Uns ist es ja häufig wichtig, dass wir in der Öffentlichkeit andere Personen erkennen und mit ihnen kommunizieren können - und zwar egal, ob sich um Männer oder Frauen handelt. Was aber ist eigentlich den Frauen, die Niqāb tragen, in der Öffentlichkeit wichtig?

Das ist natürlich bei jeder dieser Frauen individuell unterschiedlich.

Die folgenden Punkte sind nicht jeder Niqābi gleichermaßen wichtig - und auch nicht in dieser Reihenfolge:

Öffentliches Bekenntnis ihrer Liebe zu Gott

Die Frauen wollen ein öffentliches Bekenntnis ihrer Liebe zu Gott abgeben.

Die Öffentlichkeit als ein religionsfreier Raum ist ihnen fremd. Das Fehlen religiöser Zeichen wird eher als antireligiöse Aussage aufgefasst.

Fitna vermeiden

Ein wichtiger Punkt ist für viele Frauen, Fitna, also jegliche Versuchung, zu vermeiden.

Sie wollen nicht nur sich selbst, sondern auch die Männer schützen. Dabei geht es nicht darum, dass sie glauben, jeder Mann würde über sie herfallen, wenn sie mehr als nur ihre Augen herzeigen würden.

Sie wollen aber vermeiden, dass sich auch nur ein Mann für sie interessiert oder in sie verguckt - in ihrem eigenen Interesse und im, wie sie voraussetzen, auch im Interesse der Männer.

Die Frauen glauben übrigens nicht - ein großes westliches Missverständnis -, dass nur die Frauen die Verantwortung dafür tragen, dass es nicht zu „Unzucht” kommt, sie glauben nicht, dass nur die Frau die gefährliche oder gar bösartige Verführerin wäre, die den Mann geschickt in ihre Fänge ziehen würde, wenn man sie nicht bändigt, indem man sie etwa verschleiert. Der Niqāb ist also keine „Fessel”, kein „Gefängnis” für die Verführerin, um die Männer vor ihr zu schützen.

Geschlechtertrennung

Die Geschlechtertrennung ist ein wichtiges Konzept im Glauben konservativer Muslime. Eine Vermischung der Geschlechter soll nicht stattfinden; Hidschāb und Niqāb sind „Leitplanken” für eine geschützte Integration von Frauen und Männern im öffentlichen Raum (es geht niemals um eine Barriere zwischen den Muslima und der westlichen Gesellschaft; in der Öffentlichkeit begegnen auch die Frauen einander mit Niqāb).

Hidschāb und Niqāb sind übrigens nur die eine Hälfte - Männer sind ebenso aufgefordert, sich zum einen ebenfalls zurückhaltend zu kleiden, zum anderen ihre Blicke gegenüber Frauen zu senken, sie nicht anzustarren, keinen Blickkontakt zu halten, keine flirtenden Blicke.

Übrigens wäre es unfair, den Muslimen die Schuld dafür zu geben, dass sich nur die Frauen verschleiern müssen und nicht ebenfalls die Männer. Das hat Muhammad nämlich von den Juden und Christen genau so übernommen. Auch sie kannten damals eine Trennung der Geschlechter (und zum Teil noch heute).

„Vergeben!”

Viele Frauen drücken mit ihrem Niqāb aus, dass sie vergeben, dass sie nicht an Annäherungsversuchen oder Flirts interessiert sind.

Schutz vor sexueller Belästigung

Ein schwieriges Thema, gerade für einen Mann...

Viele Frauen tragen den Niqāb, um sich vor sexueller Belästigung durch Pfiffe, taxierende Blicke, anzügliche Sprüche, blöde Anmache usw., aber auch vor Berührungen, Betatschen, aufgezwungenen Küssen usw. zu schützen (etwas, das bis zu 70 % aller Frauen in Deutschland nach eigenem Bekunden bereits erlebt haben - in jedem zweiten Fall in der Öffentlichkeit).

Gerade deutsche Frauen, die zum Islam konvertiert sind, haben die Erfahrung gemacht, dass es tatsächlich funktioniert (und noch besser als nur mit Hidschāb). Sie ärgern sich natürlich, dass man gewissen Männern nur so Grenzen aufzeigen kann, weil es ihnen viel lieber wäre, die Männer würden sich allesamt anständig benehmen, würden etwa ein „Nein!” in jedem Fall akzeptieren, würden alles, was weniger bedeckt als den ganzen Körper, nicht als „this dress means yes” oder this dress means you” interpretieren.

Sie sehen aber im Niqāb weniger den Schutz einer ansonsten hilflosen, ohnmächtigen Frau, als vielmehr das deutliche „Nein!” einer Frau, die weiß, was sie will bzw. was sie nicht will - und die dann, wenn dieses „Nein!” nicht akzeptiert wird, auch deutlicher wird. Das „Nein!” ist also durchaus auch eine nonverbale Ermahnung an die Männer - nicht, wie oft unterstellt wird, im Rahmen eines Generalverdachts gegen alle Männer, sondern an diejenigen, die nicht erst auf ein ausdrückliches „Ja” warten, ehe sie eine sexualisierte Begegnung mit einer Frau eingehen.

