„Wie wichtig ist die Sichtbarkeit des Gesichts für die Kommunikation? Ich habe gehört, die verbale Kommunikation macht nur 7 % aus, die nonverbale Kommunikation hingegen 93 %.

Diese 93 % sind somit unter dem Schleier unsichtbar, so dass er nicht in unsere offene Gesellschaft passt.”

Häufig hört man, 93 % der Kommunikation erfolge nonverbal, nur 7 % verbal, über die Sprache.

Forscht man genauer nach den Hintergründen für diese Behauptung, teilen sich die 93 % für die nonverbale Kommunikation weiter auf: 55 % für die Körpersprache (Gestik sowie Mimik) und 38 % für die Stimme.

Akustisch wären also schon 45 % der Kommunikation wahrnehmbar, 38 % entfallen auf die Stimme und 7 % auf die Sprache. Dazu kommen noch nichtsprachliche Lautäußerungen (z.B. lachen, stöhnen, seufzen, hüsteln).

Schaut man genauer hin, gelten die 55 % für Gestik und Mimik, die natürlich nicht vollständig auf das Gesicht entfallen und darum vom Gesichtsschleier bedeckt werden. Der Blickkontakt etwa, überaus wichtig für die nonverbale Kommunikation, bleibt beim Nikab in der Regel sichtbar.

Allerdings ist die sogenannte 55-38-7-Regel im Hinblick auf die Aufteilung der Kommunikation auf unterschiedliche Kanäle ein Mythos.

Hintergrund ist die Albert-Mehrabian-Studie von 1971, bei der es darum ging, von welchen Faktoren unsere Sympathie für andere Menschen, die wir nicht kennen, abhängt. Hierzu wurden Versuchspersonen einzelne neutrale Wörter in verschiedenen Sprechweisen vom Band vorgetragen, während sie Bilder von Personen mit unterschiedlicher Gestik und Mimik zu sehen bekamen. Sie sollten bewerten, wie sympathisch ihnen die unbekannte Person ist. Dabei stellten die Forscher fest, dass die Sympathie für Menschen, die wir nicht kennen, zu 55 % von der Körpersprache abhängt, zu 38 % von der Stimme und zu 7 % von den Worten..

Wie sich verbale und nonverbale Kommunikation aufteilen, dazu sagt diese Studie, die ja zudem unter Laborbedingungen und mit neutralen Wörtern entstanden ist, nichts.

Ein anderer Mythos beruft sich auf eine Studie des Allensbach-Institutes für Demoskopie und der Universität Mainz von 2006. Aus dieser Studie wurde von manchen abgeleitet, Gestik und Mimik machten 55 % der Kommunikation aus, 26 % entfielen auf die Stimme und 19 % auf die sprachliche Mitteilung.

Tatsächlich haben die Forscher im Auftrag des Verbandes der Redenschreiber deutscher Sprache und der Deutschen Public Relations Gesellschaft gefragt, „welchen Anteil haben Text, Erscheinungsbild des Redners, Betonung und Gestik an der Gesamtwirkung eines Vortrags?“ (so der Titel der Studie).

Die Forscher haben hierfür Fachvorträge zu Themen erstellen lassen, zu denen in der Bevölkerung unterschiedliche Meinungen vertreten werden. Diese Vorträge wurden zuerst in ihrer Schriftform von einer Kontrollgruppe auf ihre Überzeugungskraft hin bewertet. Danach haben professionelle Redner die Vorträge mit unterschiedlicher Körpersprache und Stimme vorgetragen, und wieder sollten Testpersonen bewerten, wie überzeugend sie den Vortrag fanden.

Dabei fanden die Forscher heraus, dass Stimme und Körpersprache nur wenig an Wirkung auf die Zuhörer hinzufügen, wenn der fachliche Inhalt der Rede überzeugend ist.

Ist der fachliche Inhalt der Rede hingegen weniger überzeugend, dann üben Stimme und Körpersprache eine stärkere Wirkung auf die Zuhörer aus.

Auch diese Studie sagt nichts darüber aus, welchen Anteil die Kommunikationskanäle auf die Kommunikation haben.


Tatsächlich gibt es zahlreiche Kommunikationskanäle. Die bekanntesten sind für die verbale Kommunikation die Laut-, Gebärden- und Schriftsprache und für die nonverbale Kommunikation Stimme, Tonfall, nichtsprachliche Lautäußerungen, Körperhaltung, Kopfhaltung, Bewegungen, Mimik, Gesten, Blickkontakt.

Erstaunlicherweise spielen auch Wohnungseinrichtung und Wohnort wichtige Rolle für die nonverbale Kommunikation, ebenso körperliche Merkmale (Gewicht, Hautfarbe, Haarfarbe usw.), Bekleidung, Anhaftungen an der Kleidung oder am Körper, Make-up, Schmuck, Tätowierungen, Berührungen und Haptik, interpersonelle Distanz, interpersonelles Verhalten (Höflichkeit usw.), Gerüche, Schwitzen oder Schweißausbrüche, Veränderungen der Pupille oder der Blickrichtung, Mikroexpressionen, das Erröten, das Schriftbild und vieles andere.

Und all das wird stark beeinflusst von unserer Kultur. Nehmen wir etwa die Mimik: Europäer achten auf das ganze Gesicht, vor allem aber auf den Mund- und Kinnbereich. Ostasiaten hingegen konzentrieren sich auf die Augen. Man spricht darum von einer Mimik-Barriere. Kulturelle Unterschiede sind überhaupt sehr mächtige Barrieren für die Kommunikation. Weitaus mächtiger als ein Nikab, den eine Frau nicht einmal ständig trägt, sondern nur in Gegenwart fremder Männer.

