Wie ist der Niqāb eigentlich entstanden?

Der Niqāb, wie wir ihn heute meist kennen - ein meist mehrlagiges Stofftuch mit einem Schlitz für die Augen in der dicksten Lage und zwei Bändern zum Befestigen am Hinterkopf - ist eine recht moderne Erfindung aus dem 20. Jahrhundert. Insofern ist die oft geäußerte Behauptung korrekt, der Niqāb werde weder im Koran erwähnt noch sei er überhaupt zu Lebzeiten Muhammads entstanden.

Doch auch vorher haben muslimische Frauen ihr Gesicht bedeckt - und dies schon zur Zeit Muhammads (siehe Ǧilbāb). Wurde zuerst offenbar eine Ecke des Gewands über das Gesicht gezogen, kamen bald Tücher auf, um das Gesicht ganz oder teilweise zu bedecken. Ende des 19. Jahrhunderts wurde im Osmanischen Reich der Çarşaf eingeführt und mit einer frühen Form des Niqāb kombiniert.

Die Burqa, die heute von Frauen unter anderem in Afghanistan oder Pakistan getragen wird (und auch von einigen wenigen Frauen in Deutschland), entstand spätestens im frühen 19. Jahrhundert aus der Verbindung eines langen Gewandes und eines Gesichtsschleiers. Das heute häufig zu sehende Blau war früher eine sehr seltene Farbe und wurde erst unter den Taliban populär. Ursprünglich war die blaue Burqa teurer als in anderen Farben, so dass sie von wohlhabenden Frauen bevorzugt wurde, um einen höheren Status anzuzeigen. Danach haben weniger wohlhabende Frauen zu billigen Nachahmungen dieser blauen Burqa gegriffen, so dass Blau zur vorherrschenden Farbe wurde.

Es ist bis heute nicht ganz klar, wie der Gesichtsschleier seinen Weg in den frühen Islam Muhammads gefunden hat - aus der Sunna wissen wir aber, dass schon die Frauen der ersten Generation (also der as-Salaf aṣ-Ṣāliḥ, auf die sich die heutige Salafiyya bezieht) nicht nur ihren Körper und ihren Kopf bedeckt, sondern auch ihr Gesicht verschleiert haben, um als freie Frauen erkannt zu werden, die in ehrbaren Verhältnissen leben. Mit Unterordnung der Frauen unter ihre Männer oder fehlender Gleichberechtigung hatte der Schleier dabei nicht das Geringste zu tun (und wird insbesondere von den Salafi auch nicht so interpretiert).

Man geht davon aus, dass die Frauen der polytheistischen Araber zumindest in Mekka keinen Gesichtsschleier getragen haben.

Sehr wahrscheinlich hat Muhammad die Sitte der Verschleierung von jüdischen und christlichen Frauen in Mekka übernommen und in seine Gemeinde eingeführt. Somit ist der Schleier muslimischer Frauen - und auch der heutige Niqāb - mit der Geschichte des Christentums verbunden. Es gibt demnach eine Linie von den verschleierten Frauen der biblischen Texte über die orientalischen Christinnen zu den muslimischen Frauen.

Manche Orientalisten nehmen allerdings an, Muhammad habe den Gesichtsschleier noch nicht gekannt und auch nicht eingeführt - dieser sei erst in späterer Zeit bei der Eroberung byzantinischer oder aber persischer Gebiete von dort in den Islam übernommen worden.