Wenn eine Person mit Niqāb vor einem steht, weiß man ja nie, ob es sich um eine Frau oder um einen Mann handelt. Da fühlt man sich ja ganz unsicher. Muss das Geschlecht einer Person nicht eindeutig zu identifizieren sein?

Ich bin gerade erst gestern beim Weg zum Einkaufen einer Person begegnet, die eigentlich mit ihrem Trainingsanzug aus Ballonseide und den Turnschuhen und ihrem Baseball-Cap absolut nach einem Mann aussah. Erst als ich an ihr vorbeiging, sah ich ihren Pferdeschwanz - vermutlich eine Frau, aber von ihrer Statur und ihrem Gesicht und auch ihrer Kleidung her nicht als solche zu erkennen, zumal sie auch, für ihr Alter ungewöhnlich, nicht geschminkt war. Und in der Nähe meiner Wohnung wohnt ein Mann, der immer Frauenkleidung trägt, sich schminkt und eine eher weibliche Frisur hat. Er sieht dennoch sehr männlich aus - viele Transvestiten und Transsexuelle können sich viel überzeugender als Frauen präsentieren.

Glauben Sie mir - auch ohne Niqāb ist es nicht immer eindeutig, ob wir eine Frau oder einen Mann vor uns haben. Und für gewöhnlich stört uns das nicht.

Nur beim Niqāb, da ist das plötzlich anders.

Aber was nun die Personen im Niqāb betrifft - glauben Sie mir, in aller Regel befindet sich ein Mädchen oder eine Frau unter dem Niqāb. Und nicht nur das, sondern sie hat auch keinen Sprengstoffgürtel angelegt, keine Waffe unter ihrem Gewand versteckt. Die überwigende Mehrheit von ihnen, selbst die überwiegende Mehrheit der Salafi unter ihnen, lehnt ungerechtfertigte Gewalt - Terror - aus religiösen Gründen ab.

Wenn ein Mann sich als Frau verkleiden will, um nicht identifizierbar zu sein, ist es darüber hinaus weniger auffällig, wenn er dafür eine Perücke (oder auch ein einfaches Kopftuch bzw. einen Schal), Make-up, vielleicht farbige Kontaktlinsen verwendet, sich gegebenenfalls den Bart abnimmt und Frauenkleidung anlegt. Will er so maskiert einen Terroranschlag verüben, platziert er eine Bombe in einem Kinderwagen, Koffer oder Rucksack, eine Maschinenpistole nach alter Mafia-Methode in einem Geigenkasten.

Eine Frau in einem Niqāb ist viel leichter zu identifizieren als ein als Frau verkleideter Mann, weil sie auffällig ist und schon beim Lüften des Niqāb erkennbar ist, dass es sich um eine Frau handelt, deren Gesicht man mit ihrem Passbild o.ä. vergleichen kann. Bei dem als normale Frau verkleideten Mann müssen Sie erst einmal darauf kommen, dass es sich um einen Mann handelt. Wie viele Frauen laufen täglich an ihnen vorbei, bei denen es sich um gut verkleidete Männer handeln könnte? Wie leicht ließe sich in Rucksäcken oder Kinderwägen eine Bombe verstecken? Wollen Sie das wirklich wissen?

Vielelicht können wir diese Unsicherheit besser verdrängen, wenn wir das Problem nur bei Personen im Niqāb verorten wollen? Und mit einem Niqāb-Verbot vermeintlich aus der Welt schaffen?

Terroristen oder Verbrecher greifen im Westen nur äußerst selten auf den Schleier zurück - und selbst Terroristinnen mit einem muslimischen Hintergrund würden eher normale Kleidung wählen als einen auffälligen Schleier.

So haben vor etwa fünf Jahren sich die Mitreisenden in einem Bus, der nach Moskau fuhr, zwar über die etwas füllige Leibesmitte zweier normal gekleideter Frauen gewundert, sich dabei aber nichts weiter gedacht. Als später die Fotos von zwei Selbstmordattentäterinnen veröffentlicht wurden, die sich in der Moskauer U-Bahn in die Luft gesprengt hatten (genauer gesagt wurden ihre Sprengstoffgürtel per Mobiltelefon aus der Ferne gezündet), haben die Mitreisenden die Frauen wieder erkannt und sich bei den Behörden gemeldet.

Ich glaube, es hat in Deutschland in den vergangenen 15 Jahren nicht einmal zwei Dutzend männliche Täter gegeben, die sich bei ihren Verbrechen mit etwas maskiert hatten, was zum Teil einem muslimischen Gewand mit Niqāb gerade einmal entfernt ähnelte (und zum Teil bezeichnen Zeugen schon Skimasken oder einen vor das Gesicht gelegten Schal als „burkaähnlich” - zumeist waren es Überfälle auf Banken oder Geschäfte. So weit ich weiß, war die Tarnung meist nicht sehr erfolgreich - die Männer wurden dann doch überführt. Einer war so dumm, sein in einem Geschäft für muslimische Kleidung gekauftes Gewand offen in seinem Hotelzimmer herum liegen zu lassen, wo eine Angestellte es dann sah und misstrauisch wurde.

Ja, unter dem Niqāb könnte ein Mann stecken. Aber sehr viel häufiger maskieren sich Terroristen oder Verbrecher ganz anders und viel unauffälliger: Perücken, falsche Bärte, farbige Kontaktlinsen, manchmal auch Karnevalskostüme und -masken usw. Beliebt ist freilich immer noch die Skimaske oder Sturmhaube.

Und wenn ein Mann unter einem Niqāb oder unter einer Burqa steckt, dann ist es wohl wahrscheinlicher, dass es sich um einen Transvestiten, einen Transsexuellen oder einen Fetischisten oder etwas in der Art handelt. Die sind freilich eher für muslimische Frauen (oder auch Männer) ein Problem, die von diesen Personen manchmal über ihr Geschlecht getäuscht werden. Eine muslimische Frau, die aus religiösen Gründen auf strikte Geschlechtertrennung achtet, möchte nun einmal auch nicht von einem mit einem Niqāb verkleideten Mann angesprochen oder in ihrer Wohnung besucht werden. Und ein muslimischer Mann, der plötzlich feststellt, dass seine verschleierte Freundin in Wahrheit ein schwuler, manchmal masochistischer Mann mit einem Burka-Fetisch ist, der so gerne eine „devote Muslima” sein möchte, ist auch nicht gerade glücklich, wenn die Wahrheit ans Licht kommt. Ist alles schon vorgekommen.

All diese Vorfälle können wir natürlich nicht Frauen zur Last legen, die Niqāb tragen. Sie können nun wirklich nichts dafür, dass die von ihnen aus religiösen Gründen getragene Kleidung missbräuchlich verwendet wird. 

Der Ruf nach einem Niqāb-Verbot verbessert die Sicherheit natürlich nicht. Wer sich maskieren will, der findet genug Alternativen, die ohnehin meist besser geeignet sind, wenn sich ein Krimineller einer Identifizierung entziehen möchte.