Bei wie vielen Frauen in Deutschland ist Zwang Grund dafür, dass sie sich mit Niqāb oder Burqa verschleiern?

Es gibt keine wissenschaftliche Untersuchung, ob hierzulande Frauen zur Verschleierung gezwungen werden - und falls dem so ist, so gibt es keine Statistik über die Häufigkeit von Zwang.

Grundsätzlich sind fünf Kategorien zwischen Zwang und Freiwilligkeit zu unterscheiden:

  • Die Frau trägt Niqāb freiwillig - aufgrund einer eigenen Entscheidung
  • Die Frau trägt Niqāb, um einem Wunsch ihres Mannes oder ihrer Eltern zu entsprechen
  • Die Frau trägt Niqāb aufgrund einer von außen kommenden Erwartungshaltung
  • Die Frau trägt Niqāb, weil sie von ihrem Mann oder ihren Eltern dazu gezwungen wird
  • Die Frau würde gerne Niqāb tragen, wird aber von anderen daran gehindert

Unter den puritanischen wie den politischen Salafi gilt ausschließlich eine freiwillige Entscheidung der Frau für den Niqāb als eine zulässige Entscheidung. Weder dürfen Eltern ihre Töchter noch Ehemänner ihre Frauen zwingen, Niqāb anzulegen oder abzulegen (Sufūr). Die Mädchen und Frauen sollen durch Lehre und Vorbild angeregt werden, sich selbst für den Niqāb zu entscheiden. 

Die Mehrheit der in Deutschland lebenden Niqābi dürfte ihren Niqāb freiwillig tragen, aufgrund eigener Überzeugung.

Ganz sicher sein können wir uns bei den Mädchen und Frauen, die ihren Niqāb nicht ständig tragen, sondern nur zu bestimmten Anlässen (etwa beim Moscheebesuch oder an Feiertagen). Dies gilt auch, wenn die Frau ihren Niqāb erst zur Geburt des ersten Kindes anlegt oder nach der Ḥaǧǧ. Aber auch diejenigen Frauen, die ihren Niqāb ständig tragen, tun dies mehrheitlich aus eigener Überzeugung.

Rund ein Drittel der Niqābi sind zum Islam konvertierte Deutsche. Viele von ihnen legen den Niqāb bereits vor einer Eheschließung an - und suchen sich dann häufig bewusst einen Partner, der das Tragen des Niqāb bejaht. Muslimische Kontaktanzeigen im Internet kommen immer wieder von Mädchen oder Frauen, die einen entsprechenden Partner suchen, und dann gibt es Männer, die dort ausdrücklich nach einer Niqābi suchen.

Ein weiteres Drittel sind gebürtige Muslimas, die aber vor der Entscheidung, Niqāb zu tragen, lediglich Hidschāb oder auch gar kein Kopftuch tragen.

Bei dieser Zweidrittelmehrheit der Niqābi darf man Freiwilligkeit und eine zugrundeliegende eigene Überzeugung größtenteils voraussetzen.Hier gibt es keine Eltern und meist auch keine Ehemänner, die zum Tragen des Niqāb drängen.

Die Töchter aus Familien, in denen die Mütter Niqāb tragen, entscheiden sich für gewöhnlich freiwillig für den Niqāb (wobei die Eltern ihre Töchter häufig eher bremsen und nicht wollen, dass sie sich zu früh dauerhaft verschleiern).

Eine der häufigeren Fragen muslimischer Eltern von Teenager-Töchtern ist, „meine Tochter möchte Niqāb tragen, aber ich finde, sie ist noch zu jung. Wie kann ihr beibringen, dass sie noch warten sollte?” Viele Eltern sind der Meinung, die Tochter sollte erst die Schule beenden und eine Ausbildung machen - oder erst dann dauerhaft Niqāb tragen, wenn das erste Kind geboren ist.

Viele Frauen, die sich aufgrund eigener religiöser Überzeugung für den Niqāb entscheiden, müssen bei ihren ihren Eltern oder ihren Ehemänner (und dem Rest der Verwandtschaft) häufig erst Widerstände überwinden, ebenso in ihrer Moscheegemeinde. Es ist nicht so, dass die Frauen mit ihrem Wunsch nach dem Niqāb in ihrem Umfeld immer auf Begeisterung stoßen. Viele Eltern oder Ehemänner haben in Deutschland auch die Sorge, dass dies für ihre Frauen negative Auswirkungen hätte (und damit sind nicht nur die deutschen Eltern von Konvertitinnen gemeint, die sich meist besonders schwer mit dem Niqāb ihrer Töchter tun).

Unklar ist, wie viele Niqābi ihren Niqāb tragen, um einem Wunsch ihres Ehemannes oder ihrer Eltern zu entsprechen - von denen wiederum einige schließlich einige selbst zu überzeugten Niqābi werden. Ich kenne eigentlich nur einige christliche Frauen, die den Niqāb für den Ehemann tragen (zum Teil nur während eines Aufenthalts in der Heimat des Ehemannes), jedoch keine muslimische Ehefrau.

