Ich bin mir nicht sicher, wie ich mich verhalten soll, wenn ich einer Frau mit Niqāb begegne. Worauf muss ich achten?

Sehen Sie in der Frau mit Niqāb vor allem eine Frau, eine Person.

Sie ist so viel mehr als nur ihr Niqāb, und sie möchte nicht auf ihren Niqāb reduziert werden.

Der Niqāb ist ein Teil von ihr. er gehört zu ihr, aber er ersetzt nicht ihre Persönlichkeit.

Auch auf dieser Home Page nenne ich eine Frau mit Niqāb so gut wie immer Niqābi, aber eigentlich ist das nicht richtig. Sie ist ein Mensch weiblichen Geschlechts und meist muslimischen Glaubens, die einen Hidschāb und einen Niqāb trägt.

Sie hat eine Persönlichkeit mit vielen buntschillernden Facetten, und der Niqāb ist nur eine davon.

Sehen Sie in Ihr eine Frau, die ihren Niqāb freiwillig trägt.

Selbst wenn dem nicht so wäre, selbst wenn sie gezwungen würde, Niqāb zu tragen - es wäre ihre alleinige Entscheidung, wen sie um Hilfe bittet. Es ist immer falsch, einer Frau, die Misogynie erlebt, egal in welcher Gestalt, als ohnmächtiges Opfer zu sehen und ihr Hilfe aufzuzwingen. Eine misshandelte Frau muss erleben, dass sie beim Überlebenskampf nicht die Kontrolle über sich abgibt. Und das Letzte, das sie braucht, wäre jemand, der ihr den Niqāb wegnimmt.

Aber die allermeisten Frauen mit Niqāb tragen das Tuch freiwillig. Sie haben sich bewusst dafür entschieden - oft sogar gegen die Wünsche der Eltern oder des Ehemanns. Sie fühlen sich durch den Niqāb auch nicht unterdrückt. Für die Frauen ist der Niqāb auch ein Zeichen ihrer Freiheit, die sie im Islam haben - oder im Falle der Konvertitinnen gewonnen haben. 

Wir mögen das nicht verstehen und nicht nachvollziehen können, aber das ist die Sichtweise dieser Frauen - und nur die ist entscheidend.

Glauben Sie mir: Viele dieser Frauen können auch nicht gut verstehen, warum viele westliche Frauen bei dem Sexyness-Körperkult mitmachen. Für sie ist das Ausdruck einer frauenfeindlichen Kultur, die Frauen auf ihre körperliche Attraktivität und sexuelle Verfügbarkeit reduziert. Keine Sorge - die meisten Frauen mit Niqāb werden das nicht so unverblümt sagen!

Die Frauen im Niqāb, ich betone das noch einmal, brauchen niemanden, der Ihnen heldenhaft zu Hilfe eilt und sie befreit. Nur wenig ist für eine Frau im Niqāb anstrengender als die mitleidvollen Blicke, das hilflose Schulterzucken: „Ach du armes Ding, ich wünschte, ich könnte dir helfen...”

Manche Frauen im Niqāb sind eher locker drauf, andere - häufig die gerade erst zum Islam konvertierten Damen - sehen die Sache mit dem Niqāb und der Geschlechtertrennung sehr streng. Da ist wirklich jede Frau ein Individuum. Viele sind in Gegenwart anderer Muslime zurückhaltender, als sie es sonst wären.

Wenn Sie mit Ihr sprechen, dann machen Sie den Niqāb nicht zu einem zentralen oder vorrangigen Gesprächsthema. Zeigen Sie ihr, dass Sie an ihr als Person interessiert sind. Wenn Sie nur über ihren Niqāb sprechen wollen, lassen Sie es besser ganz.

Die Frauen im Niqāb unterscheiden sich nicht prinzipiell von anderen muslimischen Frauen - nur graduell und das auch nur in gewissen Bereichen.

