Sollte man das Tragen von Niqāb und Burka nicht verbieten, weil die Frauen - zumindest die meisten von ihnen - dazu gezwungen werden?

Es gibt keine Studien, ob Mädchen und Frauen in Deutschland dazu gezwungen werden, einen Niqāb zu tragen - und wie viele Frauen dies womöglich betrifft.

Niemand würde behaupten, dass absolut keine der Frauen, die Niqāb tragen, dazu gedrängt, genötigt oder gezwungen wird. Es gibt solche Mädchen und Frauen, auch in Deutschland.

Da in Deutschland schätzungsweise zwei von drei Frauen, die Niqāb tragen, keinen entsprechenden familiären Hintergrund haben (das heißt, die weiblichen Verwandten tragen keinen Niqāb), kann man bei diesen Frauen von Freiwilligkeit ausgehen. Das sind Frauen, die zum Islam konvertiert sind oder solche, die innerhalb des Islam die Glaubensrichtung gewechselt haben. Schätzungsweise ein Drittel der Frauen, die Niqāb tragen, tun dies aus familiärer Sitte. Bei ihnen kann man jedoch häufig feststellen, dass einige der Mädchen und Frauen aus der Familie Niqāb tragen, andere aber nicht. Dazu kommt die Beobachtung, dass einige Frauen ihren Niqāb nicht ständig, sondern nur zeitweise tragen (etwa beim Besuch der Moschee, an besonderen Feiertagen usw.). Das spricht gegen Zwang.

Man darf annehmen, dass hierzulande die meisten Frauen ihren Niqāb freiwillig tragen, nicht gezwungenermaßen. Viele von ihnen wenden sich gegen den Zwang zur Verschleierung - sowohl aus Gründen der Frauenrechte als auch aus religiösen Gründen; denn sehr religiöse Muslime legen Wert darauf, dass Muhammad Zwang in der Religion untersagt hat.

Nun gibt es aber durchaus Mädchen und Frauen, die zur Verschleierung gezwungen werden - nicht nur zum Tragen des Niqāb, sondern viel häufiger zum Tragen des Hidschāb, was seltener rein religiöse Gründe hat als vielmehr Gründe in der religiös verbrämten Folklore, in den Traditionen usw.

In diesem Fall greift im deutschen Strafrecht § 240 StGB Nötigung: „Wer einen Menschen rechtswidrig mit Gewalt oder durch Drohung mit einem empfindlichen Übel zu einer Handlung, Duldung oder Unterlassung nötigt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.” In besonders schweren Fällen kann die Tat sogar mit einer Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren geahndet werden. Und schon der Versuch einer Nötigung ist strafbar - was die meisten Befürworter eines Burkaverbotes, die damit Zwang verhindern wollen, gar nicht in ihren Vorschlägen berücksichtigen - sie wollen nur diejenigen Frauen bestrafen, die mit dem ihnen mutmaßlich aufgezwungenen Schleier in der Öffentlichkeit sichtbar sind.

Da wir § 240 StGB haben, drängt sich die Frage auf, ob man ein spezielles Burkaverbot benötigt, um den Zwang zur Verschleierung zu ahnden. Die Befürworter bejahen dies mit dem Hinweis, dass die Frauen sich nicht trauen würden, gegen die Nötigung vorzugehen, darum müsse man den Zwang durch ein Burkaverbot beenden, unmöglich machen.

Dann stellt sich aber die Frage, warum man dann nicht auch Kopftücher, wegen etwaiger Zwangsehen die Ehen, wegen etwaiger Zwangsprostitution die Prostitution usw. verbietet? Manche Frauen werden etwa im Porno- und Prostitutionsgeschäft bzw. von sogenannten Loverboys gezwungen, besonders sexy auszusehen - durch Make-up, aufreizende Kleidung, ein bestimmtes Outfit usw. Sollte man das dann nicht auch alles verbieten? Können wir uns sicher sein, dass alle Schönheitsoperationen an Frauen von diesen aus freien Stücken gewünscht werden und nicht nur, weil der Partner sie dazu nötigt?

Als Mann fällt es mir sehr schwer, mir vorzustellen, dass Frauen freiwillig enge Schuhe mit hohen Bleistiftabsätzen oder Miniröcke tragen - ich würde niemals freiwillig hohe Absätze oder einen Minirock, nicht einmal einen Kilt, tragen. Ich würde mir niemals freiwillig die Poren meiner Gesichtshaut mit Farbe verkleistern, mit schweren Schmuck an meine Ohrläppchen hängen, meine Beine rasieren. Ich kann mir nicht vorstellen, mich kosmetischen Operationen zu unterziehen oder irgend einem Schönheitsideal genügen zu wollen. Soll ich deswegen annehmen, dass Frauen das alles nur unter Zwang mit sich machen lassen - und nicht, weil sie es mögen, weil sie sich so schön fühlen, sich so aus Frauen wohl fühlen? Sollte ich deswegen ein Verbot all dieser Dinge befürworten? Nur weil ich es mir (als Mann) nicht vorstellen kann, dass Frauen so etwas freiwillig mit sich machen, mit sich machen lassen? Soll ich Prostitution verbieten, weil ich mir (als Mann) nicht vorstellen kann, dass eine Frau so etwas freiwillig macht? Soll ich Masochismus und Submission verbieten, weil ich mir nicht vorstellen kann, dass eine Frau sich wohl fühlt, wenn sie sich unterwirft, devot oder submissiv ist, sich fesseln, knebeln, eine Augenbinde anlegen, sich womöglich sogar Schmerzen zufügen lässt?

