Wie stehen die Frauen, die Niqāb oder Burqa tragen, zu Gewalt und Terror?

Zuerst einmal muss man sagen, dass es keinen unmittelbaren Zusammenhang zwischen Niqāb einerseits und Terror- und Gewaltbereitschaft andererseits gibt.

Ein religiös motivierter Gewalttäter oder Terrorist ist nun einmal bestrebt, den Gesetzmäßigkeiten der von ihm praktizierten Religion in seinem Leben Geltung zu verschaffen, auch wenn diese im Einzelfall je und je nichts mit Gewalt und Terror zu tun haben.

Ein Terrorist muslimischen Hintergrundes wird alle religiösen Pflichten erfüllen, beispielsweise das Gebet, ohne dass das Gebet deswegen etwas mit Gewalt und Terror zu tun hätte.

Niqāb und Burqa sind in den vier traditionellen Rechtsschulen des sunnitischen Islam Sunna (empfehlenswert) bzw. Mustaḥabb (wünschenswert) und, wenn Fitna (Versuchung, Prüfung) befürchtet wird, Farḍ (Pflicht).

Mit Gewalt und Terror hat der Niqāb jedoch grundsätzlich nichts zu tun.

Keine der Terrorbewegungen empfiehlt, soweit mir bekannt, das Tragen des Niqāb als Erkennungszeichen oder als Tarnung für Anschläge (sondern lediglich als Erfüllung grundlegender muslimischer Pflichten). Im Gegenteil werden die Anhängerinnen immer wieder aufgerufen, im Westen den Niqāb abzulegen, um nicht verdächtigt zu werden, um nicht aufzufallen.

Das vorweg.

Ansonsten gilt: Es gibt, soweit mir bekannt, keine einzige Untersuchung, die einen Zusammenhang zwischen dem Niqāb einerseits und Terror- und Gewaltaffinität andererseits zum Thema gehabt hätte. Somit gibt es auch keinerlei belastbare Ergebnisse. Es gibt nur Unterstellungen.

Doch die Wahrheit ist:

  • Eine unbekannte Anzahl von Frauen, die Niqāb tragen, haben eine positive Einstellung zu Terror und Gewalt
    • Eine vermutlich deutlich größere Anzahl von Frauen, die Niqāb tragen, teilen diese Einstellung nicht
  • Eine unbekannte Anzahl von Frauen, die Niqāb tragen, stehen dem IS oder einer anderen Terrororganisation nahe
    • Eine vermutlich deutlich größere Anzahl von Frauen, die Niqāb tragen, haben mit IS & Co. nichts gemeinsam
  • Eine unbekannte Anzahl von Frauen, die Niqāb tragen, können der Salafiyya zugerechnet werden
    • Eine ebenfalls unbekannte Anzahl der Frauen, die Niqāb tragen, können nicht der Salafiyya zugerechnet werden
    • Von denen, die der Salafiyya zugerechnet werden, kann eine unbekannte Anzahl der puritanischen Strömung zugerechnet werden
    • Von denen, die der Salafiyya zugerechnet werden, kann eine unbekannte Anzahl der politischen Strömung zugerechnet werden
    • Von denen, die der Salafiyya zugerechnet werden, kann eine vermutlich kleine Minderheit der terroristischen Sekte zugerechnet werden
  • Eine unbekannte Anzahl von muslimischen Frauen, die keinen Niqāb tragen, haben eine positive Einstellung zu Terror und Gewalt
    • Hierunter sind sowohl schiitische als auch sunnitische Frauen (und auch Angehörige anderer Glaubensrichtungen)
    • Einige von ihnen gehören Terrororganisationen an, manche auch IS & Co. 
  • In Europa gibt es vermutlich zahlenmäßig unter denen, die Gewalt und Terror bejahen oder dazu bereit sind, weit mehr Frauen ohne Niqāb als mit Niqāb
    • Vermutlich sind Terror- und Gewaltaffinität unter Niqābi und Nicht-Niqābi vergleichbar verbreitet

Das eine, der Niqāb, hat mit dem anderen, Terror und Gewalt, so wenig zu tun wie das Kreuz mit den Kreuzzügen oder dem Ku-Klux-Klan.

Die Niqābi, die ich kenne, haben jedenfalls allesamt mit Terror und Gewalt nichts zu tun (und das, obwohl viele von ihnen aufgrund der Intoleranz und der Ausgrenzung, der Ablehnung und des Hasses, die sie immer wieder von uns erfahren, allen Grund hätten, sich zu radikalisieren und gegen diese Gesellschaft zu wenden).

Von daher: Der Niqāb darf nicht in die Gewalt- und Terror-Debatte hinein gemischt werden. Niqāb und Gewalt bzw. Terror sind zwei verschiedene Paar Schuhe, deren Abdrücke wir nur manchmal in derselben Spur finden, die aber meist auf unterschiedlichen Wegen laufen, weil die meisten Niqābi mit Gewalt und Terror nichts zu tun haben.

Wer sich in der Nähe einer Frau mit Niqāb aufhält, befindet sich nur mit sehr geringer Wahrscheinlichkeit neben einer Frau, die gewaltbereit oder eine Terroristin oder eine Anhängerin des IS ist. Und wenn es doch eine wäre, so wird sie sehr wahrscheinlich, ehe sie einen Anschlag verübt, ihre islamische Kleidung ablegen - schließlich will sie nicht auffallen. Sie wird vermutlich normal gekleidet mit einem Auto zum Anschlagsort fahren und nicht viel Zeit verlieren, ehe sie zuschlägt. Wobei: Die meisten Anschläge werden von Männern begangen. Und auch die verkleiden sich für gewöhnlich nicht mit islamischer Frauenkleidung - das ist viel zu auffällig.

Ansonsten: Terror gibt es in unserem Land nicht nur mit muslimischem Hintergrund. Weit schlimmer ist der rechtsextreme Terrorismus, der mit dem Islam nichts zu tun hat.