„Die Burka ist kein religiöses Symbol, sie ist ein Symbol des politischen Islam, des Islamismus!”

Manche Menschen maßen sich an, die Dinge, die Muslimas und Muslime tun und lassen, in „religiöse Symbole”, „politische Symbole”, „Symbole des Islamismus” unterscheiden zu können.

Sie maßen sich an, bestimmen zu können, was religiös ist und was nicht. Und was - und nun wird es problematisch - was damit unter die Religionsfreiheit fällt, wozu der Mensch Freiheit habe.

Problematisch ist daran, dass eine politische Betätigung selbstverständlich geschützt ist, dass ein Mensch die Freiheit hat, sich politisch zu betätigen, nach politischen Überzeugungen zu handeln, seine politischen Überzeugungen zu äußern. Wäre also der Niqāb tatsächlich politisches Symbol, so wäre er selbstverständlich geschützt.

Worin ein weiteres Problem liegt, erkennen wir, wenn wir „Burka” durch „Gemälde” ersetzen, „Religionsfreiheit” durch „Kunstfreiheit”. Wer hätte das Recht, einem Gemälde das Recht abzusprechen, Kunst zu sein? Welche Folgen hätte das? Es gab schon versuche, „entartete Kunst” auszuradieren. Den Künstlern eine Geisteskrankheit zu unterstellen. Darum reagieren wir so empfindlich, wenn jemand fremdbestimmen will, was Kunst ist und was nicht, was schützenswert ist und was nicht.

Es gibt kein Recht auf Fremdbestimmungim Hinblick auf die Anliegen und Inhalte des Glaubens, der Religion eines Menschen. Zur Würde des Menschen gehört, dass er selbst bestimmen darf, wie er seinen Glauben inhaltlich füllen möchte, wie er ihn ausüben möchte. Fremdbestimmung verletzt die Menschenwürde.

Es gab in Deutschland Zeiten, da versuchten die Staatskirchen (im Verbund mit den Oberen des Staates) den Menschen vorzuschreiben, wie sie zu glauben haben. Da haben auch Christen gemeint, sie könnten anderen Christen vorschreiben, was sie zu glauben haben (darum ist es auch kein überzeugendes Argument, wenn sich Muslime negativ über den Niqāb äußern). Da man den Christen vorschreiben wollte, die Kindertaufe zu akzeptieren und nicht die Gläubigentaufe („lästerliche Widertaufe”), wurden täuferisch gesinnten bzw. baptistischen Eltern ihre Kinder weggenommen, zwangsgetauft und in „anständige christliche Familien” weggegeben, damit sie dort lutherisch oder katholisch erzogen würden, die baptistischen Eheschließungen wurde nicht akzeptiert, Baptisten galten darum als unverheiratet zusammenlebend, die Verstorbenen konnten nicht angemessen bestattet werden. Aus solchen Ereignissen lernen wir, dass sämtliche Fremdbestimmungen, wie man zu glauben habe oder was zum Glauben gehöre und was nicht, nicht akzeptabel sind.

Es ist übrigens auch nicht akzeptabel, wenn wir fremdbestimmen wollen, dass eine Handlung ein „religiöses Symbol” ist. Hidschāb und Niqāb seien, wie etwa das Kreuz der Christen, „religiöse Symbole”. Tatsache ist, dass Hidschāb und Niqāb zwar von manchen Muslimas, die sie tragen, durchaus als Zeichen ihrer Zugehörigkeit zum Islam verstanden werden - aber damit ist ihre Bedeutung nicht erschöpfend erklärt. Hidschāb und Niqāb bewegen sich grundsätzlich auf der gleichen Ebene wie die islamischen Gebote, weder Alkohol noch Schweinefleisch zu konsumieren. Wie das jüdische Gebot, Jungen am achten Tag nach der Geburt beschneiden zu lassen. Wie das christliche Gebot, dass Frauen während des Gottesdienstes ihr Haupt bedecken soll (auch wenn es kaum noch eine Frau tut - niemand würde dies für ein „religiöses Symbol” halten).

Nicht nur die Fremdbestimmung, Hidschāb und Niqāb seien nicht „religiöse, sondern politische Symbole” ist also inakzeptabel, sondern überhaupt die Fremdbestimmung, es handele sich dabei um ein Symbol.

Bei alledem ist es unerheblich, ob Nichtmuslime oder Muslime eine Fremdbestimmung vornehmen. Auch ein Muslim kann nur über seinen eigenen Glauben bestimmen, nicht als Fremder über den Glauben und die Überzeugungen anderer Muslime.