Wenn ich Frauen begegne, die Niqāb oder Burqa tragen, werde ich ihnen gegenüber misstrauisch, bekomme sogar Angst. Warum ist das so? Was kann man dagegen unternehmen?

Die Medien präsentieren uns, wenn es um Frauenunterdrückung, Gewalt und Terror mit muslimischem Hintergrund geht, immer wieder Bilder von Frauen, die Niqāb oder Burqa tragen - obwohl die meisten muslimischen Frauen, die Gewalt und Unterdrückung erleben, gar keinen Niqāb tragen, obwohl die meisten muslimischen Frauen, die Niqāb tragen, mit Gewalt nichts am Hut haben.

Hinzu kommt - die Bilder sind oft bewusst danach ausgewählt, dass sie die Frauen in einen bestimmten Kontext stellen und bei uns eine erhoffte Reaktion auslösen. Und geschickte Journalisten platzieren sie auch entsprechend, um eine möglichst große Wirkung zu erzielen. Gehen Sie immer davon aus: Das Bild soll eine bestimmte Wirkung beim Leser, beim Zuschauer erzielen. Der Platz für ein Bild ist teuer, also wird er „optimal” verwendet. Das Bild soll möglichst effektiv eine bestimmte Botschaft vermitteln.

Burka sells” - das Bild einer verschleierten Frau fesselt unsere Aufmerksamkeit. Das hat auch damit zu tun, dass eine bestimmte Form der Verschleierung - man denke da nur an Bauchtänzerinnen und Haremsvorstellungen - ein gewisses Maß an geheimnisvoller Erotik transportiert, wir aber auch Sexualität und Unterwerfung oftmals zusammen denken (gerade in patriarchal geprägten Strukturen). Der Anblick einer Frau, die Niqāb oder Burqa trägt, weckt in uns auf verschiedenen Wahrnehmungsebenen diffuse Gefühle, die wir nicht recht einordnen können (was uns wiederum verunsichert).

Dazu kommt natürlich, dass wir eine verschleierte Person nicht anhand ihres Gesichtes identifizieren können. Eine maskierte Person weckt wiederum verschiedene diffuse Gefühle in uns, weil theoretisch „alles möglich” ist. Wir wissen aber nicht, was genau denn passieren wird.

Und zuletzt ist der Anblick zumindest in der Realität den meisten von uns unvertraut. Wir kennen diese Personen nur von Bildern, nur aus Zeitungen - genau wie einen Star aus der Film- oder Musikwelt. Und genau so, wie wir ganz aufgeregt sind, wenn wir plötzlich George Clooney, Denzel Washington oder Julia Roberts vor uns zu sehen glauben, sind wir auch aufgeregt, wenn so eine bisher scheinbar ferne Person, deren Bild uns aber doch allen vertraut ist, vor uns auftaucht. Dieser Einbruch einer bisher nur zweidimensional, aber doch recht geballt wahrgenommenen Person in unsere fragile Wirklichkeit bringt uns durcheinander.

All das rührt unsere Emotionen auf - aber durch die medialen Bilder verschleierter Frauen im unvermeidlichen Zusammenhang mit Unterdrückung, Gewalt und Terror gewinnen Misstrauen und Angst die Oberhand. Im Kopfkino tauchen die Bilder auf, die uns von den Medien implantiert worden sind, und sie beunruhigen uns. Dabei wissen wir meistens sogar, dass unser diffuses Misstrauen, unsere Ängste keine rationale Grundlage aufweisen, und manchmal schämen wir uns für unsere Gefühle, unser Misstrauen, unsere Angst.

Das mulmige Gefühl, das Misstrauen, die Angst sind psychologisch erklärbar. Die Psychologie erklärt uns auch, dass die Angst, die wir erleben, wenn wir etwas Schreckliches mit ansehen müssen (auch wenn es nur indirekt, aber dafür komprimiert in den Medien geschieht), die dabei präsentierten Bilder in unser Gedächtnis einbrennt. Sie werden, wie es so schön heißt, generalisiert. Tauchen diese Bilder dann in der Realität dreidimensional vor uns auf, dann weckt das die Ängste in uns.

Hier tragen also die Medien eine große Schuld, die nahezu jeden Bericht über Unterdrückung, Gewalt und Terror mit angeblich muslimischem Hintergrund mit Bildern verschleierter Frauen versehen. Diese Bilder werden in den „Programm-Code” unserer Wahrnehmung, unseres Verhaltens, unserer Reaktionen hineingeschrieben.

Auch wenn all das erklärbar ist - wir sind damit nicht aus unserer Verantwortung entlassen, wie wir mit diesen „Programmierungen”, mit dem mulmigen Gefühl, dem Misstrauen und der Angst letzten Endes umgehen. Lassen wir es zu, dass diese Gefühle uns beherrschen? Überlassen wir ihnen die Zügel? Das ist der Weg des geringsten Widerstandes, wir lassen einfach die „Programmierung” unsere Gefühle und unser Verhalten steuern.

Aber dies ist der falsche Weg.

Auch wenn der Prozess recht mechanisch abläuft, so können wir doch Einfluss darauf nehmen, wie wir reagieren. Das bedeutet aber, dass wir die „Programmierung” außer Kraft setzen müssen. Vom „Autopiloten” auf eigene Kontrolle umschalten, die Zügel selbst in die Hand nehmen. Gegen den Widerstand der ins eingepflanzten Bilder und der damit verbundenen Gefühle.

