Darf man verschleierte Frauen fotografieren und die Aufnahmen veröffentlichen?

Auf diese Frage gibt es zwei Antworten, eine rechtliche und eine moralische. Und zuletzt gibt es noch einen religiösen Aspekt, der zu bedenken ist.

Zum rechtlichen Aspekt muss ich an einen (Fach-) Anwalt o.ä. verweisen, da ich keine Rechtsberatung vornehmen darf.

Es sei aber darauf hingewiesen, dass es in der Regel so ist, dass man eine verschleierte Frau nicht einfach so fotografieren darf. Das gilt auch dann, wenn sie mit Niqāb oder Burqa komplett verschleiert und darum scheinbar nicht zu identifizieren ist, auch wenn das Gegenteil oft behauptet wird.

Hier kommen § 22 und § 23 des Kunsturhebergesetzes ins Spiel. Dort heißt es ausdrücklich, „Bildnisse dürfen nur mit Einwilligung des Abgebildeten verbreitet oder öffentlich zur Schau gestellt werden”. Zuwiderhandlungen können übrigens eine Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder eine Geldstrafe nach sich ziehen.

Nach gültiger Rechtsprechung verstößt nicht erst die Verbreitung, sondern bereits das Herstellen eines Fotos, das nach § 22 KUG nicht veröffentlicht werden darf, gegen das allgemeine Persönlichkeitsrecht des Abgebildeten. Dies wird damit begründet, dass durch die Herstellung des Fotos das Bildnis des Betroffenen von seiner Person gelöst und seiner Verfügungsgewalt entzogen wird.

Eine Gesichtsverschleierung hebt das Recht einer Person am eigenen Bild nicht auf (ebenso wenig, wenn bei einer Person nur die Augen mit einem Balken übermalt oder das Gesicht unscharf maskiert wird). Sobald etwa Bekannte der Person diese auf einer Aufnahme erkennen könnten, woran auch immer, ist das Recht am eigenen Bild geschützt.

In einem Rechtsstreit um das Recht am eigenen Bild muss die auf einem Foto abgebildete Person nicht nachweisen, dass sie tatsächlich erkannt wurde, sondern dass ein begründeter Anlass besteht, dass sie erkannt werden könnte.

Hinzu kommt, dass verschleierte Frauen hierzulande so selten sind, dass oftmals schon der Ort der Aufnahme Rückschlüsse auf die Identität der abgebildeten Person zulässt - zumindest wenn diese in der Nähe wohnhaft ist.

Das Gesetz sieht Ausnahmen vor, hat jedoch die Latte hierfür sehr hoch gesetzt.

Natürlich kann eine verschleierte Frau ihr Einverständnis zur Fotografie und Veröffentlichung geben (Stichwort: Modell-Vertrag). Konkludentes Verhalten reicht in der Regel nicht aus. Die notwendige Einwilligung ist vorher einzuholen.

Handelt es sich um ein Mädchen, das ihr achtzehntes Lebensjahr noch nicht vollendet hat, so müssen sowohl das Mädchen als auch ein gesetzlicher Vertreter einwilligen.

Und wenn die verschleierte Frau nur zufällig als unvermeidliches Beiwerk auf einer Aufnahme eines anderen Motivs präsent ist, so stellt sich die Angelegenheit rechtlich auch anders dar.

Auch bei Bildern, die verschleierte Frauen zeigen, die an „Versammlungen, Aufzügen und ähnlichen Vorgängen” teilgenommen haben, stellt sich die Situation etwas anders dar (solange die Frau nicht fotografisch aus der Versammlung gelöst wird).

Bleiben noch „Bildnisse aus dem Bereiche der Zeitgeschichte” - ein Aspekt, der im Hinblick auf verschleierte Frauen kaum gegeben sein dürfte, wenn es sich eben nicht um eine so genannte Person der Zeitgeschichte handelt.

Aber wie gesagt: Das Recht am eigenen Bild ist ein rechtliches Thema, Sie müssen hier ggf. Rechtsberatung einholen. Ohne diese kann man eigentlich nur raten: Verzichten Sie darauf, verschleierte Frauen zu fotografieren und die Aufnahmen zu veröffentlichen.

Es bleibt der moralische Aspekt. Es ist schlicht und ergreifend unmoralisch und darum verwerflich, ein Foto einer Person ohne deren Einverständnis zu erstellen bzw. zu veröffentlichen.

Fotokünstlerische Ethik setzt das Einverständnis fotografisch festgehaltener Personen an der Aufnahme, Bearbeitung und Veröffentlichung des jeweiligen Lichtbildes voraus.

Zuletzt noch ein Hinweis auf den religiösen Aspekt: Manche Menschen haben ein religiös bedingtes Interesse, dass kein Bildnis von ihnen angefertigt wird. Dieses Interesse ist geschützt durch das Recht auf Religionsfreiheit.

Wenn man annehmen kann, dass eine Person aus religiösen Gründen nicht möchte, dass ein Bildnis von ihr angefertigt wird - und im Hinblick auf gläubige Muslime ist das Wissen um diese Thematik unter Europäern durchaus verbreitet -, dann ist die Anfertigung eines Bildnisses eine Verletzung ihrer religiösen Gefühle.