Was geschieht mit einer muslimischen Frau, die Niqāb trägt, wenn sie von ihrem Mann gesehen wird, während sie den Niqāb in der Öffentlichkeit abgelegt hat?

Wenn sie ihren Niqāb in der Öffentlichkeit normalerweise immer trägt, dann geschehen eigentlich nichts - nur dass ihr Ehemann, wenn er sie so sehen würde, sehr verwundert wäre.

Er würde sich bei ihr voller Sorge um ihr Wohlergehen erkundigen, ob es ihr vielleicht nicht gut geht oder ob etwas vorgefallen ist. Vielleicht wurde sie ja wegen ihres Niqāb verbal oder tätlich angegriffen? Vielleicht wurde er ihr vom Kopf gerissen? Vielleicht ist ihr ein Malheur passiert - ein Fleck etwa auf dem Niqāb, und sie hat keinen Ersatz dabei?

Er wäre aber nicht wütend auf sie.

Natürlich gibt es einige wenige Männer, die ihre Frauen zur Verschleierung zwingen - und die dann möglicherweise aggressiv reagieren würden. Aber das wären Einzelfälle. Keine der Niqāb tragenden Frauen, die ich kenne, wird dazu gezwungen, und keiner der Männer dieser Frauen würde etwas anderes als besorgt sein, wenn er sie entgegen seiner Erwartungen ohne Niqāb sehen würde.

Immer wieder legen muslimische Frauen ihren Niqāb vorübergehend oder dauerhaft ab. Für einige Frauen ist er ja auch nur Sunna (empfehlenswert), nicht aber Farḍ (Pflicht). Allerdings sprechen sie in der Regel mit ihren Männern darüber - sie würden es meist nicht heimlich machen, wenn sie denken, er würde es nicht sehen. 

Der Druck oder sogar Zwang zum Hidschāb von Seiten der Eltern oder Ehemänner ist bei vielen muslimischen Frauen viel ausgeprägter als der zum Niqāb. Wir nehmen fälschlich an, dass auf Frauen mit Niqāb viel mehr Druck ausgeübt wird, weil wir den Niqāb für „schlimmer” halten, aber tatsächlich ist der familiäre Druck auf Mädchen und Frauen wegen des Hidschāb viel häufiger und stärker (wobei auch die große Mehrheit der Hidschābi ihr Tuch freiwillig trägt, aber der Anteil von Frauen, die dazu gezwungen werden, ist größer als bei den Niqābi mit ihrem Gesichtsschleier).