Ist der Niqāb nicht Ausdruck von Frauenfeindlichkeit?

Erst einmal ist der Begriff „Frauenfeindlichkeit” zu definieren.

Für mich ist Frauenfeindlichkeit (Misogynie) eine von Frauen (1) aufgrund ihres Geschlechts (2) gegen ihren Willen und (3) zum Zwecke der Machtausübung verlangte Verhaltensweise oder Handlung. Es gibt also drei Bedingungen: Sexismus, Zwang und Macht. Häufig beinhaltet Frauenfeindlichkeit eine Komponente (4) sexueller Ausbeutung und immer (5) wird die Frau abgewertet, herabgewürdigt. Immer wieder ist (6) Frauenhass treibende Kraft hinter der Frauenfeindlichkeit. 

Das im Hinblick auf den Niqāb entscheidende Element ist die Einvernehmlichkeit bzw. Freiwilligkeit. Trägt die Frau den Niqāb aus freien Stücken und nicht aufgrund von Zwang, so liegt keine Frauenfeindlichkeit vor, auch wenn sich die von den Frauen geforderte Verhaltensweise (wie auch beim Hidschāb, der sich nicht prinzipiell, sondern graduell vom Niqāb unterscheidet) auf ihre Weiblichkeit bezieht, also geschlechtsspezifisch ist. Zugleich wird jedoch der muslimische Mann angehalten, gegenüber Frauen - egal ob verschleiert oder nicht - den Blick zu senken, sie nicht mit begehrlichen Blicken anzusehen. Auch diese Aufforderung ist geschlechtsspezifisch.

Auch geht es beim Niqāb nicht um Machtausübung, ebenfalls nicht um die Unterordnung der Frau (was nicht bedeutet, dass Niqābi so etwas nicht erleben, aber es entspricht nicht der ursprünglichen Intention des Niqāb).

Anders als viele Bibelleser wegen 1. Korinther 11,2-16 im Hinblick auf das Kopftuch annehmen und diese Annahme auf den Islam übertragen, sind der Hidschāb und der Niqāb nicht Zeichen der Unterordnung der muslimischen Frau unter ihren Mann, nicht Symbole der Unterdrückung der Frau. Im Gegenteil sind sie ursprünglich Zeichen der freien, in ehrbaren Verhältnissen lebenden Frau, der Ehefrau. Sie darf (anders als damals die Sklavinnen und die Prostituierten, denen der Niqāb und überhaupt jede Kopfbedeckung schon seit vorislamischer Zeit verboten war, ebenso wie auch früher bei den Römern) nicht sexuell belästigt werden. Schenkte ein Muslim einer Sklavin die Freiheit, so durfte sie fortan den Hidschāb und den Niqāb tragen, um als freie Frau erkannt zu werden und eine Ehe mit einem freien Muslim eingehen zu können.

Gerade sehr religiöse Frauen tragen den Niqāb heute bewusst als Zeichen, dass sie durch ihre Religion frei sind. Viele beziehen dies darauf, dass der Islam sie von Sexismus und Misogynie befreit hat und ihnen eine Freiheit schenkt, die es ihrer Überzeugung nach anderswo nicht gibt. Deutsche Frauen, die zum Islam konvertiert sind, tragen den Niqāb nach eigener Auskunft als Zeichen, die Sklaverei des Körperkultes und der sexuellen Ausnutzung durch Sexismus gerade auch in Mode und Werbung hinter sich gelassen zu haben und nun frei zu sein, frei über ihre Sexualität bestimmen zu können, frei über ihren Körper bestimmen zu können. Für sie ist der Niqāb damit Zeichen eines aus ihrer Sicht frauenfreundlichen Islam. Er erlaubt ihnen, sich nicht nach ihren äußeren Reizen bewerten lassen zu müssen, sondern sich auf ihre inneren Werte zu berufen.

Für diese Frauen ist der Islam nicht frauenfeindlich, sondern frauenfreundlich, und der Islam schenkt ihnen Emanzipation. Sie sind innerhalb des Islam in der Regel Kämpferinnen gegen eine frauenfeindliche Auslegung des Koran und der Sunna.

Für westliche Frauen mag dieses Konzept unverständlich sein, aber es wäre kulturrassistisch, es in Rausch und Bogen zu verwerfen. Wenn die Muslima sich befreit fühlen, sollte niemand ihnen einreden wollen, sie seien Sklavinnen, Opfer von Frauenfeindlichkeit, und ihr Niqāb sei Ausdruck von Misogynie.

Eine Muslima hat mir erklärt, dass sie erkannt habe, dass der Islam die gläubige Frau zu einer Königin mache - und dass sie den Niqāb als ihre Krone betrachte.