Wäre ein Verbot von Niqāb und Burqa nicht ein wichtiges politisches Zeichen für die Gesellschaft, damit die Menschen im Land sehen, dass die Politik etwas für die Sicherheit der Menschen und für die gesellschaftlichen Werte tut?

Tatsächlich fordern einige Kirchenleute, Politiker und Medienvertreter ein „Burkaverbot”, um der Gesellschaft das vermeintlich wichtige Zeichen zu geben, dass die Politik, dass der Staat etwas für die Sicherheit der Menschen tut (etwa vor Terroranschlägen), dass er sich um die gesellschaftlichen Werte kümmert (etwa das vermeintliche „offene Gesicht”).

Im Prinzip wollen sie ein Verbot von Niqāb und Burqa als eine Art Überdruckventil für in der Gesellschaft latent (oder auch immer häufiger virulent) vorhandene Ängste vor Terror und Islamisierung, einen kontrollierten Abfluss für Fremden- und Islamfeindlichkeit.

Gib dem Volk ein „Burkaverbot”, damit die Menschen ein erreichbares Ziel für ihre Ängste, Sorgen und Feindlichkeiten haben - eine moderne Form von Panem et circenses, „Brot und Spiele”, um das Volk ruhigzustellen und auch, wie es die römischen Machthaber taten, um es zu bestechen.

Will man das Volk mit einem Verbot von Niqāb und Burqa bestechen und ruhigstellen, wird es freilich bald mehr verlangen (zumal es unter „Burka” ja weithin viel mehr versteht als nur Niqāb und Burqa) - nämlich ein Verbot von Čádor, Çarşaf, Abaya, Khimar und Hidschāb. Es geht dem Volk, soweit es nach einem Verbot der „Burka” verlangt, mehrheitlich nicht um die Frage, ob das Gesicht bedeckt ist oder nicht - man sieht die Bedeckung des Gesichts nur als Extremform einer allgemein unerwünschten Kleidung, die mit unseren Werten angeblich nicht kompatibel ist und unter der sich natürlich Waffen oder Bomben verstecken können (denn es gibt im Volk nun einmal eine große Zahl von Personen, die Frauen in Hidschāb, Čádor, Çarşaf, Abaya und Khimar kriminalisieren, also in die Kategorie „Terrorismus - Täter” einordnen).

Ein Verbot durch den Staat ermuntert natürlich in der Folge viele Menschen dazu, dem Recht dann auch nachdrücklich Geltung zu verschaffen - man attackiert Frauen in vermeintlich oder tatsächlich verbotener Kleidung verbal oder sogar physisch.

Ein staatliches Verbot ist immer die Legitimation für den einzelnen Bürger, der dieses Verbot gutheißt, selbst aktiv zu werden, wenn er mit scheinbaren Übertretungen des von ihm gutgeheißenen Verbotes konfrontiert wird. Im besten Fall greift er zum Telefonhörer und ruft die Polizei, im schlimmsten Fall reißt er ihr Niqāb und  Hidschāb vom Kopf und schlägt sie. Im Extremfall greift er zu einer Waffe und setzt diese gegen die Frau ein oder schubst sie in der U-Bahn-Station auf die Gleise.

Das Beispiel des Verbots von Niqāb und Burqa in Frankreich hat zudem in den vergangenen fünf Jahren deutlich gezeigt, dass Frauen, die Hidschāb tragen, nun vermehrt angefeindet und angegriffen werden. Die Islamfeindlichkeit im Land hat deutlich zugenommen, und gerade die Frauen bekommen das ab. Das würde natürlich auch in Deutschland der Fall sein. Wer ein „Burkaverbot” bejubelt, ärgert sich für gewöhnlich auch über Hidschāb, Čádor, Çarşaf, Abaya und Khimar. Da der Staat schon einmal nachgegeben und ein Verbot erlassen hat, ist er guten Mutes, nun ein weiteres Mal mit seinen Forderungen Erfolg zu haben. Hier muss man den Anfängen wehren. Ein Niqāb-Verbot ist eine schiefe Ebene, die andere Verbote zwangsläufig nach sich zieht - oder, wenn der Staat diese verweigert, zu Unzufriedenheit und Aggressionen führt: „Der Staat lässt uns ja allein und kümmert sich nicht, wir müssen uns selbst helfen”.

