Behindert der Niqāb nicht die Kommunikation zwischen Menschen?

Viele gläubige Muslima, das sei vorweg angemerkt, kommunizieren in der Regel lieber mit Frauen und weniger gern mit Männern. Im Leben vieler gläubiger Muslime spielt die Geschlechtertrennung eine große Rolle.

Wenn eine Muslima, die Niqāb trägt, mit Männern nicht oder nur wenig kommuniziert, dann liegt das nicht an ihrem Niqāb, sondern an ihrer religiösen Grundeinstellung. Auch ohne ihren Niqāb würde sie nicht intensiver mit Männern kommunizieren (sondern vielleicht sogar noch weniger). Tatsächlich ist es für viele gläubige Muslima erst der Niqāb, der eine Kommunikation mit fremden Männern ermöglicht.

Der Niqāb hat dabei nichts mit einer Barriere zwischen Muslimen und Nichtmuslimen, „Gläubigen und Ungläubigen” zu tun.

Zugleich gilt: Sind die Frauen unter sich (durchaus auch, wenn einige der anwesenden Frauen keine Muslima sind), so legen sie für gewöhnlich den Niqāb ab. Er wird meist nur in der Öffentlichkeit getragen, sobald fremde Männer anwesend sind. Sind sie andererseits in der Öffentlichkeit, so kommunizieren sie auch untereinander nur mit Niqāb. Sie kennen daher gewissermaßen beide Seiten des Niqāb, wissen auch, wie es ist, mit einer verschleierten Frau zu kommunizieren.

In der Öffentlichkeit ist der Niqāb freilich auch nonverbale Kommunikation, es ist eine Mitteilung, die allerdings von der Trägerin erläutert werden muss, die sich nicht von selbst versteht (außer der grundlegenden Botschaft, „ich bin eine gläubige Frau, die Gott durch ihr Verhalten ehren möchte, weil ich ihn liebe”).

Wenn nun muslimische Frauen in der Öffentlichkeit Niqāb tragen, so behindert dieser in der Tat die (nonverbale) Kommunikation - in erster Linie, weil er die Mimik der Trägerin teilweise verbirgt.

Die Kommunikationswissenschaft spricht in diesem Zusammenhang von einer Mimik-Barriere.

Es ist bekannt, dass die Mimik keine angeborene Fähigkeit ist. Wir Menschen müssen erst erlernen, uns mimisch auszudrücken und die Mimik anderer zu verstehen. Dabei gibt es zwischen den Kulturen, in denen die Menschen aufwachsen, große Unterschiede.

„Weiße” etwa, also Europäer, Amerikaner, Australier usw., verwenden für die Mimik das ganze Gesicht, vor allem aber den Bereich von Mund und Kinn.

Ostasiaten hingegen, also Chinesen, Japaner, Koreaner usw., konzentrieren sich bei der Mimik auf die Augen. Uns erscheint ihr Gesicht darum emotionslos, ausdruckslos. Sie wiederum können vieles von dem, was wir mimisch vor allem mit Mund und Kinn ausdrücken, nicht verstehen. Sie können viele unserer Gefühle (z.B. Angst, Ekel) nicht erkennen.

Vorderasiaten, also Orientalen von der Arabischen Halbinsel usw., verwenden für die Mimik die Augen mehr als Europäer und Amerikaner - dies um so mehr, wenn in ihrer Kultur bei Frauen der Gesichtsschleier weit verbreitet ist.

Auch Subsahara-Afrikaner haben eine ganz andere Kultur der Mimik entwickelt.

An dieser Stelle sei noch einmal wiederholt: Es geht um kulturelle Unterschiede, nicht um Unterschiede in den Ethnien, den Hautfarben oder was sonst.

Asiaten haben nun relativ wenig Probleme, die Mimik einer Frau mit Niqāb zu verstehen, weil die Augen sichtbar sind. Hier ist die Mimik-Barriere deutlich kleiner als die zwischen Europäern und Frauen mit Niqāb. Für Asiaten ist es im Hinblick auf die Mimik unerheblich, ob eine Europäerin Niqāb trägt oder nicht. Erst eine Verschleierung der Augen wird für Asiaten zur Mimik-Barriere.

Für uns Europäer, Amerikaner usw. ist der Blick in das Gesicht einer Frau mit Niqāb, soweit es die Erkennbarkeit der Mimik betrifft, von vergleichbarer Qualität wie der Blick in das scheinbar emotionslose Gesicht eines Asiaten. Oder anders ausgedrückt: Wer bei der Kommunikation mit Asiaten keine Mimik-Barriere wahrnimmt, sollte dies bei einer Frau mit Niqāb eigentlich auch nicht tun, weil sich in beiden Fällen die Mimik auf die Augen konzentriert.

Allerdings irritiert uns der Schleier, weil da, wo wir aufgrund unserer Kultur deutlich Mimik zu sehen erwarten, nicht wenigstens ein Mund und ein Kinn befinden, sondern ein Tuch, das sich möglicherweise stark bewegt.

Die Kunst besteht darin, sich auf die Augen zu konzentrieren, nicht auf das Tuch vor dem Gesicht.

In der Kultur des Orient verwurzelte muslimische Frauen haben meist, vor allem wenn sie in einer Gesellschaft mit vielen verschleierten Frauen aufgewachsen sind, eine viel deutlichere Mimik der Augen als deutsche Frauen, die zum Islam konvertiert sind und nicht in der orientalischen Kultur verwurzelt sind.

Gerade „Weiße” haben darüber hinaus die kulturelle Fähigkeit entwickelt, mit der Mimik des Mundes und des Kinns das zu verschleiern, was wir eigentlich meinen oder fühlen, damit es zu unseren Worten oder zu dem Eindruck, den wir vermitteln wollen, passt.

Das ist uns deswegen möglich, weil sich diejenigen Muskeln, die für Bewegungen im Mund- und Kinnbereich zuständig sind, viel besser kontrollieren lassen als jene Muskeln, die für Bewegungen des Auges zuständig sind.

Zugleich glauben wir (entgegen aller Fakten) in unserer Kultur, mit einem Blick auf das Gesicht und vor allem Mund- und Kinnpartie könnten wir die Glaubwürdigkeit der Aussagen unseres Gesprächspartners beurteilen.

Ist das Gesicht und insbesondere der Bereich von Mund und Kinn bedeckt, irritiert uns das - obwohl wir Studien zufolge nun viel besser einschätzen können, ob unser Gegenüber eine wahrheitsgemäße Aussage tätigt oder nicht.

Einer der Fehler unserer Kultur der Kommunikation liegt darin begründet, dass wir uns weniger auf das konzentrieren, was jemand sagt, sondern vielmehr auf sein Gesicht, vor allem auf Mund- und Kinnpartie. Erst wenn der Blick darauf verwehrt ist, können wir uns in angemessener Form auf das Gesagte konzentrieren.

Dazu muss man jedoch erst entgegen unserer kulturellen Prägungen erlernen, mit einer so verschleierten Person zu kommunizieren.

An dieser Stelle sei noch einmal darauf hingewiesen: Mimik ist eine Frage der Kultur. Und die „richtige” Kultur gibt es nicht, damit auch nicht die „richtige” Mimik. So wir Chinesen, Japaner, Koreaner vor dem Hintergrund ihrer Kultur Mimik anders ausdrücken und verstehen als wir, ist es eben auch bei Muslimas - und auch mit dem Niqāb der muslimischen Frau.