Hat nicht die Kairoer al-Azhar-Universität, deren Großscheich die höchste Autorität des sunnitischen Islam darstellt, die Verschleierung mit dem Niqāb abgelehnt und für unislamisch erklärt?

Dem ist in der Tat so.

Tatsächlich hat der mittlerweile verstorbene Muhammad Sayyid Tantawi, Großscheich der al-Azhar-Universität, Imam der al-Azhar-Moschee und Großmufti Ägyptens, nicht nur die Verschleierung des Gesichts muslimischer Frauen abgelehnt, für unislamisch erklärt und an der von ihm geleiteten Universität verboten, sondern auch das Kopftuchverbot für französische Schülerinnen befürwortet.

Sowohl Tantawi als auch sein Nachfolger Ahmad Muhammad al-Tayyib waren dem abgesetzten Mubarak-Regime in Ägypten, das sie ja auch in Amt und Würden eingesetzt hatte, treu ergeben - und seit al-Sisi 2013 gegen den demokratisch gewählten Präsidenten Muhammad Mursi geputscht und die Macht ergriffen hat, ist al-Tayyib wiederum dem vom Militär gestützten Regime, das wiederholt die Menschenrechte verletzt hat, treu ergeben.

Tantawi wurde zudem über die Grenzen Ägyptens hinaus bekannt als „as-Sajjid bil-OK”, als „Mann des Okay”, weil er immer wieder gerade auch beim Volk unbeliebten Entscheidungen des Mubarak-Regimes sein Okay gegeben hatte.

Die Äußerungen dieser Autoritäten in der Hidschāb- und Niqāb-Debatte entsprachen je und je den Wünschen zuerst des Mubarak- und jetzt des al-Sisi-Regimes - da geht es nicht um theologische Erkenntnisse. Somit sind sie theologisch betrachtet wertlos.

Schaut man sich das ägyptische Regime von al-Sisi an, stellt sich ohnehin die Frage, ob man sich von deren religiösem Sprachrohr den Islam erklären lassen möchte.