Warum tragen manche muslimische Frauen einen Niqāb?

Sie tragen den Niqāb nicht ständig

Muslimische Frauen, die Niqāb tragen, tun dies nicht ständig, sondern im Grunde genommen nur dann, wenn sie sich in der Gegenwart fremder Männer befinden (vgl. Mahram).

Im Kreis der Familie und im Kreis von Frauen tragen sie meist keinen Niqāb (es sei den, sie fürchten, dass eine der Frauen ihrem Mann das Aussehen der unverschleierten Frau schildert).

Manche Frauen schlagen den Niqāb auch zurück, wenn sie etwa spazieren gehen und kein fremder Mann in der Nähe ist, der sie sehen könnte.

Geschlechtertrennung

Ein wichtiges Konzept im Islam ist das der Geschlechtertrennung. Männer und Frauen sollen sich nicht miteinander vermischen. Das wäre Ḥarām.

Das Konzept heißt im Hinblick auf die Rolle der Frau Hidschāb (wörtlich Vorhang, Schirm), und hier ist nicht ein Kleidungsstück gemeint, sondern eine von Gott gewollte Schranke zwischen Männern und Frauen.

Hidschāb als Konzept bedeutet, dass eine Frau für Männer nicht zugänglich ist - außer für einen Mann, der für sie Mahram ist, oder für ihren Ehemann.

Hidschāb

Vor allen anderen Männern muss die Frau sich verhüllen - das ist nach den vier traditionellen Rechtsschulen des sunnitischen Islam und auch bei schiitischen Muslimen und Angehörigen der Ahmadiyya Farḍ (Pflicht).

Sie tut dies in der Regel mit einem Kleidungsstück, das für Hidschāb geeignet ist und darum allgemein Hidschāb genannt wird. Es bedeckt den ganzen Körper der Frau mit Ausnahme des Gesichts und der Hände.

Niqāb

Manche Frauen bedecken darüber hinaus in der Öffentlichkeit bzw. in Gegenwart fremder Männer auch ihr Gesicht (mit einem Niqāb) und ihre Hände (sie verbirgt ihre Hände entweder unter ihrem Gewand oder trägt Handschuhe).

Eine Leitplanke für die Integration der Geschlechter

Hidschāb und Niqāb sind so etwas wie „Leitplanken” für eine geordnete Integration der Geschlechter. Sie sind nicht Hindernis für ein Miteinander von Frauen und Männern, sondern ermöglichen erst, dass Frauen sich vor Männern zeigen, dass Frauen und Männer sich integrieren.

Ohne Hidschāb und Niqāb müssten sich die Frauen in abgetrennten Frauenbereichen aufhalten, die für Männer Ḥarām, verboten, sind (daher kommt der Begriff „Harem”).

Es gibt also nur zwei Möglichkeiten: Ḥarām oder Hidschāb.

Ein Hidschāb- bzw. Burkaverbot führt damit gewissermaßen zur „Haremspflicht”.

Sunna und Farḍ

Grundsätzlich ist der Niqāb in den vier traditionellen Rechtsschulen des sunnitischen Islam Sunna, das heißt, muslimischen Frauen wird empfohlen, nicht nur den ganzen Körper, sondern auch das Gesicht, die Hände und die Füße zu bedecken. Genau genommen ist der Niqāb Mustaḥabb, das heißt wünschenswert.

Darüber hinaus gilt er in diesen Rechtsschulen unter bestimmten Bedingungen als Farḍ, das heißt als verpflichtend. Als Farḍ gilt er immer an Orten und zu Zeiten der Fitna oder wenn eine Frau fürchtet, von fremden Männern mit begehrlichen Blicken betrachtet zu werden oder wenn ein fremder Mann mit einer Frau flirtet.

Außerdem gilt der Niqāb in der Salafiyya und in der Wahhābīya mehrheitlich als Farḍ. Auch hier geht es um Fitna. Sie wird gewissermaßen als ein dauerhafter Zustand betrachtet, der ein dauerhaftes Tragen des Niqāb in der Öffentlichkeit erforderlich macht.

