„Jeder Mensch ist verpflichtet, Gesicht zu zeigen!”

Das Wort „Gesicht zeigen” bezieht sich eigentlich auf Zivilcourage, Weltoffenheit, Widerstand gegen Ausgrenzung, Rassismus, Intoleranz, Kulturalismus und Ethnopluralismus, gegen alte und neue Rechte, gegen Rechtspopulismus und Nationalismus. Es wird eher in dieser sprichwörtlichen Bedeutung verwendet als in der wortwörtlichen Bedeutung, anderen sein Gesicht zu zeigen.

Bleiben wir aber bei der wortwörtlichen Bedeutung. Gibt es eine Pflicht, das Gesicht zu zeigen?

Ein Mensch kann nur dann die Pflicht haben, anderen sein Gesicht zu zeigen, also einen Blick auf das Gesicht zu gewähren, wenn es Menschen gibt, die das Recht haben, ein Gesicht zu sehen, gezeigt zu bekommen.

Ein Mensch kann auch nur dann die Pflicht haben, allen anderen das Gesicht zu zeigen, also allen anderen einen Blick auf das Gesicht zu gewähren, wenn alle Menschen das Grundrecht haben, ein Gesicht zu sehen, gezeigt zu bekommen.

Ein solches Grundrecht wäre dann allerdings so weitreichend, dass auch die Masken beim Fasching, ein Schal vor der unteren Gesichtshälfte zum Schutz gegen Eiseskälte, die Schutzmaske des Arztes, ja selbst ein Vollbart nicht mehr ohne Weiteres zulässig wären.

Ein solches Grundrecht gibt es nicht. Es steht weder im Grundgesetz noch in irgend einer Menschenrechtserklärung. Da das Sittengesetz sein Fundament und seine Schranken in den Menschenrechtsdokumenten findet, kann ein solches Grundrecht auch nicht aus dem Sittengesetz abgeleitet werden.

Allein Polizei und Staatsanwaltschaft haben das Recht, eine Person zu identifizieren, aber auch hier geht es nur um die Feststellung der Identität, die unter Umständen einen Blick auf das Gesicht erfordert - aber mehr nicht.

Allein bei Versammlungen und Aufzügen kann das Vermummungsverbot als Rechtsgrundlage herhalten, dass Angehörige der Strafverfolgungsbehörden das Gesicht sehen dürfen (hier gibt es wiederum Ausnahmen, etwa bei religiösen Prozessionen, Sportveranstaltungen usw.).

Aber auch hier können sich die Bürger jeweils auf ihre Grundrechte berufen. Das Recht von Polizei, Staatsanwaltschaft und anderen Organen des Staates ist nicht schrankenlos. Auch der Staat hat kein grenzenloses Recht, das Gesicht seiner Bürger in Augenschein zu nehmen. So darf die Würde der Person nicht verletzt werden, nicht sein allgemeines Persönlichkeitsrecht und dergleichen mehr. Niemand darf etwa wegen des Geschlechtes oder der Religion benachteiligt werden.

Wenn es nun kein allgemeines Recht gibt, das Gesicht einer Person zu sehen, dann gibt es auch keine allgemeine Pflicht, das Gesicht zu zeigen. Wenn es diese Pflicht nicht gibt, dann hat jeder Mensch das Recht, selbst zu entscheiden, ob und wann er sein Gesicht zeigt, wem er sein Gesicht zeigt und wem nicht, wo er sein Gesicht zeigt und wo er es verdeckt hält.

Selbst wenn es ein Recht gäbe, das Gesicht einer Person zu sehen, so müsste doch gegenüber dem Recht auf freie Ausübung der Religion Verhältnismäßigkeit gewahrt bleiben. Ein Zwang, Gesicht zu zeigen, dürfte das Recht, aus religiösen Gründen das Gesicht zu bedecken, nicht unverhältnismäßig einschränken.