In Deutschland ist es verboten, nackt herumzulaufen. Darum kann man auch Niqāb und Burqa verbieten, oder?

Tatsächlich ist die öffentliche Nacktheit in Deutschland (wie in vielen anderen Ländern auch) nicht ausdrücklich verboten.

So ist die Nacktheit in Strandnähe hierzulande durch die Rechtsprechung de facto legal. Andernorts kann sie als „Belästigung der Allgemeinheit” eine Ordnungswidrigkeit darstellen und einen Platzverweis durch die Polizei nach sich ziehen. In freier Natur kommt es schließlich de facto darauf an, ob jemand behauptet, belästigt zu werden und aufgrund dessen Strafverfolgung verlangt, was so gut wie nie geschieht.

Also würde durch ein „Burkaverbot” in der Öffentlichkeit das Tragen von Niqāb und Burqa strenger geahndet werden als Nacktheit in der Öffentlichkeit. Damit spricht der Vergleich Nacktheit vs. Niqāb eher gegen ein ausdrückliches Verbot des Niqāb.

Tatsächlich ist aber zweifelhaft, ob der Niqāb überhaupt mit der Nacktheit vergleichbar ist.

Meines Erachtens sind sowohl Hidschāb als auch Niqāb vielmehr mit Sexyness als denn mit Nacktheit zu vergleichen, also eher mit dem Tragen von Minirock, Hot Pants, knallengen Hosen, High Heels, oberschenkellangen Stiefeln - allem also, was den Körper einer Frau sexy präsentiert.

Hier gilt heutzutage: „Erlaubt ist, was gefällt”.

Der Körper einer Frau gehört nur ihr selbst, also darf sie sich in der Öffentlichkeit so präsentieren, wie es ihr gefällt.

Selbst ein sehr extremes Outfit, das man ansonsten vielleicht eher bei einer so genannten Sexarbeiterin erwarten würde, fällt nicht unter „Belästigung der Allgemeinheit”, gilt nicht als eine Ordnungswidrigkeit und würde keinen Platzverweis nach sich ziehen. Erst recht gibt es kein „Sexyness-Verbot”.

Zugleich zieht der Körperkult eine gewisse Uniformität nach sich, die den Frauen vorschreibt, was denn nun sexy ist und was nicht.

Sexyness ist längst zur „Burka des Westens” geworden - und Hidschāb, Niqāb und Burqa für viele Mädchen und junge Frauen zu einem nonverbalen Protest gegen das Diktat des Körperkults und damit verbundene strenge Standards, wie eine Frau sich zu präsentieren (und - nach Überzeugung vieler - zur Verfügung zu stellen) hat.

Doch zugleich hinkt der Vergleich zwischen Niqāb einerseits und sowohl Nacktheit als auch Sexyness andererseits; denn Niqāb fällt in den Bereich der Religion und damit in den verfassungsmäßigen Schutzbereich der Religionsfreiheit. Der Niqāb als Ausdruck einer religiösen Überzeugung genießt von sich aus einen höheren Schutz gerade vor staatlichen Eingriffen als das Recht auf Nacktheit oder Sexyness.