Viele Ehemänner sind übrigens zumindest anfänglich gar nicht so begeistert, wenn die Ehefrau plötzlich anfängt, Niqāb zu tragen (für die Eltern von Töchtern, die Niqāb tragen wollen, gilt das häufig ebenso). Eine Bekannte von mir hat Großmütter und Mutter, die allesamt Niqābi sind - aber ihre Eltern haben ihr in jungen Jahren verboten, Niqāb zu tragen. Sie sollte sich erst gründlich mit dem Niqāb auseinandersetzen, ehe sie ihn selbst trägt (und mit ihrer Tochter will sie es, wenn diese groß genug ist, ebenso machen).

Unklar ist auch, wie viele Niqābi ihren Niqāb aufgrund einer von außen kommenden Erwartungshaltung (etwa von den Frauen in der Moscheegemeinde) tragen. Viele Niqābi haben Freundinnen, die lediglich Hidschāb tragen und kommen doch offenbar recht gut damit zurecht, dass dem so ist. Eine überzeugte Niqābi würde auch nicht wollen, dass eine andere Frau sich nur unter Druck für den Niqāb entscheidet, sondern weil sie davon selbst überzeugt ist. 

Da es auch unter den Niqābi umstritten ist, ob Niqāb nun Sunna (empfehlenswert) oder Farḍ (Pflicht) ist, wird viel Wert darauf gelegt, dass die Frauen zu einer eigenen Entscheidung gelangen.

Natürlich rühren einige Niqābi unter ihren muslimischen Freundinnen und unter den Frauen ihrer Moscheegemeinde die Werbetrommel für den Niqāb, aber vor allem wollen sie durch ihr Vorbild andere Frauen ermutigen, den Niqāb anzulegen.

Ich höre immer zudem wieder von jungen Muslima, wie sehr ihnen die Frauen mit Niqāb imponieren - und dass sie darum selbst Niqāb tragen möchten. Sie bewundern die Glaubensstärke der Frauen. Die Niqābi nehmen sich dann in der Regel Zeit, die Mädchen gründlich in die Thematik einzuführen, ohne sie zu überrumpeln.

Völlig unklar ist, wie viele Mädchen und Frauen tatsächlich gezwungen werden, Niqāb zu tragen. Ich gehe davon aus, dass dies vorkommt - doch es scheint kein weit verbreitetes Phänomen zu sein. Zugleich haben die betreffenden Mädchen und Frauen häufig mit entsprechenden Eltern oder Ehemännern noch ganz andere, viel schlimmere Probleme als dass sie Niqāb tragen müssen. Sie nur vom Niqāb zu befreien, würde ihre anderen Probleme nicht verschwinden lassen - und ein Verbot des Niqāb wohl nur dazu führen, dass sie das Haus dann nicht mehr verlassen dürfen. Der Niqāb kann für sie eine Möglichkeit sein, sich außerhalb ihrer Familie Hilfe zu suchen.

Es gibt wohl einige Fälle, wo ein Mann sich während seiner Ehe extremistischen Positionen zuwenden - nicht nur religiöser wird, sondern extremistisch wird. Hier scheint es vorgekommen zu sein, dass die Ehefrau und ggf. die Töchter neben vielen anderen Dingen gezwungen werden, sich zu verschleiern - oder die Ehefrau ansonsten damit rechnen muss, von ihrem Mann verlassen zu werden. Diese Fälle sind aber insgesamt selten.

Nachdem wir oben schon gesehen haben, dass Eltern und Ehemänner dem Wunsch einer Frau, Niqāb anzulegen, häufig eher skeptisch gegenüberstehen, verwundert es auch nicht, dass es hier auch Zwänge gibt, den Niqāb nicht anzulegen. Häufig sind es die Eltern, manchmal die Ehemänner. Es ist denkbar, dass es mehr Fälle von Zwang gegen den Niqāb gibt als umgekehrt.

Wo Frauen ihren Niqāb nach eigener Aussage freiwillig tragen, vermuten Kritiker manchmal Manipulation, Angst vor dem Ehemann oder den Eltern, Gehirnwäsche oder was sonst. Man will nicht wahrhaben, dass Frauen Niqāb freiwillig tragen. Auf diese Weise werden die Frauen entmündigt und als Opfer stigmatisiert - ein Weg, über eine Person Macht auszuüben.

Auch da, wo eine Frau den Niqāb ihrem Mann zuliebe trägt, tut sie es freiwillig; ist es einvernehmlich (auch wenn der Mann manchmal, vielleicht ohne es zu merken, Druck auf seine Frau ausübt). Zwang setzt Drohungen oder Gewalt (psychisch oder körperlich) voraus und besteht in der Ausübung von Macht über eine Person, die dadurch erniedrigt und herabgewürdigt werden soll, bis sie eine bestimmte Handlung vollzieht oder unterlässt.