Viele von ihnen glauben auch nicht, dass es ihre Aufgabe und nicht die der Männer wäre, sexuelle Belästigung oder Vergewaltigung zu verhindern (oder dass das Opfer eine Mitschuld zugewiesen bekommen müsse). Der Niqāb wälzt diese Aufgabe nicht auf die Frauen ab. Es bleibt weiterhin Pflicht der Männer, sich anständig zu benehmen (und des Staates, sexuelle Belästigung und Gewalt zu ahnden). Der Niqāb soll sexuelle Belästigung nicht verhindern, sondern davor schützen

Einige Frauen glauben allerdings, dass es tatsächlich ihre Aufgabe wäre, durch Tragen des Niqāb sexuelle Belästigung zu verhindern - und eine nicht verschleierte Frau doch irgendwie eine Mitschuld trage (und falls sie doch verschleiert war, dann weil sie vielleicht allein, ohne Walī, unterwegs war oder nach Sonnenuntergang).

Als Mann sage ich: Eine Frau im Niqāb trägt den Schleier nicht, um sexuelle Belästigung zu verhindern oder weil sie selbst dafür sorgen müsste, nicht belästigt zu werden. Das ist unsere Verantwortung als Männer. Der Niqāb ist ein „Nein!” zu jeder sexualisierten Begegnung, egal ob nun anzügliche Blicke oder Sprüche oder Flirts oder was sonst. Und das, liebe Frauen, bedeutet nun nicht, dass diese Niqābi andererseits der Meinung wäre, jede nicht verschleierte Frau wäre an so etwas interessiert, wäre eine „Schlampe”. Sie schlägt Euch nur vor, es ebenfalls mit bedeckender Kleidung zu probieren, weil sie damit gute Erfahrungen gemacht hat.

Anonymität

Viele Frauen, die Niqāb tragen, schätzen die dadurch hergestellte Anonymität und die Unsichtbarkeit ihres Gesichtsausdrucks.

Dabei geht es nicht darum, dass sie andere beobachten wollen, ohne selbst beobachtet zu werden.

Keine Beachtung für Äußerlichkeiten

Viele Frauen, die Niqāb tragen, schätzen den Verzicht auf das Präsentieren von Äußerlichkeiten, den Wegfall eines sexualisierten, von patriarchalen Strukturen geprägten Körperkultes.

Freiheit

Gerade für viele Frauen, die zum Islam konvertiert sind, markiert der Niqāb auch direkt die Befreiung von den vorgenannten Äußerlichkeiten, von den „Spielchen” zwischen den Geschlechtern.

Er ist für sie Symbol einer durch den Islam und seine Konzepte für die Beziehungen der Geschlechter untereinander gewonnenen Freiheit. Sie müssen sich nicht mehr länger als Mensch in der öffentlichen Rolle einer von Männern begehrten und nach ihrer Sexyness beurteilten Frau sehen, sondern als öffentlich nicht sexualisierter Mensch. Sie glauben, dass sie damit befreit sind, nach ihren inneren Werten beurteilt zu werden.

Kommunikation

Die Frauen achten in der Regel darauf, dass der Niqāb die Kommunikation, die aber vor allem zwischen Frauen stattfindet, so wenig wie möglich behindert. So werfen sie etwa ein zusätzliches Tuch, das die Augen bedeckt, zurück, oder sie ziehen den Niqāb etwas nach unten.

Wichtig ist: Die Frauen kommunizieren in der Öffentlichkeit auch untereinander mit Niqāb. Sie kennen also gewissermaßen beide Seiten des Niqāb - auch die unsere ist ihnen durchaus vertraut.

Die Frauen erleben die Einschränkungen der Kommunikation durch den Niqāb unterschiedlich stark. Jene ca. 2 % der Frauen, die prosopagnostisch („gesichtsblind”) sind, erleben gar keine Einschränkungen durch den Niqāb. Andere erleben ihn zum Teil erheblich einschränkender.

Grundsätzlich gilt: Auch die Niqābi kommunizieren lieber ohne den Niqāb, aber das geht nur, wenn sie entweder allein unter Frauen sind oder wenn nur Männer anwesend sind, die für sie Mahram sind.

Identifikation

Frauen, die Niqāb tragen, verabreden sich oft gezielt zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort. Allerdings entwickeln die meisten Niqābi darüber hinaus bestimmte Vorlieben, wie sie sich kleiden, so dass ihre Freundinnen sie durchaus erkennen können, wenn sich an einem Ort nicht zu viele Niqābi aufhalten.

Ansonsten erfolgt die Identifizierung über Merkmale wie Augen (soweit sie nicht verdeckt sind), Körpergröße, Körperhaltung, Bewegungen und Stimme. Die Frauen (und auch ihre männlichen Verwandten) lernen recht schnell (und wohl ähnlich wie Prosopagnostiker), die Niqābi an solchen Merkmalen zu identifizieren.

Wenn es darum geht, dass sie anhand ihres Gesichts identifiziert werden sollen, ziehen sie es vor, ihren Niqāb vor einer anderen Frau zu lüften.

Unter Niqābi gilt die Regel, dass keine Frau ihrem Mann oder einem anderen Mann erzählt, wie eine andere Frau unter ihrem Niqāb aussieht. Das wäre ansonsten genau so, als würde der Niqāb dieser Frau vor dem betreffenden Mann aufgedeckt (Sufūr). Diese Regel sollten auch nichtmuslimische Frauen beherzigen, vor denen eine Muslima ihren Niqāb lüftet oder abnimmt. Darum sollte bei einer Lichtbildkontrolle das Bild der Frau ohne Niqāb nach Möglichkeit mit einem Finger abgedeckt werden, wenn fremde Männer anwesend sind.

Die Niqābi sprechen sich in der Öffentlichkeit gegenseitig als „Ukhti” („meine Schwester”) oder „Schwester” an, hängen manchmal noch einen Namen an (beispielsweise „Ukhti Maryam”). „Ukhti” ist also kein Name, sondern leitet sich von „Ukht”, „Schwester”, ab.