Im Qurʾān steht nichts davon, dass Frauen einen Niqāb tragen sollen. Warum tun sie es trotzdem?

Manche islamische Theologen verstehen bestimmte Ayat (Verse) des Qurʾān so, dass darin tatsächlich die Verschleierung des Gesichts verlangt wird (z.B. Sure 24:31; 33:59; siehe auch 33:53).

Der arabische Begriff „Ǧilbāb”, den wir im Koran finden (Sure 33:59), bedeutet vermutlich „herunter ziehen”. Muhammad begründet die Pflicht für Frauen, etwas von ihrem Gewand über den Kopf herunter zu ziehen, damit, das die Frauen als ehrbare Frauen erkannt und nicht belästigt werden sollen. Ob Muhammad im Hinblick auf eine mögliche Belästigung der Frauen generell an Männer denkt oder lediglich an die nichtmuslimischen Männer, ist nicht klar.

Der frühe islamische Exeget und Rechtsgelehrte ʿAbdallāh ibn ʿAbbās, ein Cousin Muhammads, hat diesen Begriff im 7. Jahrhundert auch auf eine Bedeckung des Gesichts bezogen, worauf sich heute viele Muslime beziehen, die von einer Pflicht zum Tragen des Niqāb ausgehen.

Vor allem aber ist im Islam der Qurʾān nicht die einzige Offenbarung Gottes. Gott hat sich nach Überzeugung der Muslime sowohl in einer niedergeschriebenen Weise offenbart (al-qurʾān) als auch durch die Lebensweise und die Verhaltensweisen Muhammads (Sunna) offenbart.

Nach den vier traditionellen Rechtsschulen des sunnitischen Islam ist der Niqāb demgemäß Sunna (empfehlenswert) bzw. Mustaḥabb (wünschenswert) und unter bestimmten Umständen Farḍ (Pflicht).

Der arabische Begriff „Niqāb” bedeutet übrigens einfach nur „Schleier”, bezeichnet also kein bestimmtes Kleidungsstück, sondern jedwede Verschleierung des Gesichts. Er kommt darum auch in arabischen Bibelübersetzungen vor.

Übrigens kommt auch der so genannte Schleier, den Nonnen häufig tragen, so in der Bibel nicht vor. Hierzu wird zwar häufig auf 1. Korinther 11,2-16 verwiesen, aber Paulus schreibt über die Kopfbedeckung von Männern und Frauen während des Betens und prophetischen Redens im Gottesdienst der Korinther (Korinth war eine römische Kolonie, und Paulus beschreibt genau die üblichen römischen Sitten, an die sich auch die korinthischen Christen halten sollten). Das Kopftuch der Nonnen hat seinen Ursprung aber in der von den Römern übernommenen Kopfbedeckung freier, ehrbarer Ehefrauen, denen die unverheirateten Nonnen gleichgestellt werden sollten (dies hat sich später mit dem Häubchen der Diakonissen wiederholt).

Wenn heute christliche Frauen beim Gottesdienstbesuch in westlichen Ländern eine Kopfbedeckung tragen, so folgen sie zwar dem Wortlaut von 1. Korinther 11 - übersehen dabei aber, dass es Paulus eigentlich darum geht, dass sich die Christen in ihrem Gottesdienst örtlichen Sitten anpassen. Wo diese Sitten keine Kopfbedeckung vorschreiben, ist eine Kopfbedeckung im Gottesdienst auch nicht biblisch. Biblisch ist unter solchen Umständen der Verzicht auf eine Kopfbedeckung im Gottesdienst.

Und auch die Kippa jüdischer Männer kommt in der jüdischen Bibel bzw. der Thora nicht vor - sie wird allerdings im Talmud beschrieben (allerdings nicht vorgeschrieben). Die Kopfbedeckung jüdischer Frauen (Tichel bzw. Kopftuch, Scheitel bzw. Perücke oder Hut) wird auch nicht von der jüdischen Bibel bzw. der Thora vorgeschrieben (allerdings im Talmud).

Wenn wir freilich den Schleier der Nonne, das Häubchen der Diakonisse oder die Kopfbedeckung christlicher Frauen (Schleier) und Männer (keine Kopfbedeckung) als „christlich” betrachten und die Kopfbedeckung jüdischer Männer (Kippa) und jüdischer Frauen (Tichel oder Scheitel) als „jüdisch”, obwohl es so nicht in der Bibel geboten ist, dann müssen wir auch den Niqāb muslimischer Frauen als „muslimisch” betrachten, auch wenn der Begriff im Qurʾān nicht expressis verbis vorkommt. Und wenn wir davon ausgehen, dass etwa bei den Juden Kippa, Tichel oder Scheitel als religiöse Gebote zu verstehen sind, dann müssen wir beim Niqāb die gleichen Maßstäbe anlegen.