Natürlich haben manche Menschen Angst vor Niqāb und Burqa (und dann in der Regel auch vor Hidschāb, Čádor, Çarşaf, Abaya und Khimar) - ohne dass diese Ängste sachlich begründet, ohne dass sie gerechtfertigt wären. Es sind diffuse Ängste, die freilich auch von bestimmten Kreisen geschürt werden, die bis in die Mitte der Gesellschaft hinein wirken. Es sind Ängste, mit denen gewisse Kreise spielen, ein Pfund, mit dem sie wuchern. „Burka sells, Burkaverbot sells even better” - das wissen Politiker, Medienleute, Demo-Redner, evangelikale Prediger und viele andere. Die Ängste werden dadurch stabilisiert, dass viele Mythen und Unterstellungen im Umlauf sind, viele falsche Vorstellungen über diese Frauen und das Leben, das sie führen.

Da es in Deutschland höchstens 6.500 Frauen gibt, die Niqāb tragen (also höchstens 0,01625 % aller Frauen in Deutschland), ist auch die Gefahr recht gering, dass die mit Angst infizierten Deutschen einer Niqābi begegnen und sie kennenlernen, was die Ängste dann als unsinnig entlarven würde (wobei die Angstverbreiter eher davon ausgehen, dass die „Burkas” ohnehin kein Deutsch sprechen, weil sie ja alle aus dem Ausland kommen und von ihren Männern unterdrückt und von der Gesellschaft ferngehalten werden). Freilich wird die vermeintliche Bedrohung durch die Niqābi stets übertrieben dargestellt, als seien die Frauen im Niqāb eine Lawine, die uns überrollt (dabei wird es vermutlich im Jahre 2050 höchstens 50.000 Frauen mit Niqāb gaben, das wären dann 0,125 % aller Frauen in Deutschland).

Was wir brauchen, ist eine seriöse Auseinandersetzung mit dem Thema Niqāb, die Ängste abbaut (und Mythen, Unterstellungen und falsche Vorstellungen korrigiert). Das ist eine Aufgabe für Politik, Medien, Religionsgemeinschaften und Schulen - aber auch für jeden Bürger, der sein Leben nicht von Ängsten bestimmen lassen möchte.

Angst ist niemals ein guter Ratgeber, niemals ein zuverlässiger Wegbegleiter, niemals ein belastbares Fundament für eine Gesellschaft.

Angst führt freilich auch dazu, dass die Frauen, denen unsere Angst gilt, sich von der Gesellschaft absondern, dass sie sich zurückziehen, dass sie sich zuletzt auch radikalisieren. Angst vor Frauen im Niqāb ist eine selbst erfüllende Prophezeiung; denn wir drängen sie letztlich in die Rolle, die wir ihnen zuschreiben.

Wer mit der Angst vor Frauen im Niqāb spielt und mit einem Niqāb-Verbot das Volk ruhigstellen und bestechen will, verletzt damit die Menschenwürde der Niqābi. Er macht aus ihnen Spielfiguren und spricht ihnen jede Menschenwürde ab. Es ist ihm in der Regel auch egal, was aus ihnen wird. Es kümmert ihn nicht wirklich - über die Folgen seines Handelns für diese Frauen denkt er nicht nach.

Und wem heute ein paar Frauen im Niqāb egal sind, wenn er sie auf das Spielfeld stellt - der wird morgen eine andere, größere Gruppe von Menschen in den Circus schicken, etwa die Frauen in Čádor, Çarşaf, Abaya und Khimar. Es sind ja nur Spielfiguren auf einem großen Spielbrett.