Der Niqāb verhindert doch, dass man die Mimik einer Person erkennen kann. Die Mimik ist aber für die menschliche Kommunikation unerlässlich. Sollte man darum den Niqāb nicht verbieten?

Es stimmt, der Niqāb ist eine sogenannte Mimik-Barriere.

Und er ist nicht die einzige, weitere Mimik-Barrieren sind z.B.:

  • Blindheit
  • Prosopagnosie (Unfähigkeit, Gesichter zu erkennen, häufig einhergehend mit der Unfähigkeit, die Mimik zu erkennen und zu deuten)
  • (Asperger-) Autismus (häufig einhergehend mit der Unfähigkeit, die Mimik zu erkennen und zu deuten)
  • Kulturelle Unterschiede zwischen z.B. erstens Europäern, Amerikanern usw., zweitens (Ost-) Asiaten, drittens Subsahara-Afrikanern usw.

In diesem Artikel soll es nur um den letzten Punkt gehen.

Mimik ist weder im Hinblick auf den Ausdruck noch auf das Erkennen eine angeborene Fähigkeit; sie wird erlernt und unterliegt kulturellen Unterschieden. Dabei gilt, dass wir Teile unserer Mimik bzw. der dafür verwendeten Muskeln bewusst steuern können (insbesondere in der Mund- und Kinnpartie), andere hingegen nicht (Augen).

Asiaten etwa konzentrieren sich auf die Mimik der Augen, Europäer, Amerikaner usw. hingegen mehr auf die Mund- und Kinnpartie. Wenn Menschen ein Foto anschauen, um die Gefühlslage aus der Mimik abzulesen, schauen Europäer, Amerikaner usw. auf das ganze Gesicht, Chinesen, Japaner, Koreaner usw. hingegen nur auf die Augen. Und wenn wir Europäer oder Amerikaner auf Asiaten treffen, erscheinen uns ihre Gesichter emotionslos, weil sich ihre Mimik so gut wie gar nicht im Bereich des Mundes und des Kinns abspielt.

Ein weiterer kultureller Unterschied besteht darin, dass Europäer, Amerikaner usw. gelernt haben, bei Bedarf mit der Mimik von Mund- und Kinnpartie das zu verschleiern, was sie eigentlich meinen. Wir alle kennen das falsche Lächeln, das die Augen nicht erreicht, dass bei vorgetäuschter Wut oder Enttäuschung oder Trauer stark bewegte Kinn. Wir sind so gut darin, mit der Mimik von Mund und Kinn zu verschleiern, was wir eigentlich meinen, dass wir nur in etwa 50 % der Fälle richtig liegen, wenn wir die Glaubwürdigkeit einer Äußerung beurteilen sollen - ebenso gut könnte man eine Münze werfen. Forscher haben herausgefunden, dass die Wahrscheinlichkeit, eine Aussage korrekt auf ihre Glaubwürdigkeit zu bewerten, ansteigt, wenn die Person einen Niqāb trägt (Link).

Mimik ist für uns Europäer, Amerikaner usw. vor allem ein Werkzeug, die Glaubwürdigkeit dessen, was wir sagen, zu unterstreichen. Wir glauben, eine ausdruckstarke Mimik im Bereich von Mund und Kinn sei unverzichtbar für Kommunikation, wir glauben auch, wir könnten daran erkennen, wer die Wahrheit sagt und wer lügt - obwohl wir alle immer wieder unsere Mimik verwenden, um zu verschleiern, was wir eigentlich meinen.

Eine eher unbewegte oder auch verdeckte Mund- und Kinnpartie macht uns misstrauisch, lässt uns annehmen, unser Gegenüber verschweige uns etwas, sei verschlagen, wolle seine Gedanken nicht verraten, kämpfe nicht offenem Visier, kommuniziere nicht mit offenem Gesicht. So gab es früher (und teilweise auch heute noch) entsprechende Vorurteile gegen Chinesen, Japaner oder Koreaner - und heute gegen Frauen, die Niqāb tragen.

Interessant ist dabei, dass Asiaten in der Regel weit weniger Probleme mit Frauen haben, die Niqāb tragen - weil sie sich auf die Augen konzentrieren, nicht auf die Mund- und Kinnpartie.

Es handelt sich also wie schon gesagt um Kultur, es ist angelernt.

Und wenn wir es lernen können, mit Asiaten zu kommunizieren, dann können wir es auch lernen, mit Frauen zu kommunizieren, die Niqāb tragen.

Immerhin bedeutet Niqāb: Die Frau kann das, was sie meint, nicht mit der Mimik ihrer Mund- und Kinnpartie verschleiern. Ein falsches Lächeln wird niemals sichtbar, weil es die Augen nicht erreicht. Die vorgetäuschte Wut, Trauer oder Enttäuschung wird nicht sichtbar, weil wir die starken Bewegungen des Kinns gar nicht sehen.

Der Schleier verschleiert nicht nur das Gesicht, sondern auch eine Mimik, mit der wir verschleiern, was wir eigentlich meinen oder fühlen. Damit entschleiert er gewissermaßen, was wir eigentlich meinen, fühlen, was in den Augen sichtbar wird.