Notwendigkeiten

Die sunnitischen Rechtsschulen kennen nicht nur eine Pflicht zur Verschleierung, sondern auch bestimmte Notwendigkeiten, den Niqāb abzulegen - etwa zur Feststellung der Identität oder vor Gericht. Manche gehen sogar so weit, dass sie da, wo Muslime in der Minderheit sind, eine Notwendigkeit sehen, den Niqāb nicht zu tragen (wenn nicht stärkere Gründe für eine Pflicht sprechen).

Fitna

Wenn eine Frau Fitna fürchtet, bedeutet das nicht, dass eine Niqābi in jedem Mann ein von seinen Trieben gesteuertes Monster sieht, das sich nicht beherrschen kann. Diese Unterstellung wird den muslimischen Mädchen und Frauen nicht gerecht. Ebenso wenig sehen sie in einer unverschleierten Frau eine Schlampe oder Prostituierte. Niqāb hat etwas mit ihrem Selbstbild und ihrem Selbstwertgefühl zu tun, nicht mit ihrem Blick auf andere Menschen.

Eine Muslima, die Niqāb als Sunna betrachtet, wird ihn eher nicht, nur selten (etwa zu Feiertagen) oder nur zu bestimmten Anlässen (etwa dem Besuch der Moschee) tragen. Eine Muslima, die ihn hingegen als Farḍ betrachtet, wird ihn in der Öffentlichkeit dauerhaft tragen und nur dann lüften oder ablegen, wenn dazu eine Notwendigkeit besteht.

Eine Niqābi möchte zudem nicht, dass fremde Männer von ihrem Anblick angezogen oder gereizt werden; sie möchte Männern helfen, nicht in eine Versuchung zu geraten. Sie weiß, dass auch der anständigste und ehrenwerteste Mann beim Anblick einer ihm attraktiv erscheinenden Frau in Versuchung (Fitna) geraten kann. Das wäre für ihn eine Sünde, und für sie wäre es eine Sünde, wenn sie es nicht verhindert. Darum trägt sie den Niqāb als Schutz. Auch hier geht es ihnen nicht um eine Abwertung der anderen Menschen.

Spirituelle Entwicklung

Viele Niqābi tragen den Niqāb, um sich auf ihrem spirituellen Weg durch nichts ablenken zu lassen.

Sie wollen als Frauen erkannt werden, die sich bestimmten spirituellen und ethischen Werten verpflichtet wissen (etwa Treue, Schamhaftigkeit, Keuschheit) und denen die Liebe zu Gott mehr bedeutet als die zu weltlichen Vergnügungen. Sie wollen erkannt werden als Frauen, die auf dem Weg zu innerem Frieden (durch die Unterwerfung unter Gottes Willen) sind und dabei nicht belästigt, nicht von diesem Weg weg gelockt werden wollen.

Zugleich wollen sie nicht zur Ablenkung für Männer auf deren spirituellem Weg werden.

„Nicht interessiert!”

Viele Niqābi tragen den Niqāb darüber hinaus, um sich als „nicht verfügbar” für Annäherungsversuche oder Flirts zu etikettieren, um zu zeigen, dass sie nicht von fremden Männern in Gespräche verwickelt werden wollen, in denen es um die Anbahnung einer romantischen Beziehung geht (auch viele Niqābi sind ledig und suchen durchaus nach einem Partner, aber eben nicht auf diesem Wege).

Schmuck bedecken

Manchmal trägt eine Niqābi Niqāb oder Handschuhe, weil sie geschminkt ist. Eine sehr religiöse Muslima ist mit Make-up in der Öffentlichkeit zurückhaltend - und wird ein geschminktes Gesicht oder auch eine mit Henna verzierte Hand in der Öffentlichkeit möglicherweise bedecken, auch wenn sie es sonst nicht tut. So legt sie vielleicht den Niqāb nur an, wenn sie geschminkt zu einer Feier unterwegs ist, auf der nur Frauen anwesend sind.

„Mein Körper gehört mir!”

Viele Niqābi wollen selbst bestimmen, wer ihre Schönheit sehen darf (und sie gehen davon aus, dass das Gesicht einer Frau an ihrer Schönheit maßgeblichen Anteil hat, auch wenn es nicht geschminkt ist) - nämlich nur ihr (zukünftiger) Mann. Immer mehr junge Mädchen wollen sich für ihren Zukünftigen aufheben und wählen darum den Niqāb.

