Wollen gerade junge Mädchen mit dem Niqāb schockieren? Ist der Niqāb der neue Punk?

Manche Mädchen wollen sicherlich mit dem Niqāb Eltern, Lehrer usw. provozieren, schockieren - bzw. eher Reaktionen hervorrufen, ob sie eigentlich noch wahrgenommen, beachtet, ernst genommen werden. Insofern kann der Niqāb schon „der neue Punk sei”, Niqāb statt grüner Haare oder Irokesenfrisur.

Aber meistens ist dies die falsche Kategorie, wenn man verstehen möchte, warum ein Mädchen oder eine Frau sich plötzlich für den Niqāb entscheidet (und es wäre niemals die einzige Kategorie).

Die meisten Mädchen, deren Idee ich miterlebe, Niqāb anzulegen, machen sich schon Gedanken, wie sie damit nicht ihre Mitschüler, Lehrer, Freunde schockieren oder ängstigen. Eigentlich kenne ich kein Mädchen, das sich keine Gedanken darum macht, wie ihre Umwelt darauf reagiert. So würde wohl kein Mädchen fragen, das provozieren, schockieren will.

Es ist darum wichtig, in den Mädchen nicht eine Punk-artige Rebellin gegen Eltern, Lehrer, Gesellschaft zu sehen, sie nicht in eine derartige Schublade zu stecken.

Die Mädchen möchten auch mit Niqāb ernst genommen, angenommen, respektiert werden - und zwar als ganz normale Mädchen, nicht als „die mit der Burka”, „der Problemfall” oder die „mit der müssen wir jetzt ganz behutsam sein, sonst explodiert sie”. Der Niqāb ist mit einiger Wahrscheinlichkeit einfach nur eine andere Entwicklung als der Minirock - und so wenig ein Mädchen, das neuerdings Minirock und Pumps mit hohen Absätzen trägt, morgen auf den Straßenstrich verschwindet, so wenig wird das Mädchen, das neuerdings Niqāb trägt, morgen nach Syrien verschwinden.

Das Mädchen möchte einfach nur erleben, dass sie auch mit Niqāb ernst genommen wird, ohne dass sie dabei auf den Niqāb reduziert wird.

Niemand sollte dem Mädchen nun unterstellen, dass sie plötzlich etwas mit terroristischen Salafi zu tun hat. Selbst wenn sie sich den Salafi verbunden fühlt, so ist dies doch keine homogene Bewegung - das sind einfach nur Sunni, die sich an den ersten drei Generationen der Muslime orientieren, den as-Salaf aṣ-Ṣāliḥ, den „ehrwürdigen rechtschaffenen Vorfahren”. Die meisten Salafi wollen ein rechtschaffenes Leben führen - und für ein Mädchen gehört da nun auch der Hidschāb oder der Niqāb dazu. Wer ihren Wunsch respektiert, ein rechtschaffenes Leben zu führen, das sich am Vorbild der as-Salaf aṣ-Ṣāliḥ orientiert, der wird sie auch eher nicht an terroristische Salafi verlieren. Sie wird sich zu den puritanischen Salafi halten. Sie wird versuchen, das Vorbild der as-Salaf aṣ-Ṣāliḥ mit den Anforderungen eines Lebens im Westen, in der Postmoderne zu verbinden. Sie will nicht provozieren oder schockieren, sie will ein Leben führen, das ihr lebenswert, lohnenswert erscheint. Der Niqāb gehört dazu, aber mehr auch nicht. Er ist Mittel zum Zweck, ein rechtschaffenes Leben in Bescheidenheit und Zurückhaltung zu führen. Wir sehen fast nur den Niqāb, aber das läuft ganz gegen ihre Selbstwahrnehmung. Sie sieht sich nicht als „die mit dem Niqāb”, sondern als „die zufriedene Muslima, die ein friedliches, bescheidenes Leben nach dem Vorbild der ehrwürdigen rechtschaffenen Vorfahren” führen möchte - und darum auch Niqāb trägt, neben vielen, vielen anderen Dingen, die ihr wichtig sind. Und sie fühlt sich dabei frei, nicht unterdrückt.