Haben Kinder Angst vor dem Niqāb?

Manche Kinder reagieren in der Tat erschreckt oder sogar ängstlich, wenn sie eine Frau sehen, die Niqāb trägt - vor allem, wenn es sich um einen schwarzen Niqāb handelt. Hierbei handelt es sich jedoch nicht um eine natürliche Reaktion der Kindern, sondern um eine erlernte Angst.

Die normale Reaktion von Kindern auf den Niqāb ist Neugierde. Sie wollen wissen, warum die Frau so gekleidet ist.

Selbst wenn Kinder bei einer Frau im Niqāb an ein „Gespenst” oder einen „Ninja” denken, was in einigen wenigen Fällen durchaus vorkommt, so haben sie doch in der Regel keine Angst, sie erschrecken sich deswegen nicht. Sie wissen sehr genau, dass es kein Gespenst, kein Ninja ist, sondern ein Mensch - und wollen wissen, warum dieser Mensch so aussieht.

Meine Frau, die ja Niqāb trägt, und ich haben mehr als einmal die Erfahrung gemacht, dass Eltern und ihre Kinder vergleichbar auf den Anblick meiner Frau reagieren. Und wir haben die Erfahrung gemacht, dass es regionale Unterschiede gibt. In Heidelberg beispielsweise reagieren Erwachsene wie Kinder recht neutral auf den Niqāb meiner Frau - und oft genug gibt es kaum mehr als einen kurzen Blick. Im gar nicht so weit entfernten Karlsruhe dagegen reagieren Erwachsene und Kinder deutlich negativer. Erwachsene drehen sich um und tuscheln, manche versuchen gar, meine Frau heimlich zu fotografieren. Die Kinder starren meine Frau an. Egal wo wir hinkommen - die Reaktionen auf den Niqāb meiner Frau fallen bei Erwachsenen und Kindern vergleichbar aus. Das ist für mich der deutliche Beweis, dass Kinder ihre Reaktion von den Eltern abschauen bzw. erlernen.

Kinder lernen von ihren Eltern, wie diese auf den Niqāb reagieren. Sie übernehmen die Reaktion ihrer Eltern. An dieser Stelle bin ich allen Eltern dankbar, die sich für die neugierigen Fragen ihrer Kinder Zeit genommen und ihnen sehr schön erklärt haben, warum meine Frau Niqāb trägt. Diese Kinder werden sicherlich niemals ängstlich auf eine Frau im Niqāb reagieren.

Andere Eltern haben sehr bösartige, oft genug sogar fremdenfeindliche Antworten auf die Fragen ihrer Kinder gegeben. Deren Kinder werden wohl lernen, dass die „Burka-Weiber” böse sind und man sich vor ihnen fürchten muss. Es sind nicht nur deutsche Eltern, die ihre Kinder mit Angst vor dem Niqāb impfen. Oft genug sind es auch muslimische Eltern (die Mütter oft mit voluminösem Kopftuch und ansonsten recht aufgebrezelt), die böse Worte über „Salafisten” verlieren und ihre Kinder warnen. Auch diese Kinder werden ängstlich auf Frauen im Niqāb reagieren.

Ein Problem ist, dass manche Kinder die von ihren Eltern erlernten negativen Reaktionen mit in die Kindergärten und Schulen bringen. Und da reagieren sie dann erschreckt oder ängstlich, wenn sie eine Frau im Niqāb erblicken. An dieser Stelle müssten die Lehrer mit den Kindern pädagogisch arbeiten, damit die Kinder ihre unberechtigte Angst verlieren. Diese Arbeit findet aber aus verschiedenen Gründen häufig nicht statt - und manche Schulen verbieten sogar Müttern, die Niqāb tragen, den Schulhof oder die Schule zu betreten.

Die betreffenden Kinder würden bei einer engagierten Lehrerin lernen, die unbegründete Angst zu verlieren - aber viele Lehrer fürchten natürlich einen sich daraus möglicherweise entwickelnden Konflikt mit denjenigen Eltern, die dem Niqāb bzw. den Niqābi aus verschiedenen Gründen feindselig gegenüberstehen.

Außerdem sind auch Lehrer nur Menschen, die oftmals selbst diffuse, unbegründete Ängste vor dem Niqāb haben und den Niqābi unter den Müttern ihrer Schüler keine Möglichkeit zu Begegnungen geben, bei denen Ängste abgebaut werden können. Ein Verbot ist der einfachste Weg - und bei vielen Eltern populär.

Und ja, manche extreme Muslima mit Niqāb hat sicherlich einen bleibenden schlechten Eindruck bei Lehrern hinterlassen.

Und nicht zuletzt haben manche Muslime, die in Gegnerschaft zu vermeintlichen oder tatsächlichen „Salafisten” stehen, bei den Lehrern allerlei Unsinn über die Niqābi und über den Niqāb erzählt, und es wurde ihnen Glauben geschenkt. Viele Lehrer wissen ja kaum etwas über den Islam.

Ich kenne eine Niqābi, die wieder und wieder versucht hat, ein klärendes Gespräch mit der Rektorin der Schule ihrer Kinder herbeizuführen. Sie hat stets versichert, zum Feststellen ihrer Identität den Niqāb zu lüften, beim Gespräch mit einer Lehrerin den Niqāb abzulegen. Als die Rektorin erklärte, die Kinder hätten Angst vor der „schwarzen Burka”, kam sie bald darauf mit einem Niqāb und einem Mantel in einem freundlichen hellblauen Farbton, eine andere Mutter wählte Niqāb und Mantel in einem hellen Rosa. Aber auch das hat nichts geändert. Die Rektorin hatte sich ihre Meinung gebildet und war nicht bereit, eine einvernehmliche Lösung zu finden. Die drei oder vier Niqāb tragenden Mütter an den Kindergärten oder Schulen können dagegen nichts unternehmen, da sie auch keine Lobby haben.