Nein - ich halte die Freiheit für viel zu wichtig, auch wenn es für mich unvorstellbar ist, dass eine Frau so etwas freiwillig mit sich geschehen lässt (und falls doch, würde ich zuerst die Männer bestrafen wollen, die so etwas den Frauen antun, nicht aber die Frauen).

Wohl niemand würde zustimmen, irgend etwas davon zu verbieten - darum ist es abwegig, diesem Prinzip bei der Verschleierung zu folgen.

Nein, wenn Männer Frauen zu irgend etwas zwingen, sei es sexualisierte Gewalt, sei es Zwangsprostitution, was auch immer - dann verfolgen wir die Männer strafrechtlich.

Tatsächlich bietet § 240 StGB die notwendigen Mittel, um Personen strafrechtlich zur Verantwortung zu ziehen, die eine Frau zur Verschleierung zwingen. Ein Burkaverbot, um den Zwang zu verhindern, würde hingegen diejenigen Frauen in ihrer Freiheit einschränken, die sich freiwillig verschleiern. Und Freiheit gibt es nur da, wo Frauen selbst entscheiden können, ob sie mit Minirock, High Heels, Hidschāb oder Niqāb in die Öffentlichkeit treten und sich dort als Frauen wohl fühlen können. Das ist Gleichberechtigung.

Ein Burkaverbot zum Schutz der Frauen vor Nötigung und Zwang ist hingegen nichts anderes als Paternalismus und setzt patriarchale Strukturen unter dem Deckmantel des Schutzes der Würde der Frauen und der Religionsfreiheit um.

Weiter ist zu fragen, ob ein Burkaverbot Frauen, die zur Verschleierung gezwungen wird, überhaupt zu helfen vermag.

Es ist wohl so, dass eine Frau, die zur Verschleierung gezwungen wird, noch ganz andere und weit größere Probleme hat. Darf sie überhaupt das Haus verlassen, wenn es nicht unbedingt nötig ist - und wenn, darf sie das Haus dann überhaupt alleine verlassen oder nur in aufgezwungener Begleitung? Ist sie sexualisierter Gewalt ausgesetzt? Darf sie ihr Recht auf Bildung und Beschäftigung wahrnehmen? Darf sie frei ihren Aufenthaltsort bestimmen? Darf sie frei entscheiden, zu jedem Zeitpunkt an einen Ort ihrer Wahl zu reisen?

Eine Frau, die zur Verschleierung gezwungen wird, dürfte in der Tat sehr viele Einschränkungen ihrer Freiheit, ihrer Würde und ihrer Gleichberechtigung erleben. Der Niqāb mag eines ihrer kleineren Probleme sein - und ein Burkaverbot würde allenfalls das eine kleine Problem lösen, das wir sehen, würde es nicht aus der Welt, aber aus unserem Blick schaffen.

Freilich ist nun zu befürchten, dass sie ihr Haus gar nicht mehr verlassen darf. Aus dem Zwang zur Verschleierung wird das Eingesperrtsein in den eigenen vier Wänden - und niemand wird ernsthaft glauben, ihr Mann würde nur deswegen darauf verzichten, weil er ja keine Lust habe, selbst einkaufen zu gehen. Wer erzwingen will, dass die Frau ihr Haus verlassen kann, muss vorschreiben, dass jede Frau jeden Tag so und so lange nachprüfbar in der Öffentlichkeit unterwegs ist.

Die Frau ist nun also in ihrem Hause eingesperrt - und weiterhin den anderen Einschränkungen ihrer Freiheit, ihrer Würde, ihrer Gleichberechtigung ausgesetzt. Wir aber fühlen uns gut, weil wir die Frauen „befreit” haben; denn das mutmaßliche Instrument ihrer Unterdrückung und Unfreiheit sehen wir ja nicht mehr. Kein Schleier, alles gut - an diesem Punkt endet die Fürsorge der Befürworter eines Burkaverbotes, die damit Frauen befreien wollen.

Dass die Frauen nun auch keine Gelegenheit mehr haben, unter Menschen zu kommen, an der Gesellschaft teilzuhaben, an Bildungsangeboten zu partizipieren, sich womöglich Hilfe zu holen, um sich aus einer familiären Notlage zu befreien, das ist eher nicht von Interesse für diese selbsternannten Retter der muslimischen Frauen. Sie wollen etwaiges Leid nicht lindern, sie wollen es unsichtbar machen. Ein Verbot soll es richten, auch wenn das bedeutet, das keine einzige muslimische Frau davon einen Vorteil hat.

Es hilft keiner der zur Verschleierung gezwungenen Frauen (schon gar nicht denen, die zwar nicht zur Verschleierung ihres Gesichts, aber zur Verschleierung ihres Körpers, ihres Kopfes und ihres Haars gezwungen werden), es bringt keiner von ihnen Freiheit, Gleichberechtigung oder Würde, es verhilft keiner von ihnen dazu, sich besser zu integrieren.

Es verurteilt die sich freiwillig verschleiernden Frauen dazu, entweder gegen das Verbot zu verstoßen - oder ihr Haus nicht mehr zu verlassen. Freiheit erlangen sie durch dieses Verbot nicht.

Hat irgend jemand ein Vorteil von einem solchen Verbot? Ein reines Burkaverbot bestraft nur die Frauen, sowohl diejenigen, die sich freiwillig verschleiern als auch jene, die zur Verschleierung gezwungen werden. Es bestraft aber nicht die Personen, die Mädchen oder Frauen zur Verschleierung ihres Gesichts (oder ihres Körpers, ihres Kopfes oder ihrer Haare) nötigen oder zwingen. Diese Männer sind fein raus. Sie müssen jetzt einfach nur ihre Frauen zu Hause einsperren und haben keine Nachteile zu befürchten.