„Nein!” zum Körperkult

Für manche Niqābi ist der Niqāb zudem ein „Nein!” zu einem Körperkult, der Frauen als jederzeit verfügbare Sexobjekte präsentiert („Sexyness”). Sie wollen den Blick anderer durch Verhüllung ihrer Reize auf ihre inneren Werte lenken. Sie wollen wegen ihrer inneren Werte beurteilt und geschätzt werden, nicht wegen ihres Aussehens, wegen ihrer natürlichen oder „aufgebrezelten” Schönheit. In dieser Beziehung ist der Niqāb das Gegenteil der „Burka des Westens” mit ihren - meine Worte! - hautengen Leggings, den Miniröcken, den High Heels, den grell geschminkten Gesichtern, den kunstfertigen Frisuren usw. bis hin zu den Silikonbrüsten, ein Gegenentwurf zu einer an Frauen gerichteten von patriarchalen Strukturen geprägten Erwartungshaltung, ihren Wert von anderen über ihre äußere Schönheit bestimmen zu lassen.

Manch ein junges Mädchen, das in unserer hypersexualisierten Gesellschaft mit ihrer sexistischen Übergrifflichkeit gegen junge Mädchen, die allzeit verfügbar sein sollen, Unsicherheit erlebt oder Verletzungen erfährt, wechselt von einer eher aufgedonnerten Kleidung (und sei es Kopftuch mit enger Jeans und viel Make-up) zu weiten Gewändern und Niqāb.

Wenn diese Mädchen ein solariumgebräuntes Äußeres, knallenge Hosen, Hot Pants, Miniröcke, aufgepuschte Brüste, grell geschminkte Gesichter und High Heels (und manche türkische Mädchen ihre voluminösen und geschickt gebundenen Kopftücher) von heute auf morgen gegen den Niqāb eintauschen, dann hat das auch etwas mit dem Gegensatz von Sexyness und Niqāb zu tun, von Zurschaustellung des Körpers und seiner Verhüllung. Sexyness ist gerade für Mädchen häufig anstrengend. Und die Jungs sind ihnen dabei alles andere als hilfreich. Die Gefühle dieser Mädchen fahren Achterbahn, die Angst, dass die ausgesendeten Signale falsch verstanden werden, sitzt immer im Nacken. Es ist ein Ausweg, auf Hidschāb oder Niqāb zu wechseln, ist auch ein Zeichen, als sensibles Mädchen in unserer hypersexualisierten und übergriffigen Gesellschaft hoffnungslos überfordert zu sein. Das Tuch bietet dem Mädchen Schutz und Sicherheit. Man kann sich vorstellen, was es für ein Mädchen in einer solchen Situation bedeutet, ihm das Tuch wegnehmen zu wollen. Es würde bedeuten, das Mädchen schutzlos zurückzulassen. Im schlimmsten Fall bleibt für ein ängstliches, verunsichertes Mädchen dann nur noch ein letzter Ausweg, das Leichentuch.

Schutz vor sexueller Belästigung

Natürlich spielt auch die Furcht vor sexueller Belästigung (durch anzügliche Blicke, eindeutige Gesten, Pfiffe, Worte oder Berührungen) oder Vergewaltigung für manche Niqābi eine Rolle.

Viele deutsche Frauen, die zum Islam konvertiert sind, haben die Erfahrung gemacht, dass sie nicht mehr wie früher sexuell belästigt werden, seitdem sie Hidschāb und mehr noch, seitdem sie Niqāb tragen (und sexuelle Belästigung ist nun einmal ein Problem, mit dem nahezu alle Frauen in unserer Gesellschaft zu tun haben). Insofern dient der Niqāb ihrem Schutz vor sexualisierter Gewalt und Herabwürdigung.

Freiwilligkeit

An dieser Stelle sei noch ergänzt, dass die meisten Niqābi ihren Niqāb freiwillig tragen. Mir ist bisher keine Niqābi begegnet, die etwas anderes geäußert hätte. Vermutlich - und dazu gibt es keinerlei belastbare Zahlen - gibt es Mädchen und Frauen, die zum Tragen des Niqāb (und mehr noch des Hidschāb) genötigt oder gezwungen werden, aber die Mehrheit bedeckt sich freiwillig und aus Überzeugung. Dafür gibt es eine ganze Reihe von Mädchen und Frauen, die von Eltern oder Ehemännern daran gehindert werden, Niqāb oder Hidschāb zu tragen.

