„Das Tragen des Niqāb hat nichts mit Religion zu tun (das sagen selbst islamische Gelehrte), darum ist es auch nicht von der Religionsfreiheit geschützt.”

In der Tat taucht der arabische Begriff Niqāb ebenso wenig im Koran auf wie eine ausdrückliche Anordnung zur Verschleierung des Gesichts, und ebenso gibt es islamische Gelehrte, die der Meinung sind, der Niqāb habe nichts mit dem Islam zu tun. Manche behaupten, es handele sich um eine jüdische Tradition.

Tatsächlich kennt die Bibel (siehe Rebekka, Tamar, Susanna, die Braut im Hohelied) und kennt das Judentum und die Christentum die Gesichtsverschleierung. Vor 500 Jahren haben sich in Byzanz sowohl Christinnen als auch Muslimas das Gesicht verschleiert (die Christinnen übrigens mit schwarzen Schleiern). In Spanien gab es noch im 20. Jahrhundert christliche Frauen, die aus religiösen Gründen ihr Gesicht verschleiert haben - erst Franco hat diese Sitte verboten. Noch heute kennen wir den Gesichtsschleier bei Bräuten und Witwen. Im Judentum gibt es den sogenannten Frumka, mit dem sich sich jüdische Frauen auch das Gesicht verschleiern.

Sehr wahrscheinlich haben die Muslime die Gesichtsverschleierung von den Juden und Christen übernommen - vermutlich schon zur Zeit Muhammads. Berichtet wird dies vor allem von den Frauen Muhammads, aber wir können annehmen, dass die Frauen der ersten Generationen der Muslime in der Regel einen Gesichtsschleier getragen haben.

Im Hinblick auf die Bibel, das Judentum und das Christentum können wir also schon einmal sagen, dass der Gesichtsschleier mit der Religion zu tun hat - von daher wäre es recht merkwürdig, würden wir den Muslimas den Gesichtsschleier verbieten.

Im Islam ist der Gesichtsschleier umstritten - allerdings ist es so, dass es dabei heutzutage immer mehr um politische Debatten geht. Die al-Azhar, die größte Universität des sunnitischen Islam, positioniert sich sehr entschieden gegen den Niqāb - ist allerdings auch nicht staatsunabhängig, sondern untersteht dem Militär. Schon seit Mubarak und mehr noch unter al-Sisi bekämpft das Militär die Gesichtsverschleierung - aus politischen Gründen. Die al-Azhar ist das religiöse Sprachrohr dieses politischen Kampfes.

Die Gesichtsverschleierung ist zwar nicht Teil des Koran, wohl aber der Sunna. Die Sunna nimmt im Islam großen Raum ein, gilt als nicht niedergeschriebene Offenbarung Allahs. Und die Sunna nennt die Gesichtsverschleierung der muslimischen Frauen sehr wohl. In den vier traditionellen Rechtsschulen des sunnitischen Islam gilt sie als empfehlenswert bzw. wünschenswert, unter Umständen auch als Pflicht.

Muslime sind sich dabei nicht einig, wie mit diesem Thema umzugehen ist - es gibt eine große Bandbreite an Meinungen und Überzeugungen. Für manche ist das Verschleiern des Gesichts Inhalt ihres Glaubens, für andere nicht.

In Deutschland ist es so, dass der Staat nicht das Recht hat, die Glaubensinhalte der Bürger zu bewerten - auch nicht da, wo es um Religionsfreiheit gibt. Der Staat darf in engen Grenzen beurteilen, ob ein Glaubensinhalt eine Gefährdung anderer darstellt oder mit anderen Grundrechten kollidiert, aber er darf nicht festlegen, was die Bürger glauben dürfen und was nicht. Er muss weltanschaulich neutral bleiben und darf keine Position beziehen.

Er darf freilich von den Bürgern erwarten, dass sie ihre religiösen Überzeugungen aus ihrem Bekenntnis heraus darlegen können. Darum kann man nicht einfach sagen, „ich behaupte jetzt, meine Religion schreibe mir vor, eine Sturmhaube zu tragen, und dann betrete ich damit eine Bank oder eine Behörde”. So etwas muss überzeugend begründet werden können. Es gibt keine „Protestreligionsfreiheit”. Will ich den Schutz der Religionsfreiheit für mein Ansinnen, mit einer Sturmhaube vor Gericht zu erscheinen oder auch nackt, dann müssen dahinter tatsächlich geglaubte Überzeugungen stehen. „Weil mich die Muslime mit ihren Sitten nerven und ich mich benachteiligt fühle” gehört nicht dazu.

Das Grundgesetz schützt grundsätzlich das Recht einer muslimischen (oder jüdischen oder christlichen) Frau, einen Gesichtsschleier zu tragen, weil kein Verfassungsrechtler bezweifeln würde, dass die Verschleierung des Gesichts religiös begründet ist.

Freilich werden auch Kindertaufe, Kirchtürme, Kirchenglocken, traditionelle Kirchen und darin gefeierte Gottesdienste und sehr viele andere Dinge nicht in der Bibel erwähnt. Oder das Tragen eines Kreuzes - oder das Anbringen eines Kreuzes in einem Gericht, einer Schule oder wo sonst. Es gibt sogar christliche Gelehrte, die sich gegen Kindertaufe, Kirchtürme, Kirchenglocken und viele andere Dinge aussprechen - dennoch halten wir daran fest, dass die Religionsfreiheit alle diese Dinge schützt, wenn sie für Christen gesetzmäßige Inhalte ihres Glaubens sind. Wir würden es sogar sehr absurd finden, würden diese Dinge verboten werden, nur weil sie erstens nicht in der Bibel stehen und zweitens manche christliche Gelehrte sich dagegen aussprechen. Dabei müssen diese Dinge für jene, die frisch mit westlichen Christen konfrontiert werden und das Christentum bisher nur aus der Bibel kennen, recht fremdartig wirken. Warum sollten Christen ein Kreuz um den Hals tragen oder an einer Wand befestigen? Warum sollten sie Kinder taufen? Warum errichten sie hohe Türme und hängen darin Glocken auf, die dann auch noch nach mehr oder weniger komplizierten Mustern läuten? Warum feiern sie sonntags nicht voller Freude und Hoffnung die Auferstehung und die bevorstehende Wiederkunft Jesu, sondern recht starre Riten - und das auch noch in jeder Denomination anders?

Muslimische Frauen haben ebenso wie wir das Recht, selbst über die Inhalte ihres Glaubens zu bestimmen und ihr Leben danach auszurichten.

Wir haben nicht das Recht, anderen Vorschriften zu machen, was sie zu glauben haben - oder Ihnen erklären zu wollen, wie sie ihren Glauben zu verstehen und zu praktizieren zu haben. Wir haben auch nicht das Recht, uns auf die eine (moderate) oder andere (traditionellere) Seite zu schlagen. Wir haben auch nicht das Recht, Muslime wie kleine Kinder zu behandeln, die wir in ihrem Glauben unterrichten und anleiten müssen, als seien sie so etwas wie „edle Wilde”, die von uns hochstehenden Weißen zur Zivilisation herauf geführt werden müssen.

Es gibt nämlich kein Grundrecht auf solche paternalistischen, neokolonialistischen und möglicherweise kulturalistischen Verhaltensweisen.