Wir Menschen kommunizieren also auf sehr, sehr vielen Kanälen. Und wir wüssten gerne, welche Bedeutung, welcher Anteil am Gesamtpaket welchem dieser Kanäle zukommt. Leider gibt es bis heute keine Studie, die uns darüber verlässlich aufklärt. Was wir darüber zu wissen meinen, beruht auf rein subjektiven Eindrücken, nicht auf Fakten. Und oft beruht es auf Mythen wie der 55-38-67-Regel. Damit lässt sich dann nur postfaktische Politik betreiben.

Grundsätzlich gilt: Ohne verbale Kommunikation, also Laut-, Gebärden- oder Schriftsprache, geht gar nichts. Wenn wir uns einen Film in einer uns nicht bekannten Sprache ansehen, hilft uns die ganze nonverbale Kommunikation der Schauspieler, ihre Mimik, ihre Gestik, ihre Körperhaltung, nicht dabei, der Handlung des Films zu folgen. Auch Stummfilme waren nur durch zusätzliche Hilfen, etwa eingeblendete Texte, für die Zuschauer verständlich.

Menschen, die blind sind, Gesichter nicht erkennen können (Prosopagnosie) oder Mimik nicht zu lesen und/oder auszudrücken vermögen, sind dennoch in der Lage, sehr erfolgreich zu kommunizieren, auch wenn für sie bildlich gesprochen jeder Mensch einen Gesichtsschleier trägt (oder gar komplett unsichtbar ist).

In vielen Fällen, vor allem im Alltag, reicht die verbale Kommunikation aus, um alle nötigen Informationen zu übermitteln. Darum können wir am Telefon, im Brief- oder Mail-Verkehr, in Web-Konferenzen usw. auch wichtige Themen erörtern. Darum können wir einer Radiosendung zuhören, eine Dokumentation im Fernsehen verfolgen, deren Sprecher nicht auf dem Bildschirm zu sehen ist.


Die nonverbale Kommunikation ist überaus hilfreich, das steht außer Frage. 

Und weil sie auf vielen Kanälen erfolgt, längst nicht nur über das Gesicht, wird sie auch durch den Gesichtsschleier einer muslimischen Frau nicht vollständig verdeckt. Selbst ihre Kleidung ist nonverbale Kommunikation. Was wir nicht sehen, sind die Mimik oder ein etwaiges Erröten.

Im direkten Gespräch verwenden wir die nonverbale Kommunikation häufig zielgerichtet, um:

  • klarzustellen, dass eine verbale Äußerung nicht wörtlich gemeint ist, sondern z.B. sarkastisch, ironisch
  • bewusst nonverbal auf eine nonverbale oder verbale Äußerung zu reagieren
  • anzudeuten, dass eine verbale Äußerung nicht möglich ist bzw. unterbleiben sollte

Da wir das bewusst tun, achten wir natürlich darauf, dass unser Gegenüber uns versteht.

Eine Frau, die Niqāb trägt, wird also nicht ihren Mund verziehen oder die Stirn kräuseln, weil das niemand sehen würde. Sie wird einen anderen Kommunikationskanal wählen.


Was wir bei dem Thema „Nikab und Kommunikation” leicht vergessen: Die Frau mit dem Niqāb kennt sehr wohl auch unsere Situation.

In der Öffentlichkeit trifft sie immer wieder andere Frauen mit Gesichtsschleier, mit denen sie kommuniziert, ohne deren Mimik sehen zu können. Es ist nicht dieses schwarzweiß gedachte „wir - sie”, dass „uns” nur auf der einen und „sie” nur auf der anderen Seite des Schleiers sieht, eine Barriere, bei der die jeweiligen Aufstellungen an der Frontlinie klar wären. Auch sie kennt die Kommunikation mit dem Blick in ein verschleiertes Gesicht. Sie kennt beide Seiten. 

Kleidung, das sei zum Abschluss unserer Beschäftigung mit der nonverbalen Kommunikation noch angemerkt, gehört selbst zur nonverbalen Kommunikation. Das gilt freilich auch für den Niqāb einer muslimischen Frau. Ihn ihr zu verbieten schränkt Kommunikation ein. Dies um so mehr, falls sie aufgrund eines Verbots ihre vier Wände nicht mehr verlässt, den öffentlichen Raum nicht länger aufsucht.


Der letzte Teil der Frage sprach die sogenannte „offene Gesellschaft” an. Auch hierauf möchte ich noch eingehen.

Die „offene Gesellschaft” ist eigentlich ein auf Karl Popper zurückgehendes freiheitliches Gesellschaftsmodell. Hier geht es vor allem darum, die von Popper so genannten „kritischen Fähigkeiten des Menschen” freizusetzen.

Die „offene Gesellschaft” ist eine freiheitliche Gesellschaft kritischer Bürger. Die „offene Gesellschaft” mischt sich in die Bekenntniswahl und die Religionsausübung der Bürger nicht ein. Soziale Bindungen, Traditionen und überlieferte Sitten spielen für die „offene Gesellschaft” eine untergeordnete Rolle. Eine größere Rolle spielen die Grundrechte; sie bilden das „Sittengesetz” der „offenen Gesellschaft”.

Die „offene Gesellschaft” akzeptiert, dass eine muslimische Frau den Gesichtsschleier trägt, solange sie dies aus freien Stücken tut, und sucht nach Möglichkeiten der Integration und der Kommunikation. Sie wird die Verschleierung nur da einschränken, wo dies nach Faktenlage absolut notwendig ist.

Ein postfaktischer Umgang mit der Gesichtsverschleierung, wie wir ihn derzeit häufig erleben, passt nicht zu einer offenen Gesellschaft.