • Konformes Verhalten, wenn sich die Gruppe vermeintlich oder tatsächlich in einer schwierigen, aussichtslosen Lage befindet und keine Hilfe von außen zu erwarten ist
  • Konformes Verhalten, wenn die Gruppe vermeintlich oder tatsächlich aus Außenseitern besteht oder eine Randgruppe darstellt
  • Konformes Verhalten, wenn in der Gruppe eine ausgeprägte Rangordnung besteht
  • Konformes Verhalten, wenn es innerhalb der Gruppe eine hohe Übereinstimmung in Meinungen und Überzeugungen besteht

Das sind die wichtigsten Gründe, die Menschen dazu bringen, einem Konformitätsdruck nachzugeben und ihr Verhalten an die Normen der Gruppe anzupassen. Das gilt natürlich auch für eine gewisse Übereinstimmung in der Auswahl der Kleidung und im Verhalten gegenüber den Mitgliedern des anderen Geschlechts.

Eine vom Staat ausgehende Erlaubnis zu einem bestimmten Handeln übt keinen Konformitätsdruck aus.

Jedoch wird ein Verbot von staatlicher Seite den Konformitätsdruck innerhalb einer Gruppe wesentlich beeinflussen, wenn sich die betreffende Gruppe deswegen ausgegrenzt fühlt und als Randgruppe wahrnimmt.

Besteht ein hoher Konformitätsdruck innerhalb einer muslimischen Gruppe, nach der Frauen ihr Gesicht in der Öffentlichkeit zu bedecken haben, würde ein Verbot lediglich dazu führen, dass die betreffenden Frauen die Öffentlichkeit nicht mehr aufsuchen. Als konformes Verhalten für Frauen gilt dann, die Wohnung nicht mehr zu verlassen.

Das von der Berliner AfD und anderen geforderte Verbot führt also mit einiger Wahrscheinlichkeit dazu, dass der Konformitätsdruck innerhalb muslimischer Gemeinschaften, die das Tragen des Niqāb befürworten, zunimmt.

Außenstehende bzw. die Mehrheitsgesellschaft können den Konformitätsdruck innerhalb besagter Gemeinschaften dahingehend positiv beeinflussen, wenn sie die Gemeinschaft ernst nimmt und respektvoll behandelt, eine offene Kommunikation pflegt und den Mitgliedern auf Augenhöhe begegnet.