Es ist ratsam, wenn Sie sich allgemein mit den Gepflogenheiten der muslimischen Kultur und Religion beschäftigen - sie gelten allesamt auch da, wo Sie einer Frau begegnen, die Niqāb trägt.

Eine muslimische Frau und auch eine solche, die Niqāb trägt, weiß, dass Nichtmuslime nicht alle Sitten und Gebräuche der Muslime kennen. Sie werden uns kleine Unachtsamkeiten nicht nachtragen. Wichtig sind die großen Regeln: Männer sind nicht mit Frauen allein, Männer und Frauen berühren einander nicht, Muslimen wird kein Alkohol oder Schweinefleisch angeboten, in der Wohnung von Muslimen trägt man keine Straßenschuhe, man betritt die Wohnung von Muslimen als Mann nicht, wenn der Ehemann oder ein Mahram nicht anwesend ist, Gastfreundschaft ist von hoher Bedeutung.

Verbannen Sie typische westliche Vorurteile und gehen Sie davon aus, dass die Frau ihren Niqāb freiwillig trägt, dass sie nicht unterdrückt ist, dass sie ihr Leben als gleichberechtigt einordnet, dass ihr Mann sie nicht schlägt, dass sie die Frauen im Westen nicht um deren Freiheit beneidet, dass sie von ihrem Mann geliebt wird, dass sie ihren Mann und ihre Kinder liebt.

Als Frau mit einer Niqābi sprechen

Frauen können für gewöhnlich ganz ungezwungen mit ihr reden - im Prinzip so, wie mit anderen Frauen auch (zumindest so wie mit anderen Frauen auch, die gläubige Muslima sind und Hidschāb tragen).

Die meisten dieser Frauen freuen sich, wenn auch nichtmuslimische Frauen mit ihnen sprechen - und zwar über ganz allgemeine Dinge. Die meisten von ihnen sprechen Deutsch - viele als Muttersprache. Gläubige muslimische Frauen sprechen gerne über den Glauben - hier haben wir Nichtmuslime meist größere Hemmungen.

Die meisten Frauen nehmen ihren Niqāb ab, wenn sie mit Frauen alleine sind. Wenn sie es nicht tun, liegt der Grund häufig darin, dass sie fürchtet, eine der anwesenden Frauen könnte einem anderen Mann berichten, wie die Frau unter dem Niqāb aussieht. Dies ist kein Misstrauen gegen nichtmuslimische oder unverschleierte Frauen, sondern die Sorge, dass dadurch ihre 'Aura vor einem fremden Mann entblößt wird, auch wenn dies nur mittelbar geschieht.

In der Öffentlichkeit - wenn also Männer anwesend sind - nehmen die Frauen ihren Niqāb meist nicht ab und sprechen oftmals auch deutlich leiser, vermeiden ein Lachen usw.

Gastfreundschaft

Wenn Sie zu einer muslimischen Frau, die Niqāb trägt, nach Hause eingeladen werden, müssen Sie sich nicht besonders kleiden. Bringen Sie ihr eine kleine Aufmerksamkeit mit - und lassen Sie Ihren Mann und ältere Söhne zu Hause. Wenn Sie eine muslimische Frau zu sich einladen, nutzen Sie einen Tag, an dem Ihr Ehemann nicht zu Hause ist. Achten Sie auf Getränke und Speisen, die weder Alkohol noch Schweinefleisch enthalten.

Bei einem Treffen von Ehepaaren oder Familien wird die muslimische Frau ihren Niqāb nicht vor dem Ehemann der anderen Frau ablegen. Vielleicht ziehen sich die Frauen für eine Zeit in einen anderen Raum zurück, wo sie unter sich sein können und sie ihren Niqāb ablegen kann.

Muslime sind sehr gastfreundlich - auch gegenüber Nichtmuslimen. Sie schätzen es sehr, wenn auch wir Ihnen Gastfreundschaft gewähren.

