Verhindert ein Niqāb nicht die Integration?

Um diese häufige Frage zu beantworten, müssen wir erst einmal klären, was Integration eigentlich bedeutet, was sie beinhaltet.

Das Wort bedeutet in seinem ursprünglichen Sinn (von lat. „integrare”), etwas zu erneuern, zu ergänzen oder aufzufrischen. In diesem Sinne würden Frauen mit Niqāb in unserer Gesellschaft etwas ergänzen, das bisher nicht da waren. Sie erneuern unsere Gesellschaft. Sie sind damit ein grundsätzlich wünschenswerter Faktor, weil sie uns auffrischen.

In der Soziologie meint Integration (Inklusion) im Allgemeinen den Einbezug von Menschen, die bis dahin aus den verschiedensten Gründen ausgeschlossen (exkludiert) waren. Integration kann auch bedeuten, aus zwei Dingen eine Einheit zu machen.

Es ist meine persönliche Überzeugung, dass Integration folgende Voraussetzungen hat, die die zu inkludierende Person mit Hilfestellung der Mehrheitsgesellschaft zu erfüllen hat:

  • Akzeptieren des für alle in gleicher Weise geltenden Rechts
  • Akzeptieren der Bürgerrechte und Freiheiten aller anderen Personen (Toleranz)
  • Grundlegendes Beherrschen einer Sprache, die von der Mehrheit ebenfalls beherrscht wird
  • Bereitschaft, zumindest mit einem größeren Teil der Gesellschaft sozial zu interagieren

Der letzte Punkt meint beispielsweise, dass muslimische Frauen sich dann hinreichend integrieren, wenn sie mit anderen religiösen Frauen (z.B. andere Muslimas und Christinnen) sozial interagieren. Hier ist natürlich auch gefordert, dass die Christinnen auf die Muslimas zugehen. Integration ist ebenso eine Hol- wie eine Bringschuld.

Ich erlebe die Mehrheit der Niqābi durchaus daran interessiert, mit anderen Frauen (auch solchen, die nicht muslimischen Glaubens sind) sozial zu interagieren. Dass sie mit fremden Männern ungern sozial interagieren (und die Niqābi schon gar nicht ihren Niqāb vor ihnen ablegen wollen), sollten wir nicht überbewerten.

Es ist in ihrer Religion makrūh (verpönt) oder ḥarām (verboten) - vergleichbar in etwa dem Genuss von Alkohol oder Schweinefleisch (oder dass Männer Frauen die Hand geben).

Wenn wir das Verbot von Alkohol und Schweinefleisch bei gläubigen Muslimen tolerieren, weil dies im Islam ḥarām ist (und wir also als Zeichen des Respekts und im Rahmen der Integration in Kantinen und Schulen teilweise komplett auf Schweinefleisch verzichten), so wäre es ein doppelter Standard und damit unzulässig, die ablehnende Haltung gläubiger Muslime zur sozialen Interaktion zwischen Männern und Frauen nicht zu tolerieren. Es ist kein Zeichen von fehlender Gleichberechtigung, wenn muslimische Frauen nur ungern oder gar nicht mit fremden Männern sozial interagieren oder die Niqābi hierbei ihren Schleier nicht ablegen wollen.

Integration bedeutet nicht, dass Männer und Frauen ebenso ungezwungen miteinander umgehen müssen, wie Frauen dies unter sich tun. Integration gelingt auch da, wo sich die zu inkludierenden Frauen eher zu anderen Frauen halten.

In alleiniger Gesellschaft anderer Frauen, wenn kein fremder Mann anwesend ist, legen Niqābi für gewöhnlich ihren Niqāb ab. Damit ist mit wenigsten der einen Hälfte unserer Gesellschaft eine durch den Niqāb nicht eingeschränkte soziale Interaktion möglich - und das halte ich für eine gelungene Integration der Niqābi, ohne dass ich mich als Mann zurückgesetzt, ausgeschlossen oder in meiner Ehre angegriffen fühle.

Aber selbst da, wo Niqābi ihren Niqāb nicht ablegen, ist ihre Inkludierung ohne Weiteres möglich; denn der Niqāb schränkt die Kommunikation zwischen Menschen nur in geringem Maße ein (auch wenn heute oft etwas anderes behauptet wird). Beherrscht die Niqābi also die deutsche Sprache (und geschätzte zwei Drittel oder mehr von ihnen sind in Deutschland geboren und/oder aufgewachsen), ist eine Integration auf Ebene der Kommunikation möglich, wenn wir uns denn darauf einlassen, mit der Niqābi zu sprechen.

Der Niqāb ist also kein Hindernis für die Integration.

Er steht auch nicht für einen grundsätzlichen Wunsch, sich von der Mehrheitsgesellschaft abzugrenzen, abzusondern. Sie sondern sich gegenüber den Männern ab, nicht aber von den Frauen, auch nicht von den nicht muslimischen Frauen (Sie als Frau können jederzeit eine Niqābi zu sich nach Hause einladen - versprechen Sie ihr nur, dass die Speisen auf dem Kaffeetisch Ḥalāl (erlaubt) sind und kein Mann anwesend sein wird, und sie wird Sie gerne besuchen und in Ihrer Gegenwart auch den Niqāb ablegen und sich bei Ihnen sehr wohl fühlen). 

Und wenn doch fremde Männer anwesend sind, so wird sie eben darauf bestehen, den Niqāb nicht abzulegen, und sie wird wohl etwas stiller sein.

Wie gesagt: Von einer Niqābi zu verlangen, dass sie in Gegenwart fremder Männer den Niqāb ablegt, wäre in etwa so, als würde man von einem Juden oder einem Muslim verlangen, eine Schweinemettbrötchen zu essen. Wenn wir für das eine Verständnis haben, sollten wir auch für das andere Verständnis haben. Und wenn wir im Verzicht auf Schweinefleisch und Alkohol kein Integrationshindernis sehen, sollten wir auch im Bestehen auf den Niqāb kein Integrationshindernis sehen. Beides ist nun einmal ḥarām - und wir können da keine doppelten Standards anlegen.