Stimmt es, dass es seit Januar 2017 ein Burkaverbot in Marokko gibt?

Nein, es gibt weder ein Burkaverbot noch - wie manchmal behauptet wird - ein Verbot der Vollverschleierung in Marokko.

Es gibt allerdings ein Verbot, den Khimar und/oder den Niqāb zu importieren, zu produzieren oder zu verkaufen. Die entsprechenden Geschäfte waren angewiesen worden, ihre Bestände zu vernichten.

Khimar und Niqāb dürfen jedoch weiterhin getragen werden.

Beide stammen von der arabischen Halbinsel, von wo sie ihren Weg auch nach Marokko gefunden haben. 

Der Khimar ist ein meist schwarzer hüft- bis knielanger Schleier für Oberkörper und Kopf, der das Gesicht unbedeckt lässt, der Niqāb ein zusätzlich zum Khimar getragener ebenfalls schwarzer Gesichtsschleier. Dazu werden oft auch noch schwarze Handschuhe getragen und ein knöchellager schwarzer Rock.

Andere Formen der Verschleierung, auch wenn diese das Gesicht bedecken, sind von dem Verbot nicht betroffen. Zu nennen sind da etwa der Haik und der Sefseri, die wie auch der Ǧallāba zu den traditionellen Kleidungsstücken in Marokko zählen.

Es handelt sich also nicht um ein Verbot der „Vollverschleierung“ oder des hierzulande fälschlich so genannten „Burka“ (eigentlich Chadri), wobei dieser in Marokko ohnehin nicht anzutreffen ist.

Hintergrund ist sehr wahrscheinlich der harte und unnachgiebige Kurs des marokkanischen Königshauses und der von ihm vertretenen Staatsreligion (malikitische Rechtsschule des sunnitischen Islam) gegen „fremde“ Strömungen des Islam, die ihren Ursprung etwa in Saudi-Arabien (z.B. Wahhabiyya und Salafiyya) oder Ägypten (z.B. Muslimbruderschaft und Salafiyya) haben.

Das Argument der Regierung, das Verbot solle die Sicherheit verbessern, ist offensichtlich vorgeschoben - da traditionelle Formen der Verschleierung des Körpers und auch des Gesichts erlaubt bleiben, kann dieses Verbot weder Kriminellen noch Terroristen Einhalt gebieten.

Wer glaubt, es ginge dem König um einen „toleranten Islam“ und um Frauenrechte, der irrt: Der marokkanische Islam wird vom Staat als Staatsreligion unbarmherzig gegen jede Kritik verteidigt und bedroht Kritiker mit harten Gefängnisstrafen.

Und Frauen und Männer haben laut Verfassung (von 2011) zwar gleiche Rechte, doch werden Frauen durch Gesetze und in der Gesellschaft diskriminiert (siehe http://www.humanrights.ch/de/service/laenderinfos/marokko/ für weitere Informationen). Laut Genfer Weltwirtschaftsforum rangiert Marokko bei den Frauenrechten auf Platz 133 von 142.

Nach der in Marokko vorherrschenden malikitischen Rechtsschule ist die Verschleierung des Gesichts grundsätzlich Sunna, doch sind Angst (vor begehrlichen Blicken) und Orte bzw. Zeiten der Fitna nach Meinung vieler Gelehrter Gründe für eine Verpflichtung, das Gesicht und die Hände zu bedecken. Auch ein nicht muslimischer Mann darf Hände und Gesicht der muslimischen Frau nach dieser Rechtsschule nicht sehen. In dieser Rechtsschule kann übrigens nach Meinung einiger Rechtsgelehrter auch Pflicht sein, dass die Frau bei Angst, in Zeiten und an Orten der Fitna sowie in Gegenwart nichtmuslimischer Männer nicht spricht.

In Marokko wird traditionell ein eher einfacher, häufig farbiger Niqāb (dort häufig als „Sefseri” bzw. als „Haik” bezeichnet) zur traditionellen Ǧallāba getragen. Manche Frauen tragen auch andere, häufig farbige oder bunte Kleidung, kombiniert mit einem Kopftuch.

In den 1970er Jahren hat Marokko auf Initiative des Königshauses engere Beziehungen mit Saudi-Arabien geflochten. In der Folge haben die Saudis in Marokko Schulen und Moscheen usw. errichtet - was freilich dazu führte, dass die wahhabitische Lesart des Islam in Marokko eine gewisse Verbreitung fand, damit natürlich auch die entsprechend geprägten Bekleidungsvorschriften und letztlich auch jene Kleidung, die von der arabischen Halbinsel stammt.

Darum sieht man heute zunehmend eher arabische Frauenkleidung - meist schwarz und mit einem ebenfalls schwarzen Niqāb, der einen schmaleren Schlitz für die Augen aufweist als der traditionelle marokkanische Gesichtsschleier, dazu manchmal auch Handschuhe.