Wenn Ihre Nachbarin eine Muslima ist, gibt es eine kleine Sache, mit der sie ihr Herz im Sturm erobern und eine Freundschaft begründen können: Wenn Sie Essen gekocht haben (und es weder Alkohol noch Schweinefleisch enthält), bringen Sie ihr eine Portion. Sie wird dies bald erwidern - mit einem ihrer köstlichsten Gerichte.

Als Mann mit einer Niqābi sprechen

Männern gegenüber sind die Frauen meist sehr zurückhaltend (wobei es große graduelle Unterschiede gibt).

Sie geben ihnen meist nicht die Hand und wollen auch nicht berührt werden.

Sie freuen sich, wenn Männer ihnen keinen Blickkontakt aufdrängen und sich ihnen gegenüber zurückhalten.

Sie freuen sich aber, wenn man ihnen ein Nicken schenkt: „Du gehörst dazu. Ich grenze dich nicht aus”, ein kurzes freundliches Lächeln.

Viele Frauen schätzen es, wenn Männer sie nicht zu intensiv anlächeln, sie nicht ansprechen oder aber ein Gespräch auf das Notwendige beschränken. Ein lockeres Geplauder ist in der Regel nicht drin (Muslimas plaudern gern und sind sehr kommunikativ - aber eben nur mit anderen Frauen, denen sie dann sehr offen begegnen). Aber wie gesagt: Es gibt große Unterschiede.

Viele Frauen ziehen es vor, wenn Männer sie nicht für ein Gespräch beiseite nehmen, sondern möglichst in Gegenwart ihres Ehemannes oder eines ihrer Verwandten oder anderer Personen mit ihr sprechen. Sie werden meist nicht mit einem fremden Mann alleine in einem Raum sein wollen.

Wenn die Frau mit ihrem Ehemann zusammen ist, ist es häufig ratsam, wenn Sie als Mann nur mit ihm sprechen. Gegebenenfalls wird sie sich in das Gespräch zwischen Ihnen und ihrem Mann einmischen, und Sie wissen dann, dass es für sie in Ordnung ist, wenn Sie auch mit ihr sprechen.

Eine Frau wird einem Mann gegenüber für gewöhnlich höchstens den Schleier kurz lüften, damit er sie aus einem berechtigten Anlass identifizieren kann - aber sie wird es vorziehen, wenn eine Frau dies übernimmt. Sie wird in der Regel ihren Niqāb und ihren Hidschāb nicht vor fremden Männern abnehmen und ihre Stimme nicht zu laut werden lassen, wird ihnen gegenüber auch nicht lachen.

Mit ihrem Niqāb signalisiert auch die ledige muslimische Frau, dass sie nicht an einem Flirt oder einer Beziehung interessiert ist. Sie sucht ihren Partner auf anderem Wege - nicht über Dates oder Spaziergänge. Sie ist allerhöchstwahrscheinlich auch nicht an einer Beziehung oder auch nur einem Flirt mit einem nichtmuslimischen Mann interessiert, weil ihr als Muslima nur die Ehe mit einem Muslim erlaubt ist.

Hilfeleistung

Wenn eine Frau, die Niqāb trägt, nach einem Unfall o.ä. Hilfe braucht, stellt diese Hilfe eine Notwendigkeit dar, die nach islamischem Recht ggf. auch erlaubt, ihren Schleier anzuheben, um etwa die Atmung zu überprüfen. Wenn möglich, leistet eine Frau Erste Hilfe. Wenn möglich, kann man von anderen Personen Rettungsdecken halten lassen, die die Behandlung der Frau abschirmen. Aber die Hilfe kommt zuerst! Nach geltendem Recht sind wir zur Ersten Hilfe verpflichtet, und auch das islamische Recht schützt hier den Ersthelfer. Hier sind zum Glück die meisten sehr religiösen Muslime, bei denen die Frauen einen Niqāb tragen (also etwa die Salafi), besser informiert als jene Muslime, die vor allem oft nationalistisch geprägten Traditionen und Ehrvorstellungen folgen und ihre Religion kaum kennen.