Nonverbale Kommunikation: Ausdruck des Glaubens

Die Niqābi haben vielfältige Gründe, den Niqāb zu tragen. Für sie ist der Niqāb freilich auch Ausdruck ihrer Überzeugungen und ihres Glaubens.

Das einzig verlässliche Wörterbuch, mit dem wir diese Kommunikation übersetzen können, ist die religiöse Lehre.

Wir können davon ausgehen, dass eine Niqābi uns mitteilen möchte, dass sie Fitna fürchtet. Fitna ist im Islam in etwa so schlimm wie Schweinefleisch oder Alkohol - und wenn wir ein islamisches Alkohol- und Schweinefleischverbot akzeptieren, dann sollten wir auch das Fitna-Verbot und die damit einhergehende Verschleierung der Frauen mit dem Niqāb akzeptieren.

Natürlich ist der Niqāb auch ein Bekenntnis zu ihrer Religion. Sie will als gläubige Frau erkannt werden, als Muslima. Dabei wird manchmal vergessen, dass der Islam den Niqāb nicht ausschließlich für gläubige Muslima vorsieht, sondern allgemein für freie, in ehrbaren Verhältnissen lebende Frauen.

Für viele ist der Niqāb ein Zeichen der Freiheit, die sie im Islam gewonnen haben. Sie betrachten den Islam als frauenfreundliche Religion, die ihnen Freiheit bringt.

Außerdem betrachten viele Niqābi ihren Niqāb als Krone. Sie sagen, in der Religion sei die gläubige Frau eine Königin, und der Niqāb sei ihre Krone. Der Niqāb ist damit auch eine Erinnerung an ihre Männer, sie wie eine Königin zu behandeln, sie zu ehren, ihnen mit Respekt zu begegnen.

Gottes Geboten gehorchen

Eine Muslima (Umm AbduRahman bei Facebook) hat folgende Gründe genannt, warum sie Gottes Geboten - und damit auch dem Gebot, sich zu verschleiern) gehorcht:

  • „Gehorsam, ‚wir hören und gehorchen’ (Quran)
  • Liebe (Verbunden mit dem Wunsch, Allahs Liebe zu erlangen)
  • Hoffnung (auf Lohn usw.)
  • Angst (vor Gottes Zorn bzw. Strafe)
  • Nachahmung (dem Vorbild der Propheten عليه الصلاة و السلام und seinen männlichen und weiblichen Gefährten folgen)
  • Dankbarkeit ‚Und wenn ihr dankbar seid, werde Ich euch noch mehr geben’ (Quran)”

Diese Motive könnten nach Umm AbduRahman natürlich auch gleichzeitig vorkommen.

Gottes Geboten gehorchen erfordert manchmal, Schweres auf sich zu nehmen - etwa die Einschränkungen durch den Schleier. Die Frauen wollen damit durchaus auch zeigen, dass ihnen ihre Religion etwas bedeutet, dass sie dafür Einschränkungen auf sich nehmen.

Für viele sind die Einschränkungen durch den Niqāb Ausdruck dafür, dass sie es mit ihrer Liebe zu Allah und ihrer Dankbarkeit Allah gegenüber ernst meinen.

Liebe zu Gott

Zuletzt ist der Niqāb für viele Frauen, die ihn tragen, Ausdruck ihrer Liebe zu Gott, ein sichtbares Zeichen ihrer Verbundenheit mit Gott. Es ist ein offenes Bekenntnis, eine einzigartige Beziehung mit Gott zu führen. Viele Niqābi, die diesen Aspekt des Niqāb entdecken, stellen ihn allen anderen Gründen voran. Er ist dann nicht mehr vor allem Sunna oder Farḍ, nicht mehr vor allem ein Schutz vor Fitna - er ist vor allem anderen ausdrucksstarkes Zeichen ihrer tiefen und innigen Gottesbeziehung, ihrer Liebe zu Gott und ihres Wunsches, Gott zu ehren.