Darf eine Frau ihren Niqāb abnehmen, wenn sie als Angeklagte oder Zeugin an einer Gerichtsverhandlung teilnimmt?

Die meisten islamischen Gelehrten sagen, dass eine Frau den Niqāb abnehmen darf, wenn sie vor Gericht eine Aussage machen soll - für manche Gelehrte gilt dies sogar als Farḍ (Pflicht).

Es wäre dann keine Sünde, wenn sie den Niqāb während ihrer Aussage abnimmt.

Nur wenige Gelehrte sagen, dass die Pflicht, Niqāb zu tragen, auch während einer Gerichtsverhandlung Geltung besitzt (zumindest dann, wenn die Frau Fitna fürchtet, wenn sie ihre Aussage unverschleiert macht).

Ist es für eine Frau Farḍ, Niqāb zu tragen, so muss sie abwägen, ob diese Pflicht schwerer wiegt als die Pflicht, vor Gericht den Niqāb abzulegen.

Frauen, die wegen ihres Glaubens oder wegen ihres Hidschāb oder Niqāb Opfer rassistischer (und häufig auch sexistischer) Gewalt durch Männer wurden, tun sich vor Gericht oft schwer damit, den Niqāb abzulegen - vor allem vor dem Angeklagten. Es wäre für sie so, als würde der Täter über sie triumphieren.

Es gibt auch muslimische Frauen, die erst durch eine rassistische Gewalttat oder durch sexualisierte Gewalt (oder die Erfahrung fortgesetzter Gewalt) begonnen haben, den Niqāb zu tragen bzw. ihn sogar als Farḍ zu betrachten.