Tragen die Frauen ihren Niqāb oder ihre Burqa ständig, oder nehmen Sie den Schleier auch einmal ab?

Keine Niqābi trägt ihren Niqāb oder ihre Burqa rund um die Uhr. In der Regel tragen sie ihn häufiger nicht als dass ihr Gesicht bedeckt ist. Er wird vor allem in der Öffentlichkeit getragen - in geschlossenen Räumen meist nur, wenn fremde Männer anwesend sind.

Manche Frauen tragen den Niqāb nicht einmal in der Öffentlichkeit ständig, sondern nur zu bestimmten Gelegenheiten. Das gilt vor allem für diejenigen Niqābi, für die das Tragen des Niqāb nicht Farḍ (Pflicht), sondern Sunna (empfehlenswert) ist.

Manche muslimische Frauen, die aus religiösen Gründen in der Öffentlichkeit kein Make-up tragen, verwenden einen Niqāb, wenn sie etwa auf dem Weg zu oder von einer Feier, auf der nur Frauen anwesend sind, Make-up tragen. 

Die Niqābi legen ihren Schleier ansonsten in der Regel zu folgenden Gelegenheiten ab:

  • In ihrer Wohnung, wenn keiner fremder Mann anwesend ist
  • In einer Gruppe von ausschließlich Frauen
  • Vor ihrem Ehemann und Männern, die für sie Mahram sind
  • In Gegenwart von blinden, homosexuellen und asexuellen Männern
  • Vor Frauen, Mädchen und kleinen Jungen
  • Wenn es „notwendig” ist (und aus religiöser Sicht zulässig)
  • Während der Ḥaǧǧ
  • Um sich identifizieren zu lassen (in der Regel nur ein kurzes Lüften des Schleiers)
  • Faustregel: Wenn sie keine begehrlichen Blicke oder Fitna fürchten

Manche Frauen variieren auch je nach Situation die Höhe des Sehschlitzes ihres Niqāb, um einem Gegenüber einen größeren Bereich ihres Gesichts zu zeigen. Auch über zusätzliche Stofflagen kann die Bedeckung des Gesichts bzw. gerade auch die Bedeckung der Augen variiert werden.

Grundsätzlich zieht eine Frau es vor, ihren Niqāb vor ihrem Ehemann, einem Mahram oder einer Frau zu lüften bzw. abzunehmen, nicht jedoch vor einem fremden Mann oder wenn fremde Männer im gleichen Raum anwesend sind.

Müssen sie ihren Schleier vor einem fremden Mann ablegen oder lüften (z.B. zur Identifizierung, bei einem Arztbesuch usw.), ziehen sie es vor, wenn während dessen auch ihr Ehemann, ein Mahram oder eine Frau anwesend sind.

Um mit anderen Menschen zu kommunizieren, ziehen die Niqābi es vor, ihren Niqāb abzulegen - wenn ihnen dies möglich ist. Sie sehen in der Verschleierung während der Kommunikation ggf. eine Pflicht, weil fremde Männer anwesend sind, aber sie ziehen es meist nicht vor. Viel lieber unterhalten sie sich mit anderen Personen, wenn sie ihren Niqāb ablegen können. Sie kommunizieren mit fremden Männern verschleiert, weil sie es für ihre Pflicht halten - nicht weil sie es grundsätzlich erstrebenswert finden, verschleiert zu kommunizieren. Auch eine Niqābi schätzt es, wenn ihr Gegenüber ihr in das Gesicht sehen kann (und umgekehrt) - es ist ihnen nur unter bestimmten Bedingungen nicht möglich.

Und es ist ihnen ebenso wenig möglich, mit fremden Männern oder auch nur in deren Gegenwart unverschleiert zu kommunizieren, wie es Muslimen auch unmöglich ist, Alkohol oder Schweinefleisch zu kommunizieren - es ist eine religiöse Pflicht.

Die Frauen könnten ihren Niqāb vor fremden Männern ablegen (nicht aber ihren Hidschāb), wenn sie sich absolut sicher sein könnten, dass diese Männer ihren Blick in ihrer Gegenwart senken und ihnen nicht in das Gesicht sehen - und sich in sie „vergucken”. Es geht dabei nicht um irgend welche lüsternen Blicke oder schlechte Absichten, sondern um die Furcht vor Fitna, eine der wirklich schlimmen Sünden im Islam.

Auch eine Frau wird einem fremden Mann dabei meistens eher nicht in das Gesicht sehen, wenn sie mit ihm spricht, sondern ihren Blick senken. Das ist keineswegs Unhöflichkeit von ihr.

Übrigens unterscheiden Niqābi in der Regel nicht nach der Religion ihres Gegenübers, ob sie ihren Niqāb lüften, ablegen oder nicht. Es geht nicht um Religionszugehörigkeit oder weil etwa Deutsche als „unrein” betrachtet werden, sondern nur, ob das Gegenüber zu einer der Kategorien gehört, vor denen sie ihren Niqāb lüften oder abnehmen darf oder nicht.

Wenn eine Niqābi allein unter Frauen ist und ihren Niqāb dennoch nicht abnimmt, dann liegt das meist daran, dass sie fürchtet, dass eine der anwesenden Frauen einem Mann erzählen könnte, wie sie ohne Niqāb bzw. ohne Hidschāb aussieht. Das wäre Sufūr (unerlaubtes Aufdecken des Niqāb) und darum verboten.

Grundsätzlich gilt: Es gibt Niqābi, die eher locker sind und solche, die eher streng sind. Die eine Niqābi lüftet ihren Schleier eher als eine andere.

Wenn eine Niqābi ihren Niqāb abnimmt, wird sie in der Regel auch etwas lauter sprechen, auch eher lachen als wenn fremde Männer anwesend sind. Viele Niqābi achten nicht nur auf ihr Gesicht, sondern auch auf ihre Stimme.