Bedeutet der Niqāb nicht eine Abgrenzung von unserer Gesellschaft?

Der Niqāb steht nicht zwischen den Muslimen einerseits und unserer Gesellschaft andererseits und bildet somit keine Abgrenzung zwischen Muslimen und Nichtmuslimen. Er hat darum auch nichts mit mangelnder Integration der Muslime zu tun.

Der Niqāb und der Hidschāb werden jeweils getragen, weil es für eine Frau makrūh (verpönt) oder ḥarām (verboten) ist, in der Öffentlichkeit bzw. in der Gegenwart fremder Männer ihren Körper bzw. ihr Gesicht und ihre Hände zu zeigen.

Sowohl im Hinblick auf die Frauen als auch auf die Männer ist es übrigens unerheblich, ob es sich um Muslime oder Nichtmuslime handelt.

Den Körper mit dem Hidschāb zu bedecken ist Farḍ (Pflicht), weil es einer Frau nicht gestattet ist, ihren Körper mit Ausnahme des Gesichts und der Hände gegenüber fremden Männern zu entblößen.

Das Gesicht und die Hände mit dem Niqāb zu bedecken ist grundsätzlich Sunna (empfohlen), wird aber ebenfalls Farḍ (Pflicht), wenn eine Frau Fitna (eine Versuchung) fürchtet oder aber wenn sie fürchtet, dass ein Mann sie mit begehrlichen Blicken ansehen könnte. Nach manchen Rechtsgelehrten ist der Niqāb sogar grundsätzlich Farḍ.

Eine muslimische Frau darf den Hidschāb und, wenn die Bedeckung des Gesichts und der Hände wegen der Furcht vor Fitna Farḍ ist, den Niqāb und die Handschuhe nicht ablegen. Es wäre ḥarām (verboten), solange keine Notwendigkeit vorliegt.

Das Verbot, in der Öffentlichkeit den Körper zu zeigen bzw. das damit einhergehende Verbot, Hidschāb und Niqāb in der Öffentlichkeit abzulegen, ist in etwa vergleichbar mit dem Verbot, Alkohol oder Schweinefleisch zu genießen (oder dass Männer Frauen die Hand geben). Es geht hier wie da um eine religiöse Gesetzmäßigkeit, die in den Bereich der Religionsfreiheit fällt.

Mit einer Abgrenzung von unserer Gesellschaft hat das jeweils nichts zu tun.

Hidschāb und Niqāb sowie dass Männer und Frauen einander nicht die Hände geben, trennen jeweils nicht die Muslime von unserer Gesellschaft, sondern Männer und Frauen voneinander. Hierbei wird grundsätzlich nur nach dem Geschlecht unterschieden, nicht nach der Zugehörigkeit oder Nichtzugehörigkeit zum Islam.

(Der Unterschied nach dem Geschlecht betrifft durchaus den Bereich der Gleichberechtigung. Da aber Hidschāb und Niqāb in unserer Gesellschaft von den Muslimas jeweils freiwillig und in Übereinstimmung mit der Religionsfreiheit getragen werden und nicht aufgrund von staatlichen Verordnungen oder Gesetzen, ist der vom Grundgesetz gewährte Schutz vor Eingriffen des Staates in die Gleichberechtigung nicht betroffen. Auch gibt der Staat möglicherweise betroffenen Muslimas die Möglichkeit, sich mit rechtlichen Schritten gegen Nötigung und Zwang zu wehren, so dass auch hier die Gleichberechtigung von staatlicher Seite garantiert ist.)

Wenn wir das Verbot von Alkohol und Schweinefleisch bei gläubigen Muslimen tolerieren, weil dies im Islam ḥarām ist (und wir als Zeichen des Respekts und im Rahmen der Integration in Kantinen und Schulen teilweise komplett auf Schweinefleisch verzichten), so wäre es ein doppelter Standard und damit unzulässig, Hidschāb und Niqāb als Abgrenzung zu betrachten und nicht zu tolerieren.

Wenn wir einem Muslim keine Schweinemettbrötchen in die Hand drücken und erwarten, dass er es verzehrt, sollten wir auch nicht erwarten, dass Muslimas den Hidschāb bzw. den Niqāb ablegen. Das eine wie das andere ist ḥarām - und keine Abgrenzung der Muslime von unserer Gesellschaft.

Im Übrigen ist es ja auch nicht so, dass die muslimischen Frauen den nichtmuslimischen Frauen verbieten würden, Hidschāb oder Niqāb zu tragen (zumindest hatte meine Frau bisher niemals Probleme, sich Hidschāb oder Niqāb kaufen zu können; und noch nie haben sich Muslime bei ihr beschwert, weil sie als Christin in der Öffentlichkeit Hidschāb und Niqāb trägt).

Nicht wenige gläubige Muslima würden sich ehrlich freuen, wenn sich die nichtmuslimischen Frauen ebenfalls zu einer bedeckenden Kleidung entschließen würden. Kein islamisches Bekleidungsgeschäft verweigert einer nichtmuslimischen Frau, sich beispielsweise Mantel und Kopftuch zu kaufen. Jede Verkäuferin würde sich freuen, einer nichtmuslimischen Kundin zu zeigen, wie sie das Kopftuch binden kann. Jede Muslima würde ihren nichtmuslimischen Freundinnen jederzeit ihren Kleiderschrank öffnen.

Über die Kleidung der Frauen findet also keine von den Muslimen betriebene Abgrenzung von unserer Gesellschaft statt.

Man mag es kritisch sehen, dass muslimische Männer und Frauen so unterschiedliche Kleidung tragen (und die Frauen oft viel strenger verhüllt sind als die Männer). Aber auch bei uns unterscheiden sich die Kleidung von Männern und Frauen ganz erheblich. Und als Mann kann ich nur sagen: Ich verstehe nicht, wie Frauen High Heels und Miniröcke und so etwas tragen können, ich verstehe den ganzen sexistischen Körperkult nicht, der Frauen zwingt, sich als verfügbare Püppchen zu präsentieren. Wir haben also wirklich keinen Grund, auf die Muslime hinab zu sehen. Wenn „unsere” Frauen die Freiheit haben, sich in die „Burka des Westens” zu quälen, sich die Brüste vergrößern zu lassen, auf turmhohen Absätzen und dünnen Strumpfhosen und knappen Miniröcken durch den Winter zu stelzen - wie können wir es da muslimischen Frauen verwehren, Hidschāb oder sogar Niqāb zu tragen? Wenn „unsere” Frauen die Freiheit haben, ihre Körper zu präsentieren - wie können wir es da muslimischen Frauen verwehren, ihre Körper zu verhüllen?