Kommt der Gesichtsschleier in der Bibel vor?

Ja, er kommt in der Bibel vor.

Folgende Frauen (und ein Mann) aus der Bibel sind namentlich zu nennen:

  • Rebekka, die ihr Gesicht verschleiert, ehe sie erstmals ihrem Bräutigam Isaak begegnet (1. Mose 24,65)
  • Lea, die in der Hochzeitsnacht vermutlich wegen ihres Gesichtsschleiers nicht von Jakob erkannt wird (1. Mose 29,20-25)
  • Tamar, die ihr Gesicht verschleiert, um nicht erkannt zu werden (1. Mose 38,14-19)
  • Mose, der sein glänzendes Angesicht bedeckt (2. Mose 34,29-35; vgl. mit anderer Erklärung 2. Korinther 3,13-16)
  • Sulamith, wie die Braut im Hohelied möglicherweise hieß (Hohelied 4,1; 4,3; 6,7; zum Namen siehe 7,1)
  • Susanna, die verschleiert vor Gericht erscheinen muss, wo sie entschleiert wird (deuterokanonisch; Daniel 13,30-33 bzw. ev. Stücke zu Daniel 1,30-33)

Vermutlich trugen die meisten Frauen der Bibel, auch Maria, die Mutter Jesu und seine anderen weiblichen Verwandten, einen Gesichtsschleier. Es war im Orient selbstverständlich, so dass es in der Bibel meist nicht ausdrücklich erwähnt werden musste.

Siehe auch Rebekka und ihre Schwestern - Verschleierung in der Bibel.

In arabischen Bibelübersetzungen kann der Gesichtsschleier übrigens نقاب (Niqāb) genannt werden, was wörtlich übersetzt einfach nur „(Gesichts-) Schleier oder Maske” bedeutet. In türkischen Bibelausgaben finden wir hierfür den Begriff Peçe, der die gleiche Bedeutung hat.

In arabischen Bibelübersetzungen kann ein Schleier als برقع‎‎ (Burqu') bezeichnet werden, was wörtlich übersetzt „Schleier, Bedeckung, Verhüllung” bedeutet.

So begegnen uns in arabischen Bibelausgaben die Begriffe „Niqab” und „Burka”.

An den Frauen der Bibel sehen wir, dass der Gesichtsschleier zur biblischen Überlieferung und damit zur jüdisch-christlichen Kulturgeschichte gehört.

Seit Jahrhunderten tragen jüdische Frauen einen Šal, wie der „Frumka” eigentlich genannt wird. Dies geht auf den Babylonischen Talmud zurück. 

Noch vor 500 Jahren trugen christliche Frauen in Byzanz einen Gesichtsschleier. Und noch in den 1930er Jahren, bis Franco es verboten hat, trugen christliche Frauen in der südspanischen Provinz Cádiz einen Gesichtsschleier. Auch bei manchen Nonnen (beispielsweise Karmeliterinnen) war noch vor Jahrzehnten das Tragen eines Gesichtsschleiers bei einigen Gelegenheiten Sitte.

Heute kennen wir noch den Brautschleier und den Trauerschleier, die manchmal das Gesicht bedecken.

Muslimische Frauen, die Niqāb tragen, erinnern uns damit an Frauen der Bibel, an unsere eigene Kulturgeschichte. Sie sind uns damit weniger fremd, als wir gerne annehmen.