Das setzt voraus, dass wir uns erstens informieren - dass wir uns sachliche Informationen beschaffen.

Nun ist es aufgrund des islamischen Konzepts der Geschlechtertrennung gerade für Männer schwierig, sich die Informationen an der „Quelle”, also der verschleierten Frau zu suchen.

Für Frauen ist es dagegen gar kein Problem - nur dass die Frauen die Fragen zu ihrer „Burka” manchmal nicht mehr ertragen. Manche sind sehr geduldig, vor allem, wenn das Gegenüber höflich und respektvoll ist - aber manche sind auch einfach nicht mehr bereit, die Tausendste Frage zu „Burka”, Unterdrückung, Gewalt, Terror, „duschen Sie auch mit dem Ding?”, „wie können Sie damit eigentlich essen?”, „dürfen Sie auch allein das Haus verlassen?”, „du sprechen meine Sprache? Ich fragen von dir wissen warum du Burka tragen musst!” und so weiter freundlich zu beantworten. Sie möchten nicht auf ihren Niqāb reduziert werden. Der Niqāb macht nur einen kleinen Teil ihres Lebens aus.

Darum ist es viel besser, erst einmal die Frau kennenzulernen. Den Menschen. Das ist nun ohnehin der zweite Schritt, der zu nennen ist, wenn wir unser Misstrauen, unsere Ängste überwinden wollen: Einander kennenlernen. Wie gesagt: Das wird Frauen weit besser gelingen als Männern.

Ideal ist, wenn unter Frauen (oder unter Familien) die so genannte Konvivenz gelingt, ein Miteinander auf nachbarschaftlicher Ebene. Konvivenz bedeutet, einander auf Augenhöhe zu begegnen, als Gleichgestellte miteinander zu leben. Konvivenz bedeutet konkret, einander zu helfen, voneinander zu lernen und miteinander zu feiern.

Drittens kann man ganz konkret etwas gegen seine Angst unternehmen, wenn man sich etwa im Bus oder in der Bahn bewusst neben eine Frau setzt, die verschleiert ist. Wenn man das eine Weile durchhält, geht die Angst von selbst zurück.

Wenn man sich dagegen bewusst entfernt aufhält, nimmt die Angst zu. Wenn man immer wieder heimlich hinschaut, nimmt die Angst zu. Wenn man auf jede verdächtige Bewegung, jeden verdächtigen Laut achtet, nimmt die Angst zu.

Viertens kann man der verschleierten Frau freundlich zunicken und ihr einen „guten Tag” wünschen (aber bitte, gerade als Mann, nicht in die Augen starren). Oder sogar ein „schön, dass Sie da sind”. Das tut nicht nur der betreffenden Frau gut - es mindert Ihre Angst. „Ich finde es gut, dass Sie Ihren Glauben öffentlich bekennen, das fehlt in unserer Gesellschaft!”

Fünftens können Sie auch etwas vorbeugend tun. Stellen Sie sich einfach eine Begegnung mit einer verschleierten Frau vor. Stellen Sie sich vor, wie Sie sie anlächeln, ihr einen „guten Tag” wünschen. Wie Sie ihr sagen, „ich finde es schön, dass Sie da sind”. Stellen Sie sich vor, wie Sie neben ihr auf einer Bank sitzen und ganz entspannt ein Buch lesen oder einen schönen Sommerabend genießen. Dieses „Kopfkino” mindert Ihre Angst.

Sechstens achten Sie darauf, was die Medien mit den Bildern verschleierter Frauen bei Ihnen anrichten. Steuern Sie bewusst dagegen. Sagen Sie sich jedes Mal, „dieses Bild ist ja nun wirklich unpassend gewählt”.

Siebtens sollten Sie wissen, dass gewisse Leute (Politiker, Journalisten, Vertreter religiöser Gemeinschaften) den Niqāb oder die Burqa gerne als „Überdruckventil” gegen latente Islamfeindlichkeit verwenden. Um den „Druck” von den „normalen” Muslimen zu nehmen, wird über die „Burka” debattiert, wird sie im schlimmst möglichen Licht dargestellt, werden Verbote gefordert. „Die tun was”, möchte etwa der Politiker dem Volk vermitteln, wenn er die „Burka” dämonisiert und sich für ein Verbot ausspricht. „Mit einem Verbot wird alles sicherer.” Die schlechte Presse des Niqāb ist von vielen gewollt, die Forderungen nach einem Verbot sollen ein politisches Zeichen sein, ein Symbol. Man opfert bewusst die wenigen Frauen, die hierzulande Niqāb tragen, um dem Volk eine Botschaft zu vermitteln, um eine bestimmte Wirkung zu erzielen. Das ganze ist Populismus.

Eine letzte Bemerkung noch: Kinder haben manchmal Angst vor dem Niqāb - aber das ist von Natur aus nicht so. Von Natur aus sind sie neugierig, wenn sie eine Frau mit Niqāb sehen. Aber Kinder lernen schnell von den Eltern oder anderen Bezugspersonen, auf den Anblick einer Frau mit Niqāb mit Misstrauen oder Angst zu reagieren. Kinder können diese Angst aber auch wieder verlernen, wenn man mit ihnen darüber spricht, warum die Frauen diesen Schleier vor dem Gesicht tragen. Es ist wichtig, dass Kinder diese Ängste ablegen. Es ist eine wichtige Aufgabe auch für Pädagogen, wenn sie in Kindergärten oder an Schulen mit Kindern zu tun haben, die Angst vor Frauen mit Niqāb erlernt haben.