Dürfen eigentlich nur muslimische Frauen Hidschāb und Niqāb tragen, oder ist es auch christlichen Frauen gestattet?

Ich beginne mit der christlichen Sichtweise auf diese Frage - ja, Christinnen dürfen islamische Kleidung, also auch Hidschāb und Niqāb, tragen, wenn sie dies aus religiösen Gründen tun wollen. Es spricht überhaupt nichts dagegen, wenn sie sich aus religiösen Gründen - und nach Vorbild der biblischen Frauengestalten einschließlich Maria, der Mutter Jesu - bedeckt kleiden wollen. Bedeckende Kleidung ist weder gegen die christliche Lehre noch wäre es aus irgend einem Grund falsch, in islamischen Geschäften islamische Kleidung zu kaufen.

Es gibt für eine Christin aus theologischer Sicht gute - und denen der muslimischen Frauen vergleichbare - Gründe, sich so bedeckend wie eine muslimische Frau zu kleiden. Der Schleier ist im Christentum nicht abgeschafft und schon gar nicht verboten.

Christen sollten diese Kleidung aber auch wirklich nur aus diesem einen Grund kaufen - nicht als Verkleidung für den Karneval, nicht für die Teilnahme an islamfeindlichen Veranstaltungen oder solchen, die für ein „Burkaverbot” werben, schon gar nicht für sexuelle Aktivitäten, nicht als Kleidung für Männer (Fetischisten, Transvestiten, Transsexuelle usw.).

Denkbar ist noch die Verwendung für seriöse Bildungswerke, wenn es etwa um den Abbau von Vorurteilen gegenüber Muslimen im Allgemeinen oder Muslimas mit Niqāb im Besonderen geht.

Alles andere aber ist für Christen aus religiösen Gründen - Respekt für Muslime und ein angemessener Umgang mit allem, was Muslimen wichtig („heilig”) ist, ist ein religiöser Grund - ausgeschlossen.

Für Christinnen gilt natürlich, dass man sie, wenn sie muslimische Frauenkleidung tragen, für muslimische Frauen halten wird. Es gibt mittlerweile so viele unterschiedliche Arten und Weisen, wie muslimische Frauen sich kleiden, dass es für Christinnen freilich kaum noch eine unbesetzte Nische gibt - abgesehen vielleicht von dem Habit einer Nonne. Manche Christinnen bedecken beispielsweise ihren Haaransatz nicht - aber anderen ist wichtig, dass ihr Haupthaar vollständig bedeckt ist. Damit gibt es de facto keine Möglichkeit für sie, nicht wie eine Muslima auszusehen. Sie könnten nur noch ein Kreuz anstecken oder an einer Kette o.ä. tragen.

Die muslimische Sichtweise sieht grundsätzlich ebenfalls keine Probleme darin, wenn christliche Frauen sich aus religiösen Gründen bedeckt kleiden wollen und dafür auf die Kleidung muslimischer Frauen zurückgreifen möchten. Viele Muslime freuen sich sogar, wenn Christinnen hier offen für die muslimische Position sind. Andere fragen sich freilich, warum eine Christin das eigentlich will - es ist ja doch in unserer Gesellschaft sehr selten und unüblich. Manche haben den Verdacht, dass da ein „falsches Spiel” im Gange ist (und sich zudem immer wieder Männer als interessierte Frauen ausgeben - meist mit sexuellen Hintergedanken).

Es gibt aber auch Muslime, die aus religiösen Gründen ein Problem damit haben, wenn christliche Frauen die Kleidung muslimischer Frauen tragen. Im 15. Jahrhundert ordnete Fatih Sultan Mehmet an, dass muslimische Frauen einen weißen oder cremefarbenen Gesichtsschleier tragen sollten, christliche Frauen aber solche in schwarz (was in Byzanz die vorherrschende Farbe der Gesichtsschleier und Kopftücher christlicher Frauen war - dies auch als kleiner Hinweis von wegen „christlicher Kultur des Abendlandes”, wozu man das Byzanz des 15. Jahrhunderts sicherlich rechnen muss). Der Sultan wollte so Christinnen und Muslimas unterscheidbar machen.

In Koran und Sunna ist aber meines Wissens keine Rede davon, dass christliche Frauen nicht die Kleidung muslimischer Frauen tragen dürfen - nur dass die Muslime nicht die Kleidung der Nichtmuslime nachahmen sollen (z.B. enge Frauenhosen).